Mit kreativen Recyclingprojekten verwandeln junge Menschen in Sierra Leone Plastik- und Elektroschrott in Solarrucksäcke, Möbel und Baumaterialien. Damit bekämpfen sie die wachsende Umweltverschmutzung und schaffen zugleich Bildungs- und Einkommenschancen.
Von Madina Kula Sheriff | 25. September 2026
Freetown (IPS/afr) – Peter George wuchs im Bezirk Bo im Süden Sierra Leones auf. Schon als Kind beobachtete er, wie Menschen ausgediente Batterien und kaputte Bauteile von Elektrogeräten neben den Feldern seiner Großmutter entsorgten. Die ausgetretenen Chemikalien beeinträchtigten das Wachstum der Pflanzen und schmälerten die Erträge.
Doch diese Erfahrung weckte auch seine Neugier. George begann sich dafür zu interessieren, wie elektronische Geräte funktionieren und wie sich ausrangierte Bauteile wiederverwenden lassen. Schließlich fing er an, aus Elektroschrott Solarlampen für Schulkinder herzustellen. “Diese Lampen halfen den Schülern, nachts zu lernen, und wir spendeten auch einige an andere Kinder“, erzählt George.
Von Solarlampen zu Rucksäcken
Als die Plastikverschmutzung in Bo immer stärker sichtbar wurde, verlagerte George den Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Statt ausschließlich Elektroschrott wiederzuverwenden, begann er, Kunststoffe zu recyceln und daraus Rucksäcke herzustellen.
„Viele Menschen denken, dass die Plastikverschmutzung nur in Freetown ein Problem ist, doch das Problem ist auch in Provinzstädten wie Bo sehr gravierend”, sagt George. “Während der Regenzeit werden die Straßen überflutet, weil das Wasser aufgrund von Verstopfungen durch Plastikmüll nicht richtig in die Kanalisation abfließen kann. Das beeinträchtigt den Schulbetrieb und führt zur Abwanderung von Menschen.”
2018 gründete er „Ideal Technologies“, ein von Jugendlichen geführtes Unternehmen im Distrikt Bo, das Plastik- und Elektronikschrott zu solarbetriebenen Rucksäcken und Beleuchtungssystemen für Schulkinder verarbeitet.
Mit seinem Unternehmen will George gleich mehrere Probleme angehen: die zunehmende Plastikverschmutzung, den wachsenden Elektronikschrott und den mangelnden Zugang zu Elektrizität in Teilen Sierra Leones.
Plastikmüll und Elektroschrott werden zum Problem
Nach Schätzungen der Weltbank fallen in Sierra Leone jährlich etwa 130.000 Tonnen Plastikmüll an. Ein großer Teil davon besteht aus Einweg-Plastikflaschen, Wasserbeuteln und Plastiktüten, die unter anderem die Küsten verschmutzen und die Meeresfauna schädigen.
Auch Elektroschrott nimmt weltweit rapide zu. Dem „Global E-Waste Monitor 2024“ zufolge fielen 2022 weltweit 62 Millionen Tonnen Elektroschrott an. Weniger als 22,3 Prozent davon wurden offiziell gesammelt und recycelt.
Die Behörden Sierra Leones sehen in der Plastikverschmutzung eine wachsende Bedrohung für die Ökosysteme an der Küste und die Tourismusbranche des Landes. Trotz des Ausmaßes des Problems befinden sich Programme zur Bewirtschaftung von Plastikmüll jedoch noch in der Entwicklung.
„Dinge, die andere als Abfall betrachteten, sah ich als Lösungen“, sagt George. Tagsüber werden seine Rucksäcke wie gewöhnliche Schultaschen getragen. Nachts ermöglicht die integrierte solarbetriebene Beleuchtung den Kindern in Gemeinden mit begrenzter Stromversorgung, auch nach Sonnenuntergang zu lernen.
Aus Kunststoffsabfällen eine Lebensgrundlage schaffen
Wie Peter George weigert sich auch Manty Sulma Beckley aus Sierra Leones Hauptstadt Freetown, Kunststoff als das Ende des Lebenszyklus eines Produkts zu betrachten. Sie verarbeitet Kunststoffabfälle zu Alltagsgegenständen wie Einkaufstaschen, Körben, Stühlen oder Tischen. Der Verkauf dieser Produkte sichert ihren Lebensunterhalt.
Die Klimaaktivistin und Gründerin der „Beckma Empowerment Initiative“ entdeckte schon als Kind ihre Begeisterung für das Recycling. Ihre Tante zeigte ihr, wie man Möbel repariert und selbst herstellt. Inspiriert davon begann Beckley, zu Hause kaputte Stühle zu reparieren.
“Nach und nach erwachte meine Leidenschaft dafür, Dinge zu erschaffen”, erzählt sie. “Als Erwachsene entwickelte sich diese Leidenschaft dann zu einer Initiative zum Kunststoffrecycling, nachdem ich miterlebt hatte, wie Plastikmüll Gemeinden in ganz Freetown zerstörte.“
Um genügend Material für ihre Produkte zu bekommen, arbeitet Beckley mit Haushalten und jungen Müllsammler*innen in ihrer Gemeinde zusammen. Dennoch sei es schwierig, genügend recycelbaren Kunststoff zu beschaffen.
„Selbst 50 volle Reissäcke mit Einwegplastik reichen nicht aus, um Gegenstände wie Ziegel, Körbe und andere Produkte herzustellen”, beklagt sie. “Das bedeutet, dass wir ständig mehr sammeln müssen,”
Fehlende Ausrüstung bremst Recycling
George und Beckley sehen im Recycling die Chance, Abfällen ein zweites Leben einzuhauchen und gleichzeitig Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommen zu schaffen. Doch fehlende finanzielle Unterstützung und der Mangel an geeigneter Ausrüstung bremsen ihre Arbeit.
Für George ist insbesondere die fehlende Ausstattung für eine Produktion in größerem Maßstab ein Hindernis. „Eine unserer größten Herausforderungen ist es, an die richtigen Werkzeuge und Geräte zu kommen”, berichtet er. “Wenn mehr in das Recycling investiert würde, insbesondere zugunsten junger Menschen, könnte dies die Situation bei Einwegkunststoffen erheblich verändern und den Abfallsammlern und Recyclingunternehmen ein Einkommen sichern.“
Für Beckley kommen weitere Hürden hinzu. Als Frau im Bereich Recycling und Innovation werde sie immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert.
„Es gibt Leute, die an meinen Fähigkeiten zweifeln, weil ich eine Frau bin”, erzählt sie. “Manche sagen ganz offen, dass sie lieber mit einem Mann zusammenarbeiten würden.” Sie entgegnet ihnen dann meistens, dass alle Produkte, die sie auf ihrer Facebook-Seite postet, von ihr persönlich angefertigt worden sind.
Hunderte Schulkinder erreicht
In den vergangenen zwei Jahren hat “Ideal Technologies” seine Arbeit ausgeweitet, insbesondere unter Schulkindern in unterversorgten Gemeinden. 2024 ging Georges Innovation in der vom UNDP und der Umweltschutzbehörde Sierra Leones organisierten „Youth-Led Innovation Challenge“ als Sieger hervor.
Mit der damit verbundenen finanziellen Unterstützung konnte die Initiative ihre Arbeit auf weitere Gemeinden ausdehnen. „Durch Fördermittel aus dieser und anderen Initiativen haben wir mehr als 400 Schulkinder in ländlichen Gemeinden unterstützt”, sagt George. “Darin nicht enthalten sind Menschen, die wir über Partnerschaften oder Käufer im Ausland mit Produkten beliefert haben.“
Manty Sulma Beckley fordert mehr staatliche Unterstützung für von Jugendlichen geleitete Recycling-Initiativen. „Das ist meine Haupteinnahmequelle, und ich habe auch Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen geschaffen, die von mir gelernt haben”, sagt sie. “Einige von ihnen stellen nun selbständig Taschen und andere Recyclingprodukte her.“ (Ende)
Titelbild: Müllsamler in Mabella, Freetown. Mabella ist informelles, dicht besiedeltes Küstenviertel in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. (Foto: Simon Roughneen, Shutterstock.com)

