Afrika erscheint auf vielen Weltkarten zu klein. Eine Resolution der UN-Generalversammlung fordert nun eine realistischere Darstellung der Größenverhältnisse. Die „Kleine Zeitung“ hat afrika.info-Gründer Martin Sturmer gefragt, warum die Debatte weit über Kartografie hinausgeht.
Redaktion | 14. September 2026
164 Staaten stimmten am 4. September 2026 in der UN-Generalversammlung für die Resolution „Correct the Map“. Sechs Staaten enthielten sich, nur die USA votierten dagegen. Togo hatte den Resolutionsentwurf im Namen der afrikanischen Staaten eingebracht.
Im Mittelpunkt der Debatte steht die Mercator-Projektion. Der flämische Kartograf Gerhard Mercator entwickelte sie 1569 vor allem für die Navigation auf See. Ihr entscheidender Vorteil: Ein konstanter Kompasskurs lässt sich auf der Karte als gerade Linie darstellen. Dafür nimmt die Projektion erhebliche Verzerrungen bei den Flächen in Kauf.

Je weiter man sich vom Äquator entfernt, desto stärker werden Gebiete vergrößert. Afrika wird dabei streng genommen nicht verkleinert. Vielmehr erscheinen Europa, Nordamerika, Russland und insbesondere Grönland im Verhältnis deutlich größer.
Wie stark das unsere Wahrnehmung beeinflussen kann, zeigt ein einfacher Vergleich: Afrika umfasst mehr als 30 Millionen Quadratkilometer und damit etwa ein Fünftel der gesamten Landfläche unseres Planeten. Die USA, China und Europa würden gemeinsam in Afrika Platz finden.
Eine alte Debatte bekommt politischen Rückenwind
Die Kritik an der Mercator-Projektion ist keineswegs neu. Kartograf*innen diskutieren seit Jahrzehnten über geeignetere Projektionen für allgemeine Weltkarten. Auch verwenden viele Schulatlanten längst Darstellungen, bei denen die Größenverhältnisse wesentlich ausgewogener erscheinen.
Neu ist jedoch, dass die Debatte nun von Afrika selbst mit großem politischen Nachdruck auf die internationale Bühne gebracht wird.
„Die Kritik an der Mercator-Projektion ist keineswegs neu, das Thema wird seit Jahrzehnten diskutiert. Neu ist jedoch, dass sie nun von Afrika selbst politisch getragen und bis in die UN-Generalversammlung gebracht wurde“, erklärt Martin Sturmer im Interview mit der „Kleinen Zeitung“.
Hinter dieser Entwicklung steht auch die Kampagne Correct the Map. Sie wurde im April 2025 von den afrikanischen Organisationen Africa No Filter und Speak Up Africa gestartet und setzt sich dafür ein, bei allgemeinen Weltkarten stärker auf flächentreue Darstellungen zu setzen.
Unterstützung erhielt die Initiative von der Afrikanischen Union. Togo übernahm schließlich eine führende diplomatische Rolle und brachte den Resolutionsentwurf im Namen der afrikanischen Staaten in die UN-Generalversammlung ein.
Equal Earth als Alternative
Correct the Map propagiert insbesondere die 2018 entwickelte Equal-Earth-Projektion. Anders als Mercator ist sie flächentreu: Die Größenverhältnisse der dargestellten Gebiete bleiben erhalten. Afrika erscheint dadurch in einem ganz anderen Verhältnis zu Europa oder Nordamerika, als wir es von klassischen Mercator-Weltkarten gewohnt sind.

Eine vollkommen „richtige“ zweidimensionale Weltkarte gibt es allerdings nicht. Die gekrümmte Oberfläche der Erde lässt sich nicht ohne Verzerrungen auf eine Ebene übertragen. Jede Kartenprojektion muss deshalb entscheiden, welche Eigenschaften sie möglichst genau bewahrt – Flächen, Formen, Winkel, Entfernungen oder Richtungen.
Auch die UN-Resolution schreibt deshalb nicht vor, künftig ausschließlich Equal Earth zu verwenden. Sie unterstützt grundsätzlich eine stärkere Verwendung flächentreuer Projektionen, wenn die tatsächlichen Größenverhältnisse der Regionen der Erde dargestellt werden sollen.
Mehr als eine Frage der Kartographie
Der wohl größte Nachholbedarf besteht im digitalen Raum. Google Maps und zahlreiche andere Kartendienste basieren in ihrer zweidimensionalen Darstellung auf Web Mercator, einer für digitale Anwendungen angepassten Variante der klassischen Mercator-Projektion.
Für Sturmer steht hinter der aktuellen Initiative deshalb eine größere Entwicklung. „Afrika wird geopolitisch immer wichtiger und fordert zunehmend, auch in unserer Wahrnehmung angemessen repräsentiert zu werden“, sagt der Afrikanist in der „Kleinen Zeitung“.
Die UN-Abstimmung über „Correct the Map“ ist deshalb auch ein bemerkenswertes Signal dafür, dass Afrika selbstbewusster Einfluss darauf nimmt, wie der Kontinent international gesehen wird.
Das vollständige Interview lesen Sie in der Sonntagsausgabe der „Kleinen Zeitung“ vom 13. September 2026 (Paywall).

