Ein neuer Bericht von Human Rights Watch offenbart die ernüchternde Realität nach den Friedensabkommen: Im Osten der Demokratischen Republik Kongo dauern Zwangsrekrutierungen und Misshandlungen durch die von Ruanda unterstützte M23-Miliz an.
Von Philippe Bolopion und Clémentine de Montjoye* | 23. Juni 2026
New York (IPS/afr) – Am 8. Februar 2026 trat M23-Chef Sultani Makenga vor über 7.500 frisch ausgebildeter Rekruten und stachelte sie auf: „Ihr seid nun Teil einer Armee, die sich erhoben hat, um das Land und sein Volk zu befreien.“ Das zeigt ein Propagandavideo der Rebellengruppe, das in sozialen Netzwerken kursiert.
Das Video vermittelt martialische Bilder: Die Rekruten im Ausbildungslager Tshanzu in der Provinz Nord-Kivu marschieren im Gleichschritt, zerschlagen Ziegelsteine mit bloßen Händen und springen durch brennende Reifen. Unsichtbar bleiben jedoch die Hinrichtungen, Misshandlungen und unmenschlichen Haftbedingungen, mit denen die M23-Miliz Loyalität und Gehorsam erzwingt.
Die Lager in Tshanzu und dem nahe gelegenen Rumangabo stehen exemplarisch für die Gewalt, mit der die von Ruanda unterstützte M23 ihre Kontrolle im Ostkongo ausbaut. Mit logistischer, materieller und militärischer Unterstützung Ruandas hat die Gruppe weite Teile der Region erobert. Menschenrechtsorganisationen werfen Ruanda vor, die M23 faktisch zu kontrollieren und damit Mitverantwortung für deren Übergriffe zu tragen.
Rohstoffe im Fokus
Nachdem die M23 Anfang 2025 die Provinzhauptstädte Goma und Bukavu eingenommen hatte, schaltete sich US-Präsident Donald Trump ein, um die Friedensgespräche zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda wiederzubeleben. Mit seiner Initiative wollte Trump auch die US-Interessen im ressourcenreichen Ostkongo sichern. Die Region verfügt über enorme Vorkommen von Kobalt, Coltan, Lithium, Kupfer und weiteren strategisch wichtigen Mineralien für Batterien, Elektronik und Rüstungstechnologien.
Im Juni und Dezember wurden entsprechende Abkommen unterzeichnet, die unter anderem den Abzug ruandischer Truppen vorsahen. Dennoch spielt Ruanda nach Angaben von Human Rights Watch weiterhin eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der M23 und ihrer Rekrutierungsbemühungen.
Während in Washington über Friedens-, Sicherheits- und Rohstoffabkommen verhandelt wurde, trieb die M23 Tausende kongolesische Soldaten und Zivilisten gewaltsam zusammen und brachte sie in Ausbildungslager. Viele wurden aus ihren Häusern, Kirchen, Schulen oder Krankenhäusern verschleppt, andere mit falschen Versprechungen angelockt oder auf offener Straße festgenommen.
Ein System der Gewalt
Für ihren neuen Bericht befragte die NGO Human Rights Watch mehr als 100 ehemalige Gefangene, die aus den Lagern fliehen konnten oder sich kongolesischen Streitkräften ergaben. Ihre Aussagen zeichnen das Bild eines Systems aus Zwang, Gewalt und Angst. Neuankömmlinge mussten ein brutales Initiationsritual überstehen, das ihren Übergang ins Militärleben markieren sollte.
„Es ist ein Test, wie viel Leid man ertragen kann“, berichtete ein 25-jähriger Bauarbeiter, der im März 2025 in Goma gefangen genommen wurde. „Wir waren 200, zehn von uns starben. Zwei wurden erschossen, die anderen zu Tode gepeitscht.“
Ehemalige Gefangene schildern regelmäßige Schläge und Tötungen selbst für geringfügige Verstöße. Viele mussten aus Pfützen trinken oder Regenwasser von Blättern lecken. Andere starben an Hunger, Dehydrierung oder Erschöpfung. Nach ihren Angaben könnten im Jahr 2025 Hunderte Menschen in den Lagern ums Leben gekommen sein.
Auch Kinder waren betroffen. Jungen wurden zur militärischen Ausbildung gezwungen und mussten Straßen bauen, Holz schlagen, schwere Lasten tragen oder Wasser transportieren. Einige wurden als Wachposten eingesetzt und dazu angehalten, andere Gefangene zu misshandeln.
Nach Angaben ehemaliger Rekruten dienten die Lager nicht nur der militärischen Ausbildung, sondern auch der politischen Indoktrination. Sie mussten Lieder singen und die Führung der Demokratischen Republik Kongo kritisieren. Ruandische Soldaten sollen die Lager abgesichert und auf Flüchtende geschossen haben.
Ohne Rechenschaft kein Frieden
Die Berichte deuten darauf hin, dass die M23 ihre Kontrolle über weite Teile des Ostkongo langfristig festigen will. Trotz Friedensabkommen und eines teilweisen Rückzugs aus einigen Gebieten gibt es bislang keine Anzeichen für ein Ende des Konflikts.
Die USA haben bereits Sanktionen gegen Angehörige der ruandischen Streitkräfte und mehrere hochrangige Kommandeure verhängt. Human Rights Watch fordert weitere Maßnahmen durch die Europäische Union und das Vereinigte Königreich sowie eine stärkere politische und rechtliche Rechenschaftspflicht für die Verantwortlichen.
Eine zentrale Schwäche der bisherigen Friedensabkommen bleibt das Fehlen von Mechanismen zur Aufarbeitung vergangener Verbrechen. Solange Verantwortliche wie Sultani Makenga für schwere Menschenrechtsverletzungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, droht die Straflosigkeit weitere Missbräuche zu begünstigen. (Ende)
*Philippe Bolopion ist Geschäftsführer und Clémentine de Montjoye ist leitende Forscherin bei Human Rights Watch.
Titelbild: Ein M23-Kämpfer nach Einnahme der Stadt Goma am 28. Jänner 2025 (Foto: Sam Ngenda, Shutterstock.com)

