Der nigerianische Unternehmer Aliko Dangote will an Kenias Küste eine der größten Ölraffinerien der Welt errichten. Doch unmittelbar vor dem geplanten Spatenstich ziehen 133 Bewohner*innen von Lamu vor Gericht. Sie fürchten um Land, das ihre Familien nach eigenen Angaben seit Generationen nutzen.
Von Martin Sturmer | 29. September 2026
Oberndorf bei Salzburg (afr) – Es ist ein Börsengang der Superlative: Seit Mitte September werden Anteile an der Dangote Petroleum Refinery im Wert von rund 1,6 Milliarden US-Dollar angeboten. Die gesamte Raffinerie wird dabei mit rund 47 Milliarden Dollar bewertet. Gelingt die Platzierung, wäre es der größte Börsengang, den es bislang in Afrika gegeben hat.
Die Nachfrage sei „enorm“, erklärte Aliko Dangote laut der Nachrichtenagentur Reuters am 29. September 2026. Afrikas reichster Mann nannte aber keine konkreten Zeichnungszahlen. Die Einnahmen sollen unter anderem die weitere Expansion seines Ölgeschäfts finanzieren. Die Raffinerie bei Lagos soll ihre Kapazität auf 1,4 Millionen Barrel pro Tag verdoppeln. Und in Kenia plant Dangote bereits das nächste Milliardenprojekt.
In Lamu an der kenianischen Küste soll eine Raffinerie entstehen, die täglich 700.000 Barrel Rohöl verarbeiten kann. Die Kosten werden derzeit auf rund 15,5 bis 16 Milliarden Dollar geschätzt. Am 30. September 2026 soll Präsident William Ruto gemeinsam mit Dangote den symbolischen Spatenstich setzen.
Doch während in Lamu die Vorbereitungen für die Zeremonie laufen, beschäftigt das Projekt bereits ein Gericht. Nach Angaben der kenianischen Wirtschaftszeitung Business Daily haben 133 Bewohner*innen aus dem Dorf Mvinjeni in der Region Chandavai haben das kenianische Umwelt- und Landgericht angerufen. Sie sagen, dass ihre Familien Teile des für die Entwicklung vorgesehenen Gebietes seit Generationen bewohnen, bewirtschaften und als Weideland nutzen. Formelle Eigentumstitel besitzen viele von ihnen nicht.
Eine Raffinerie für Ostafrika
Für Kenias Regierung ist die Raffinerie ein Schlüsselprojekt. Sie soll nicht nur den heimischen Markt versorgen, sondern Treibstoff für mehrere Länder der Region produzieren.
Dangote hat ostafrikanischen Regierungen insgesamt bis zu 30 Prozent Beteiligung an dem Projekt angeboten. Kenia und Ruanda gehören zu den Ländern, die Interesse gezeigt haben. Dangote selbst will mit seinem Konzern 70 Prozent halten.
Präsident Ruto verbindet mit der Investition große Erwartungen. Am 10. Juli 2026 sagte er laut der keniansichen Zeitung The Star, die Raffinerie könne bis zu 60.000 Arbeitsplätze schaffen.
Für Dangote wäre Lamu der nächste Schritt einer rasanten Expansion seines Energiegeschäfts. Seine Raffinerie bei Lagos wurde 2023 eröffnet. Bei einem Leistungstest im Juni 2026 verarbeitete sie nach Angaben des Unternehmens mehr als 700.000 Barrel Rohöl täglich. Mittlerweile exportiert die Anlage Treibstoffe in andere afrikanische Länder sowie nach Europa, in die USA und nach Saudi-Arabien. Lamu soll dieses Modell für Ostafrika wiederholen.
Familien ohne Grundbuch
Der Konflikt um Chandavai macht deutlich, wie kompliziert bereits die Landfrage ist. Die 133 Kläger*innen geben an, dass sie das betroffene Gebiet seit Generationen bewohnen und bewirtschaften. Auf dem Land befänden sich Häuser, Felder und Bäume, aber auch Moscheen, religiöse Stätten und Gräber.
Die Bewohner*innen argumentieren, dass ihre tatsächliche Nutzung des Landes bei staatlichen Entscheidungen berücksichtigt werden müsse, auch wenn sie keine formellen Eigentumstitel besitzen.
In ihrer Klage werfen sie staatlichen Stellen vor, ihre Interessen bei der Entwicklung des Gebietes nicht ausreichend berücksichtigt zu haben. Einige Familien seien durch frühere Infrastrukturprojekte bereits verdrängt worden. Sie verlangen unter anderem eine Erfassung der tatsächlich Betroffenen, eine Bewertung ihres Besitzes sowie Entschädigung und gegebenenfalls Umsiedlung, bevor weitere Arbeiten stattfinden.
Über diese Vorwürfe und die geltend gemachten Landrechte hat das Gericht bislang nicht entschieden. Am 25. September 2026 ordnete Richterin Jane Onyango an, dass auf dem umstrittenen Grundstück LR No. 13061 im Gebiet Hindi/Manda Magogoni bis zur nächsten Anhörung am 14. Oktober 2026 der bestehende Zustand gewahrt werden muss . Einen ausdrücklichen Stopp der für den 30. September geplanten Zeremonie verfügte sie nicht.
Laut Reuters erklärte die Dangote Group am 29. September, der Spatenstich werde deshalb wie vorgesehen stattfinden. Aktivitäten auf dem von der gerichtlichen Anordnung betroffenen Grundstück könnten allerdings eingeschränkt werden.
Klarheit gefordert
Der Widerstand in Lamu richtet sich dabei nicht grundsätzlich gegen Investitionen. Genau diese Unterscheidung betonen lokale Vertreter*innen. Sie verlangen vor allem Klarheit darüber, welches Land genau benötigt wird, wer Anspruch auf Entschädigung hat und wie Menschen vor Ort wirtschaftlich von der Raffinerie profitieren sollen.
Auch die Frage nach Arbeitsplätzen beschäftigt die Region. Wie die staatliche Kenya News Agency berichtet, haben Vertreter*innen aus Lamu gefordert, dass bei Beschäftigung und Aufträgen Menschen aus der Region bevorzugt berücksichtigt werden.
Der Konflikt um die Industrialisierung im Lamu County ist nicht neu. Die Altstadt von Lamu, die zum UNESCO-Welterbe gehört, liegt in derselben Küstenregion. Der Landkreis ist seit Jahren ein Schwerpunkt des Lamu Port–South Sudan–Ethiopia Transport Corridor, kurz LAPSSET. Häfen, Straßen, Pipelines und Industrieanlagen sollen Kenias nördliche Küste stärker mit dem Hinterland und den Nachbarstaaten verbinden.
Schon lange vor Dangotes Plänen war innerhalb des Korridors eine Ölraffinerie vorgesehen. Eine strategische Umweltprüfung ging dabei noch von einer wesentlich kleineren Anlage mit rund 125.000 Barrel Tageskapazität aus. Dangotes geplante Raffinerie wäre mit 700.000 Barrel mehr als fünfmal so groß.
Auch die ökologische Dimension ist bedeutend. Die Küstenregion verfügt über Mangroven, Korallenriffe und wichtige marine Lebensräume. Fischerei bildet für zahlreiche Haushalte eine wichtige Einkommensgrundlage. Welche konkreten Auswirkungen eine Raffinerie dieser Größenordnung hätte, lässt sich allerdings erst anhand der projektspezifischen Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung belastbar beurteilen.
Woher kommt das Öl?
Auch wirtschaftlich sind zentrale Fragen offen. Eine Raffinerie mit einer Kapazität von 700.000 Barrel pro Tag braucht enorme Mengen Rohöl. Kenia produziert derzeit noch kein Erdöl in kommerziellem Umfang. Als mögliche Lieferquellen gelten unter anderem die Ölvorkommen im kenianischen Turkana sowie Öl aus Uganda und Südsudan.
Für diese Optionen fehlt jedoch bislang die notwendige oder ausreichend ausgebaute Transportinfrastruktur. Alternativ könnte Rohöl per Schiff importiert werden. Damit wäre die Raffinerie stärker den Preisen und Schwankungen des internationalen Ölmarktes ausgesetzt.
Präsident Ruto hat zudem eine Pipeline von den Ölfeldern im Lokichar-Becken in Turkana nach Lamu ins Gespräch gebracht. Doch auch dieses Vorhaben befindet sich nicht in einer Phase, in der es die Versorgung einer Raffinerie bereits sicherstellen könnte.
Hinzu kommt die Finanzierung. Dangote will das Milliardenprojekt mit einer Mischung aus Eigenmitteln, Anleihen und Kapitalmarktfinanzierung stemmen. Der derzeit laufende Börsengang seiner nigerianischen Raffinerie zeigt, welche Dimensionen Dangotes Energiegeschäft inzwischen erreicht hat. (Ende)
Titelbild: Aliko Dangote bei der Eröffnung der Dangote-Raffinerie am 22. Mai 2023 in Lekki, nahe der nigerianischen Metropole Lagos. (Foto: Aspectum, Shutterstock.com)

