Die junge Kenianerin Josephine Sembeyo Mancha hat bei der U20-Weltmeisterschaft in Oregon Gold über 1.500 Meter gewonnen. Ausgebildet wurde sie im Magnolia Athletics Camp am Fuß des Kilimandscharo, das jungen Läuferinnen Sport und Schulbildung ermöglicht. Doch ausgerechnet zum Zeitpunkt ihres größten Erfolgs ist die Zukunft des Camps ungewiss: Nach einem Streit um Eigentumsverhältnisse ist der Betrieb derzeit ausgesetzt.
Von Robert Kibet und Martin Sturmer | 24. August 2026
Loitokitok, Kenia (IPS/afr) – Es war ein äußerst knappes Finale: Am 9. August gewann Josephine Sembeyo Mancha bei der U20-Weltmeisterschaft in Eugene, Oregon Gold über 1.500 Meter. Die 19-jährige Kenianerin setzte sich in 4:16,73 Minuten mit nur vier Hundertstelsekunden Vorsprung vor der US-Amerikanerin Claire Stegall durch.
Für Sembeyo ist der Titel der bislang größte Erfolg ihrer jungen Karriere. Doch ihre Geschichte handelt von mehr als sportlichem Erfolg. Sie trainierte im Magnolia Athletics Camp in Loitokitok am Fuß des Kilimandscharo. Das Camp unterstützte junge Läuferinnen dabei, Leistungssport und Schulbildung miteinander zu verbinden. Einige von ihnen fanden dort zugleich einen Weg aus Frühverheiratung und weiblicher Genitalverstümmelung.
Inzwischen ist der Betrieb des Camps allerdings ausgesetzt. Gründer Robert Saruni führt die Schließung auf einen internen Streit um Eigentumsverhältnisse zurück. Gegenüber der kenianischen Nachrichtenplattform Citizen Digital erklärte er, die Mädchen seien zunächst in den Aprilferien nach Hause geschickt worden, während der Konflikt geklärt werden sollte.
Nach Sarunis Darstellung schaltete sich daraufhin die staatliche Kinderbehörde ein. Da zu diesem Zeitpunkt erforderliche Unterlagen für den Betrieb einer Einrichtung, in der Minderjährige untergebracht werden, nicht vorgelegen hätten und zugleich der Streit um das Camp andauerte, habe die Behörde die Schließung angeordnet. Saruni hofft nach eigenen Angaben, dass die offenen Fragen geklärt werden und die Athletinnen künftig wieder in der Einrichtung trainieren können.
Sport und Schule unter einem Dach
Als IPS-Reporter Robert Kibet das Magnolia Athletics Camp wenige Wochen vor Sembeyos Goldmedaille besuchte, lebten und trainierten dort 45 Mädchen und junge Frauen aus Familien, deren Lebensgrundlage traditionell die Viehhaltung ist. Das Programm finanzierte Schulbildung, Unterkunft, Verpflegung und sportliches Training.
Noch vor der Weltmeisterschaft hatte Sembeyo gegenüber IPS davon gesprochen, was der Sport und das Camp für sie und ihre Familie bedeuteten.
„Das Leben war für uns nicht einfach“, erzählt Sembeyo. Ihr Vater habe eine zweite Frau geheiratet und ihre Mutter mit den Kindern zurückgelassen. „Was meine Mutter durchgemacht hat, motiviert mich jeden Tag. Ich möchte im Sport und in der Ausbildung erfolgreich sein, damit ich eines Tages sie und meine Geschwister unterstützen kann.“
Trainer Andrew Lesuuda sagte damals, das Camp sei nicht allein mit dem Ziel gegründet worden, Lauftalente zu entdecken. Es sollte den Teilnehmerinnen auch ermöglichen, ihre Ausbildung fortzusetzen und persönliche Perspektiven zu entwickeln.
„Leichtathletik gibt ihnen die Möglichkeit zu träumen, aber Bildung schafft die Grundlage für eine Zukunft jenseits des Sports“, erklärte Lesuuda.
Sport gegen Frühverheiratung und FGM
Einige der Mädchen, die nach Magnolia kamen, stammen aus Gemeinschaften, in denen ihre Bildungs- und Zukunftschancen eingeschränkt sind. Zu den Risiken zählen Frühverheiratung und weibliche Genitalverstümmelung (FGM).
Nach Angaben von UNICEF haben weltweit mehr als 230 Millionen heute lebende Mädchen und Frauen FGM erfahren. Obwohl die Praxis in vielen Ländern zurückgeht, reichen die bisherigen Fortschritte nicht aus, um das UN-Nachhaltigkeitsziel zu erreichen, FGM bis 2030 zu beenden.
In Kenia ist weibliche Genitalverstümmelung seit 2011 verboten. Dennoch wird die Praxis weiterhin ausgeübt, wobei es erhebliche regionale Unterschiede gibt. Nach der Kenya Demographic and Health Survey von 2022 haben 15 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren FGM erfahren. 2014 waren es noch 21 Prozent.
Die Daten zeigen zugleich deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Bei den 15- bis 19-Jährigen lag der Anteil 2022 bei neun Prozent, bei Frauen zwischen 45 und 49 Jahren bei 23 Prozent.
Die Situation der Mädchen in Kenia steht dabei in einem größeren Zusammenhang. Sarah Hendriks von UN Women verweist darauf, dass bislang kein Staat der Welt vollständige rechtliche Gleichstellung zwischen Frauen und Männern erreicht hat. In fast drei Viertel aller Staaten ermöglichen die gesetzlichen Rahmenbedingungen weiterhin Kinderehen.
Für Mädchen aus benachteiligten Gemeinschaften können Bildung und wirtschaftliche Perspektiven deshalb entscheidend sein, um ihren eigenen Lebensweg bestimmen zu können.
Eine zweite Chance durch das Laufen
Sembeyo befürchtete nach eigenen Angaben vor ihrer Aufnahme in das Camp, ihre Schulbildung abbrechen zu müssen und früh verheiratet zu werden.
Ohne Magnolia, glaubt sie, hätte sich ihr Leben völlig anders entwickelt. Im Camp habe sie die Möglichkeit bekommen, weiter zur Schule zu gehen, zu trainieren und Zukunftspläne zu entwickeln.

Ihr Alltag begann noch vor Sonnenaufgang mit dem ersten Lauftraining. Danach besuchte sie die Schule. Am Nachmittag folgte eine weitere Trainingseinheit, am Abend standen Hausaufgaben an.
Jedes Training bringe sie ihrem Traum ein Stück näher, erzählte Sembeyo damals – und der Möglichkeit, das Leben ihrer Familie zu verändern.
Wenn die Dürre Zukunftschancen bedroht
Auch für andere Teilnehmerinnen war das Camp eng mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden. Jeska Lenawatop, eine 1.500-Meter-Läuferin aus dem Dorf Lkuroto im Samburu County im Norden Kenias, half vor ihrer Aufnahme in Magnolia ihrer Familie bei der Versorgung von Ziegen und Schafen.
Die Viehhaltung bildet für viele Familien in der Region die wirtschaftliche Lebensgrundlage. Wiederkehrende Dürren haben jedoch große Viehbestände vernichtet und damit den wirtschaftlichen Druck auf die Haushalte erhöht.
Lenawatop erzählt, dass auch ihre Familie Tiere und damit einen wichtigen Teil ihres Einkommens verloren habe. Ihre eigenen Zukunftsaussichten seien dadurch immer unsicherer geworden. „Dieses Camp gab mir die Chance, weiter zur Schule zu gehen und meine Ziele zu verfolgen.“
Ähnliche Erfahrungen schildert Felister Naimutie, die über 400 und 800 Meter antritt und aus Lolgorian in Kilgoris stammt. Sie habe erlebt, wie Dürren das Leben vieler Familien erschwerten und die Zukunftsmöglichkeiten von Mädchen zusätzlich einschränkten.
Bildung und Leichtathletik hätten ihr neue Perspektiven eröffnet. Das Camp sei für sie deshalb weit mehr als ein Trainingszentrum.
Mehr als Nachwuchsförderung
Auch der kenianische Leichtathletikverband Athletics Kenya unterstützt Programme wie Magnolia. Barnaba Korir, zuständig für die Nachwuchsförderung, betont, dass sie jungen Talenten nicht nur sportliche Perspektiven eröffnen, sondern ihnen auch ermöglichen, weiter zur Schule zu gehen.
Sport könne jungen Menschen Selbstvertrauen vermitteln, Führungsqualitäten stärken und neue Möglichkeiten eröffnen.
Zum Zeitpunkt von Kibets Besuch arbeitete das Magnolia Athletics Camp nach eigenen Angaben auch mit Eltern, Lehrer*innen, lokalen Führungspersönlichkeiten und Aktivist*innen gegen FGM zusammen. Ziel war es, Familien von der Bedeutung der Schulbildung für Mädchen zu überzeugen und Praktiken wie FGM entgegenzuwirken.
Gold – und eine ungewisse Zukunft
Für Sembeyo ist einer ihrer großen sportlichen Träume inzwischen Wirklichkeit geworden. Bei den kenianischen Ausscheidungen im Mai hatte sie die 1.500 Meter in 4:09,89 Minuten gewonnen und sich damit für die U20-Weltmeisterschaft qualifiziert. Wenige Monate später stand sie in Oregon ganz oben auf dem Siegerpodest.
Schon vor der Weltmeisterschaft hatte die junge Läuferin deutlich gemacht, dass ihre Ziele über den Sport hinausreichen. Sie möchte ihrer Familie helfen und anderen Mädchen zeigen, welche Möglichkeiten ihnen Bildung und Sport eröffnen können.
„Mein Traum ist nicht nur, Medaillen für Kenia zu gewinnen“, sagte Sembeyo damals. „Ich möchte auch dafür sorgen, dass meine Mutter und meine Geschwister ein besseres Leben haben.“
Einen ihrer Träume hat Sembeyo nun verwirklicht. Offen ist dagegen, wie es mit jener Einrichtung weitergeht, die sie auf ihrem Weg dorthin begleitet hat. Für das Magnolia Athletics Camp und die jungen Athletinnen, die dort lebten und trainierten, ist derzeit ungewiss, ob und wann der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. (Ende)
Titelbild: Josephine Sembeyo (in Blau) bei den kenianischen U20-Ausscheidungen im Mai. Dort qualifizierte sie sich für die U20-Weltmeisterschaft in Oregon. (Foto: Robert Kibet/IPS)

