In Simbabwe versucht die Zoologin Moreangels Mbizah, Konflikte zwischen Menschen und Löwen zu entschärfen. Gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden setzt ihre Organisation auf bessere Viehgehege, Warnsysteme und lokale Wildtierschützer*innen.
Von Busani Bafana | 15. September 2026
Bulawayo, Simbabwe (IPS/afr) – An einem Wintermorgen entkam ein 12-jähriger Löwe aus dem Hwange-Nationalpark in Simbabwe und tötete einen 7-jährigen Jungen in einem Dorf, in das er sich verirrt hatte.
Der Junge, Elton, hätte in seinem Dorf außerhalb von Simbabwes größtem Nationalpark eigentlich in Sicherheit sein sollen, doch ein Wintermorgen machte dieser Sicherheit ein Ende. Der Löwe beendete sein Leben und stürzte eine trauernde Gemeinde mitten in eine umkämpfte Frontlinie: den Konflikt um Lebensraum zwischen Menschen und Wildtieren. Der Löwe wurde erlegt.
„Dieser Tag hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt, und er ist einer der Gründe, die mich dazu bewogen haben, die ‚Wildlife Conservation Action‘ zu gründen“, sagt die Zoologin Moreangels Mbizah. Sie erinnert sich noch gut daran, wie der Morgen im April 2014, an dem sie den von dem Löwen getöteten Elton fand, ihre Sichtweise auf das Zusammenleben von Wildtieren und Menschen veränderte.
„Mir wurde klar, dass der Schutz der Löwen im Park kaum etwas bedeutet, wenn wir nicht auch die Menschen schützen, die neben ihnen leben“, sagt Mbizah.
Menschen und Wildtiere konkurrieren um Lebensraum
In Simbabwe kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Menschen und Wildtieren um Lebensraum und Ressourcen. Besonders betroffen sind Gemeinden in der Nähe oder innerhalb von Schutzgebieten.
Nach Angaben des simbabwischen Umweltministeriums wurden 2024 landesweit 49 Menschen von Wildtieren getötet, 2025 waren es 53. Simbabwe arbeitet derzeit an einer nationalen Strategie für das Zusammenleben von Menschen und Wildtieren.

Die Nationalparkbehörde ZimParks gibt an, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als 12.000 Konfliktfälle registriert wurden. Dabei kamen demnach 486 Menschen ums Leben und 554 wurden verletzt. Mehr als 4.000 Nutztiere gingen durch Angriffe von Wildtieren verloren.
Zu den besonders betroffenen Distrikten zählen Binga, Hwange, Chiredzi, Hurungwe, Mbire, Muzarabani, Nyaminyami, Chipinge, Gokwe North, Gokwe South, Tsholotsho, Bulilima und Kusile. Als Ursachen für die Konflikte gelten unter anderem die zunehmende Nutzung von Wildtierlebensräumen durch Menschen, der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und unzureichende Barrieren zwischen Siedlungen und Wildtieren.
Wildlife Conservation Action (WCA) arbeitet in den Distrikten Nyaminyami und Binga, die Teil der grenzüberschreitenden Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area (KAZA TFCA) sind. Die Organisation ist außerdem im Distrikt Mbire an der Grenze zu Mosambik und in der Nähe des Mana-Pools-Nationalparks tätig. Die Region gehört auch zum grenzüberschreitenden Schutzgebiet Zimbabwe-Mozambique-Zambia (ZIMOZA). Konflikte mit Elefanten und Löwen treten dort besonders häufig auf.
Ein Rind ist fast drei Monatseinkommen wert
In Mbire haben Bewohner*innen, die Nutztiere durch Löwen verloren, immer wieder Gegenmaßnahmen ergriffen. Dabei wurden auch Löwen getötet, um Menschen und Vieh zu schützen.
Der Verlust eines einzigen Rindes kann für eine Familie erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Nach Angaben Mbizahs liegt das durchschnittliche monatliche Haushaltseinkommen in Mbire bei 108 US-Dollar, während ein Rind rund 300 Dollar wert ist. Viele Familien halten Nutztiere als Einkommensquelle und zur Ernährung.
Für eine Familie mit nur fünf Rindern kann der Schutz des Viehs deshalb zugleich zum Schutz der Löwen beitragen. Dieser Zusammenhang wurde für Mbizah zu einem Ausgangspunkt ihrer Arbeit.
Der Verlust einer einzigen Kuh durch einen Löwen bedeutet im Bezirk Mbire einen Verlust des Familieneinkommens von durchschnittlich drei Monaten. Im Allgemeinen verdienen die Menschen einen durchschnittlichen Monatslohn von 108 US-Dollar, und eine Kuh wird für durchschnittlich 300 US-Dollar verkauft, sagt Mbizah, die zu den wenigen afrikanischen Frauen gehört, die eine Naturschutzorganisation gegründet haben.
Viele Familien halten Vieh, um ihr Einkommen zu sichern und sich zu ernähren. Für einen Landwirt mit nur fünf Kühen bedeutet der Schutz der Tiere gleichzeitig auch den Schutz der Löwen – ein Paradoxon, das Mbizah zum Nachdenken brachte.
Einfache Lösungen mit großer Wirkung
Während ihrer Doktorarbeit hatte Mbizah unter anderem den später international bekannt gewordenen Löwen Cecil beobachtet. Dessen Tötung durch einen US-amerikanischen Trophäenjäger im Jahr 2015 löste weltweit Kritik aus.
Mit Wildlife Conservation Action setzt Mbizah heute auf lokale Verantwortung und vergleichsweise einfache technische Lösungen. Solarbetriebene „Lion Lights“, mobile Viehgehege und andere Maßnahmen sollen Nutztiere im Wert von insgesamt rund 2,3 Millionen US-Dollar geschützt haben.
Die Maßnahmen zur Verringerung der Konflikte seien nicht tödlich und an die Folgen des Klimawandels angepasst, sagt Mbizah. Dazu gehören neben einem ganzheitlichen Management von Viehbeständen mobile Gehege, Bienenzucht, Chili-Anbau und nachhaltigere Landwirtschaft.

„Unser Programm ist erfolgreich, weil wir eine Beziehung zu den Gemeinden aufgebaut haben und die Menschen als Hüter ihrer Umwelt einbeziehen“, sagt Mbizah. „Wir haben uns angesehen, wie die Menschen ihr Vieh seit Generationen in Gehegen halten und wie diese verbessert werden können, damit die Tiere nachts vor Löwenangriffen geschützt sind.“
Die Organisation unterstützt Viehhalter*innen beim Bau sicherer Gehege für Rinder und Ziegen. Nach Angaben von WCA haben diese Maßnahmen die Zahl der Angriffe auf Nutztiere reduziert.
Eine zentrale Rolle spielen zudem die sogenannten Community Guardians. Mbizah bezeichnet sie als Fundament ihrer Organisation. Junge Frauen und Männer aus den jeweiligen Gemeinden werden darin ausgebildet, Löwen aufzuspüren, bevor es zu Angriffen kommt. Mithilfe technischer Geräte können sie Bewegungen von Löwen in der Nähe von Siedlungen erkennen und dabei helfen, die Tiere auf sichere Weise fernzuhalten.
„Löwen sind nicht böse“
Ruth Kamuchato aus dem Dorf Mapini im Distrikt Mbire hat schon als Kind erlebt, wie Löwen Nutztiere angriffen. Das habe sie dazu motiviert, sich als Community Guardian ausbilden zu lassen. Sie wollte verstehen, wie sich Löwen und Vieh gleichzeitig schützen lassen.
„Ich arbeite gerne als Community Guardian, aber am Anfang fiel es mir schwer, mir vorzustellen, dass Menschen und Wildtiere nebeneinander leben können, weil Löwen gefährlich sind“, erzählt Kamuchato. „Wenn Löwen Nutztiere töten oder Menschen bedrohen, ist die erste Reaktion, dass die Tiere unsere Feinde sind. Aber nach meiner Ausbildung und durch die Arbeit im Naturschutz begann ich das größere Bild zu sehen: Löwen sind nicht böse – auch sie versuchen zu überleben.“

Auch der 31-jährige Knowledge Chiriga aus dem Dorf Nebiri im Distrikt Nyaminyami sieht im Schutz der Löwen einen Weg, die Konflikte in seiner Heimat zu verringern.
„Ich bin im Dorf Nebiri aufgewachsen, etwa sieben Kilometer vom Matusadona-Nationalpark entfernt, und habe seit meiner frühen Kindheit viele Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren erlebt“, meint Chiriga. Lange habe er nicht geglaubt, dass es ein Programm geben könnte, das den Gemeinden beim Umgang mit Löwen hilft. Als sich die Möglichkeit bot, sich bei Wildlife Conservation Action zum Community Guardian ausbilden zu lassen, habe er sie sofort genutzt.
„Löwen sind Teil unseres Ökosystems und unseres Erbes. Sie zu schützen bedeutet nicht, die Gefahr zu ignorieren, sondern Wege zu finden, Menschen und Löwen zu schützen“, sagt Chiriga. „Heute bin ich stolz darauf, dass ich meiner Gemeinde helfen kann, sicherer zu leben. Mit besseren Schutzmaßnahmen können wir neben Löwen leben.“
Die 29-jährige Lweetelelo Mugande aus dem Dorf Chitongo im Distrikt Binga bestätigt, dass es zunächst schwierig war, Akzeptanz für ihre Arbeit zu finden. Manche Bewohner*innen hätten gefragt, warum Tiere geschützt werden sollten, die Menschen Schaden zufügen.
„Mit der Zeit änderten sich die Einstellungen, weil wir bei Konflikten vor Ort waren, beim Aufbau mobiler Gehege halfen und erklärten, wie Naturschutz Arbeitsplätze und Unterstützung bringen kann“, erzählt Mugande. „Heute rufen uns viele Menschen an, wenn es ein Problem gibt. Sie sehen, dass wir aus demselben Dorf kommen, dass auch wir Vieh und Familien hier haben und gemeinsam nach Lösungen suchen. Das Vertrauen wächst, aber wir müssen noch viel Aufklärungsarbeit leisten.“
Whitley Award für Mbizah
Im April 2026 wurde Mbizah für ihre Arbeit mit einem Whitley Award ausgezeichnet. Der renommierte Naturschutzpreis, häufig auch als „Grüner Oscar“ bezeichnet, wird vom britischen Whitley Fund for Nature unter der Schirmherrschaft von Prinzessin Anne vergeben.

Die Auszeichnung ermöglicht Mbizah, ihre Arbeit auf weitere Gebiete Simbabwes auszuweiten. „Die Menschen vor Ort haben eine kulturelle Verbindung zu den Wildtieren und respektieren sie, aber damit sind auch Risiken verbunden. Darin liegt die Herausforderung“, erklärt Mbizah. „Wenn wir diese Risiken reduzieren können, können die Menschen die Anwesenheit von Wildtieren auf ihrem gemeinschaftlich genutzten Land eher akzeptieren. Wo es Konflikte gibt, wollen die Menschen keine Löwen, weil diese Auswirkungen auf ihr Leben, ihre Lebensgrundlagen und ihr Vieh haben.“
Die Löwenbestände in Afrika sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Die jüngste IUCN-Bewertung geht von einem Rückgang um rund 36 Prozent innerhalb von drei Löwengenerationen – etwa 21 Jahren – aus. Heute leben Schätzungen zufolge noch rund 20.000 bis 25.000 Löwen in Afrika.
Gleichzeitig ist die Art aus mehr als 90 Prozent ihres historischen Verbreitungsgebiets verschwunden. Zu den wichtigsten Ursachen zählen der Verlust und die Zerschneidung von Lebensräumen, der Rückgang natürlicher Beutetiere sowie Konflikte mit Menschen, bei denen Löwen unter anderem nach Angriffen auf Nutztiere getötet werden.
Wer Menschen schützt, schützt auch Löwen
Mbizah wendet sich gegen die Vorstellung, Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung ließen sich voneinander trennen. Ihre Arbeit verbindet deshalb Artenschutz mit der Verbesserung der Lebensbedingungen in den Gemeinden.
„Wir helfen den Gemeinden, Wildtiere zu schützen, indem wir ihre Lebensgrundlagen verbessern“, sagt sie. „Wenn es den Menschen gut geht, sind sie eher bereit, sich am Naturschutz zu beteiligen und die Wildtiere in ihrer Umgebung zu schützen. Wir können nicht einfach Arten schützen, ohne auch die Menschen zu schützen, die diese Arten schützen.“
Für Mbizah liegt darin der Kern ihres Ansatzes: „Wer Leben und Lebensgrundlagen schützt, schützt letztlich auch die Löwen.“ (Ende)
Titelbild: Die simbabwische Naturschützerin Moreangels Mbizah, Gründerin von Wildlife Conservation Action (Foto: mit freundlicher Genehmigung des Whitely Fund for Nature)

