Yonas Kedir ist Chefredakteur des preisgekrönten äthiopischen Nachrichtenportals Addis Standard. Anfang August wurde er von Sicherheitskräften festgenommen und misshandelt. Im Interview mit CIVICUS spricht er über seine Inhaftierung, den wachsenden Druck auf unabhängige Medien und die Folgen für die Pressefreiheit in Äthiopien.
Redaktion | 22. September 2026
Addis Abeba (IPS/afr) – In West-Tigray sind die Kämpfe wieder aufgeflammt und belasten das Friedensabkommen von 2022, das einen Krieg mit Hunderttausenden Toten beendete. Während sich Regierung und bewaffnete Gruppen gegenseitig die Schuld für die erneute Gewalt zuschieben, geraten unabhängige Journalist*innen, die darüber berichten wollen, zunehmend unter Druck. Reporter*innen, die über den Konflikt und seine Folgen berichten, sind Entführungen, Inhaftierungen, Schikanen und Überwachung ausgesetzt. Dadurch haben die Äthiopier*innen immer weniger Möglichkeiten, sich über die Geschehnisse zu informieren.
Wie ist die aktuelle Lage in Äthiopien?
Yonas Kedir: Äthiopien steht vor einer sich überschneidenden humanitären, politischen und sicherheitspolitischen Krise. In den Bundesstaaten Amhara und Oromia halten die bewaffneten Konflikte an, während Tigray weiterhin unter den Folgen des verheerenden Krieges von 2020 bis 2022 leidet. Vertreibungen gehen weiter, territoriale Streitigkeiten sind nach wie vor ungelöst, und das Friedensabkommen wurde nur teilweise umgesetzt.
Bewaffnete Konflikte und Unsicherheit haben sich auch auf Benishangul-Gumuz, Gambela und andere Teile Äthiopiens ausgebreitet. Die Spannungen zwischen der äthiopischen Zentralregierung und den Behörden Tigrays haben sich verschärft. Die Regierung wirft Eritrea vor, die Volksbefreiungsfront von Tigray und andere bewaffnete Gruppen zu unterstützen. Die Beziehungen zu Eritrea sind angespannt, insbesondere aufgrund von Streitigkeiten über den Zugang zum Roten Meer und die regionale Sicherheit. Äthiopien gerät zudem wegen seiner mutmaßlichen Rolle im sudanesischen Bürgerkrieg zunehmend unter Beobachtung.
Die Regierung behauptet, Äthiopien sehe sich einer antiföderalen Militärbewegung gegenüber, an der Eritrea, Sudan, die Oromo-Befreiungsarmee, die Tigray-Streitkräfte und Fano, eine nationalistische Miliz der Amhara, beteiligt seien. Sie wirft ihnen vor, als Bündnis gegen die Zentralregierung zu arbeiten. Diese Behauptungen sind höchst umstritten, prägen aber die Darstellung der Sicherheitslage durch die Regierung.
Warum werden Journalist*innen ins Visier genommen, und warum nimmt der Druck zu?
Yonas Kedir: Journalist*innen werden ins Visier genommen, weil unabhängige Berichterstattung die offizielle Darstellung infrage stellen und Missstände, Gewalt gegen Zivilist*innen und das Vorgehen der Regierung aufdecken kann. Wenn Journalist*innen mutmaßliche Übergriffe durch Regierungskräfte untersuchen, stellen die Behörden ihre Arbeit als Gefährdung der nationalen Sicherheit Äthiopiens oder als Dienst an ausländischen Interessen dar.
Die Tendenz, unabhängigen Journalismus als Bedrohung der nationalen Sicherheit zu betrachten, nimmt zu. Regierungsbeamte fordern die Medien häufig auf, dem nationalen Interesse und der nationalen Einheit Priorität einzuräumen, während kritische Berichterstattung über sensible Themen als grundsätzlich schädlich für das Land eingestuft wird.
Amnesty International und Human Rights Watch haben eine sich verschlechternde Lage für unabhängige Medien dokumentiert. Dazu gehören Inhaftierungen, Einschüchterungen, Einschränkungen und die Verwendung weit gefasster Argumente der nationalen Sicherheit und des nationalen Interesses gegen kritische Berichterstattung. In diesem Kontext kann legitime Berichterstattung im öffentlichen Interesse von Behörden oder Politiker*innen als Parteilichkeit interpretiert werden.
Der Druck hat sich verstärkt, weil mehrere politisch sensible Themen gleichzeitig zusammenkommen. Dazu gehören das politische Umfeld, die Sicherheitslage, die ungelösten Folgen des Tigray-Krieges, Spannungen mit Eritrea und Sudan sowie Debatten über Äthiopiens verfassungsrechtliche und politische Zukunft.
Die jüngsten Wahlen fanden in einem stark umkämpften politischen Umfeld statt, da mehrere große Oppositionsparteien den Wahlprozess boykottierten. Dies hat Fragen hinsichtlich der Inklusivität und der breiteren politischen Legitimität des Wahlprozesses aufgeworfen, insbesondere in einem Kontext, in dem der politische Spielraum für Oppositionelle und unabhängige Stimmen weiterhin eingeschränkt ist.
Diese Problematik macht unabhängige Berichterstattung besonders wichtig, führt aber auch dazu, dass der Journalismus über Themen von Regierung und Politik zunehmend heikel wird.
Warum wurden Sie festgenommen und was geschah während Ihrer Haft?
Yonas Kedir: Ich weiß nicht genau, wer meine Inhaftierung angeordnet hat, und ich kann auch das genaue Motiv nicht ermitteln. Doch die mir gestellten Fragen und die Umstände lassen stark vermuten, dass meine journalistische Arbeit eine zentrale Rolle spielte.
Am 1. August wurde ich von Sicherheitskräften festgenommen und misshandelt. Mir wurden die Augen verbunden, und ich wurde etwa 24 Stunden lang festgehalten. Sie befragten mich zu meiner Arbeit und zur Berichterstattung des Addis Standard. Während meiner Haft durchsuchten Sicherheitskräfte die Redaktionsräume des Addis Standard und beschlagnahmten Kameras und andere Ausrüstung. Auch meine Wohnung wurde durchsucht und Firmen- sowie Privateigentum konfisziert. Ich wurde am nächsten Tag freigelassen.
Für mich ging es um mehr als nur um mich selbst. Die Tatsache, dass ich zu meiner Arbeit befragt und Ausrüstung beschlagnahmt wurde, gibt Anlass zur Sorge um die Sicherheit aller Journalist*innen und die Freiheit unabhängiger Medien.
Welchen Bedingungen sind Journalist*innen in Äthiopien ausgesetzt, und welche Folgen hat der Verlust unabhängiger Berichterstattung?
Yonas Kedir: Journalist*innen in Äthiopien arbeiten in einem Umfeld der Angst und Unsicherheit. Sie sind mit administrativen Einschränkungen, Verhaftungen, Inhaftierungen, Schikanen, Online-Einschüchterungen, physischen Angriffen und Überwachung konfrontiert. Dies gilt insbesondere für Journalist*innen in Konfliktgebieten, wo der Zugang eingeschränkt sein kann, Quellen oft aus Angst vor Repressalien nicht aussagen und Journalist*innen von verschiedenen Seiten unter Druck stehen – nicht nur von den Bundesbehörden, sondern auch von bewaffneten und politischen Gruppen.
Dies fördert die Selbstzensur. Journalist*innen meiden bestimmte Themen, schwächen ihre Wortwahl ab oder verzichten auf die Veröffentlichung von Informationen, die sie selbst, Kolleg*innen oder Quellen gefährden könnten. Dadurch haben die Menschen nur sehr eingeschränkten Zugang zu verlässlichen Informationen über Entscheidungen, die ihr Leben betreffen.
Unabhängiger Journalismus bietet die Möglichkeit, mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen, zivile Opfer, Vertreibung und humanitäre Notlagen zu dokumentieren. Ein gesundes Informationsumfeld ist unerlässlich für eine sinnvolle öffentliche Beteiligung, den nationalen Dialog und die Friedensförderung. Wird die unabhängige Berichterstattung geschwächt, verlieren Opfer und Gemeinschaften ihre Plattform, um ihre Bedenken öffentlich zu äußern. Es wird zudem schwieriger, verifizierte Informationen von Desinformation, Propaganda und politisch motivierten Darstellungen zu unterscheiden.
Welche Unterstützung benötigen äthiopische Journalist*innen und die Zivilgesellschaft?
Yonas Kedir: Die internationale Gemeinschaft sollte dazu beitragen, stärkere Schutz- und Schnellreaktionsmechanismen für Journalist*innen aufzubauen, wenn diese angegriffen, festgenommen oder bedroht werden. Zudem sollte sie auf eine wirksame Rechenschaftspflicht für Übergriffe gegen Journalistinnen und Medienorganisationen drängen.
Internationale Partner sollten Medienorganisationen rechtliche und institutionelle Unterstützung gewähren, um willkürliche Lizenzentzüge, rechtswidrige Beschränkungen und andere Formen administrativen Drucks anzufechten. Sie sollten die Bemühungen zur Stärkung der Unabhängigkeit der äthiopischen Justiz unterstützen, damit diese Grundrechte schützen und wirksame Rechtsmittel bereitstellen kann, wenn staatliche Institutionen rechtswidrig handeln.
Internationale Partner sollten dem Schutz des Rechts der Menschen auf Organisation zur Vertretung ihrer Anliegen, Beschwerden und Interessen höchste Priorität einräumen, da dies für eine friedliche politische Teilhabe unerlässlich ist. Die Erweiterung des zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraums kann Friedensprozesse und Friedenssicherung stärken, während die Unterdrückung dieser Rechte zur Eskalation von Konflikten beitragen kann.
Schließlich sollten internationale Partner den zivilgesellschaftlichen Raum in Äthiopien weiterhin beobachten, mit den Behörden zusammenarbeiten und unabhängige Untersuchungen unterstützen. Berichte über Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht als Bedrohung nationaler Interessen betrachtet werden. Sie gehören zum Informationsrecht der Öffentlichkeit. Das internationale Engagement sollte sich zudem nicht nur darauf beschränken, ob Verfassungsinitiativen, Wahlen und nationale Dialogprozesse formal stattfinden. Es sollte auch prüfen, ob diese Prozesse tatsächlich inklusiv, partizipativ und grundrechtskonform sind. (Ende)
CIVICUS ist eine weltweite Allianz von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Aktivist*innen mit Hauptsitz in Johannesburg, Südafrika. Die Interviews mit zivilgesellschaftlichen Aktivist*innen, Expert*innen und Führungskräften sollen unterschiedliche Perspektiven auf zivilgesellschaftliches Handeln und aktuelle Themen ermöglichen. Die geäußerten Ansichten sind jene der Interviewpartner*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten von CIVICUS wider.
Titelbild: Zeitungsleser in Addis Abeba (Foto: Terje Skerdal, Joseph Girmay, Flickr, CC BY 2.0, Ausschnitt)

