Die ugandische Unternehmerin Shifra Ainomugisha hat aus den Erfahrungen ihrer Kindheit eine Geschäftsidee entwickelt. Mit solarbetriebenen Kühlräumen, Bewässerungssystemen und künstlicher Intelligenz will sie Ernteverluste verringern und die Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe erhöhen. Dafür wurde sie als „Commonwealth Young Person of the Year 2026“ ausgezeichnet.
Von Kizito Makoye* | 21. Oktober 2026
London/Dar es Salaam (IPS/afr) – Lange bevor Shifra Ainomugisha als Innovatorin bekannt wurde, bevor künstliche Intelligenz, solarbetriebene Kühlräume oder nachhaltige Entwicklung eine Rolle in ihrem Leben spielten, kannte sie bereits die schmerzhaften Folgen von Ernteverlusten.
Im Morgengrauen nahm sie einen Eimer und ging auf die Tomatenfelder ihrer Familie im Westen Ugandas. Aus der Ferne sahen die Tomaten gesund aus. Doch viele waren bereits weich geworden, aufgeplatzt oder verfault, bevor sie überhaupt den Markt erreichen konnten.
„Jeden Morgen stand ich auf, um verdorbene Tomaten einzusammeln und wegzuwerfen”, erinnert sie sich. “Dabei versuchte ich zu retten, was noch übrig war.“
Obwohl fast die Hälfte der Ernte ihrer Familie auf diese Weise verloren ging, arbeiteten ihre Eltern unermüdlich. „Gleichzeitig hatten wir Schwierigkeiten, das Schulgeld zu bezahlen“, erzählt Ainomugisha. „Manche Kinder mussten die Schule abbrechen, obwohl wir in den Ferien hart auf der Farm arbeiteten. Wir produzierten Lebensmittel, verdienten damit aber nicht genug, um unsere Ausbildung zu finanzieren.“
Diese Kindheitserfahrungen sollten später ihren Lebensweg prägen.
Internationale Auszeichnung
Bei den Commonwealth Youth Awards am 25. Juni in London erhielt die ugandische Unternehmerin die höchste Auszeichnung als „Commonwealth Young Person of the Year 2026“. Aus fast 1.000 Bewerbungen aus den 56 Mitgliedstaaten des Commonwealth hatte eine Jury 20 Finalist*innen ausgewählt. Gewürdigt wurden junge Menschen, die mit innovativen Ansätzen und gesellschaftlichem Engagement zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele beitragen.
Überreicht wurde ihr der Preis von Commonwealth-Generalsekretärin Shirley Botchwey. In ihrer Ansprache gratulierte Botchwey allen Finalist*innen. „Ihr seid bereits Gewinner*innen. Dass ihr aus 56 Ländern ausgewählt wurdet, ist ein Beweis für euren Mut und eure Kreativität. Ihr verkörpert das Beste unserer Gemeinschaft. Ihr habt angesichts von Herausforderungen Widerstandskraft und unter schwierigen Bedingungen Innovationsgeist bewiesen.“

Die Auszeichnung solle mehr sein als eine Würdigung individueller Leistungen, betonte Botchwey. Es gehe darum, gemeinsam Fortschritte zu erzielen und das Commonwealth Youth Programme als wichtiges Instrument der Jugendförderung weiter zu stärken.
Eine Frage aus der Kindheit
Für Ainomugisha begann ihr Weg mit einer Frage, die sie seit ihrer Kindheit beschäftigte: Wie können Menschen, die Lebensmittel produzieren, selbst Hunger leiden?
„Niemand sollte an Hunger sterben“, meint sie gegenüber Inter Press Service (IPS). „Wir sind hier, um zu helfen. Landwirt*innen produzieren Lebensmittel, und wir versuchen, deren Verschwendung zu verhindern. Damit leisten wir einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers. Das ist eines der Nachhaltigkeitsziele, an denen wir arbeiten.“
Heute ist Ainomugisha Mitgründerin und Geschäftsführerin von Solafam Uganda. Das Sozialunternehmen setzt solarbetriebene Technologien und künstliche Intelligenz ein, um landwirtschaftlichen Kleinbetrieben zu helfen, Ernteverluste zu verringern, Erträge zu steigern und ihre Einkommen zu verbessern.
Das Unternehmen verbindet drei Ansätze: solarbetriebene Kühlräume, solarbetriebene Bewässerungssysteme und eine KI-gestützte Beratungsplattform namens Lean AI. Über einen WhatsApp-Chatbot erhalten Landwirt*innen Empfehlungen zur Aussaat, zum richtigen Zeitpunkt der Bewässerung, zur Schädlingsbekämpfung, zur Lagerung nach der Ernte und zum Zugang zu Märkten.
Gemeinsam sollen diese Technologien ein grundlegendes Problem der Landwirtschaft lösen: Obwohl Lebensmittel produziert werden, geht ein erheblicher Teil davon verloren, bevor er die Verbraucher*innen erreicht.
Hohe Ernteverluste in Uganda
Wie groß das Problem ist, zeigt eine 2023 im Fachjournal „Journal of Biosystems Engineering“ veröffentlichte Untersuchung ugandischer Wissenschaftler um Isaac Rubagumya. Das Forschungsteam analysierte Nachernteverluste bei Tomaten, Bananen, Mangos und Kartoffeln entlang ausgewählter Lieferketten zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und Märkten in Uganda.
Die Ergebnisse sind deutlich: Bei Tomaten gingen 39,3 Prozent der untersuchten Erntemenge verloren, bei Bananen waren es 34,1 Prozent. Für Mangos ermittelten die Forscher*innen Verluste von 27,6 Prozent, für Kartoffeln 19,8 Prozent.

Die Verluste entstanden vor allem beim Transport von den landwirtschaftlichen Betrieben zu den Märkten. Als wesentliche Ursachen identifizierte die Studie fehlende Kühlmöglichkeiten, schlechte Straßenverbindungen und unzureichend ausgestattete Transportfahrzeuge.
Neben den verlorenen Lebensmitteln entstehen erhebliche wirtschaftliche Schäden. Die Untersuchung bezifferte die Verluste bei Bananen auf bis zu 183 US-Dollar pro Tonne. Gleichzeitig gehen mit den verdorbenen Produkten wertvolle Nährstoffe verloren.
Besonders betroffen sind kleinere Betriebe, denen häufig die finanziellen Mittel für Kühlräume, Bewässerungssysteme und fachliche Beratungsangebote fehlen.
Vater als Inspirationsquelle
Für Ainomugisha sind solche Zahlen keine abstrakten Statistiken. Sie denkt dabei an ihre Eltern, ihre Nachbar*innen und ihre eigenen Erfahrungen. Ihr Vater war einer ihrer wichtigsten Inspirationsquellen. Obwohl er keine Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen, suchte er ständig nach Auswegen aus der Misere.
„Er kaufte eine dieselbetriebene Bewässerungspumpe, um die Erträge zu steigern, weil wir nur eine große Anbausaison haben“, erklärt Ainomugisha. „Wenn man in dieser Saison nicht genug verdient, wird das ganze Jahr schwierig.“
Ainomugishas Vater versuchte auch, die Haltbarkeit der Ernte durch die Lagerung in improvisierten Räumen zu verlängern. Doch die Tomaten verdarben weiterhin.
Jahre später, als Ainomugisha Zugang zu Bildung und neuen Technologien erhielt, begann sie, andere Lösungswege zu entwickeln. „Zunächst einmal war das nicht allein meine Entscheidung“, sagt sie rückblickend. „Alles begann mit meinem Vater. Er hatte keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen, aber ich schon. Ich hatte das Gefühl, dass ich bessere Chancen hatte, dieses Problem zu lösen.“
Diese Überzeugung begleitete sie bis an die Universität.
Von der Kühlung zur künstlichen Intelligenz
Noch während ihres Studiums gründete Ainomugisha gemeinsam mit Kolleg*innen ein Unternehmen, aus dem später Solafam hervorging. Die ursprüngliche Idee war einfach: landwirtschaftliche Produkte mithilfe solarbetriebener Kühlräume länger haltbar zu machen.
Initiativen zur Förderung von Unternehmertum, darunter LEAP Africa, halfen dem Team, aus der Idee ein funktionierendes Unternehmen aufzubauen. Doch die Kund*innen machten bald deutlich, dass Kühlung allein nicht ausreichte. Manche Landwirt*innen, die zu den Kühlräumen kamen, hatten nur geringe Erntemengen einzulagern.

Das Unternehmen erweiterte deshalb sein Angebot um solarbetriebene Bewässerungssysteme. Sie sollten die Abhängigkeit von teurem Dieselkraftstoff verringern und eine landwirtschaftliche Produktion über das ganze Jahr ermöglichen.
Um die Technik erschwinglicher zu machen, entwarf Solafam ein flexibles Finanzierungsmodell. Landwirt*innen können ein Bewässerungssystem gegen eine Anzahlung von 20 Prozent erwerben und den Rest in wöchentlichen Raten von umgerechnet rund 1,60 US-Dollar abbezahlen.
„Wir wollten eine Lösung entwickeln, die sich die Farmer*innen tatsächlich leisten können“, erklärt Ainomugisha.
Der Weg zur Künstlichen Intelligenz
Ainomugisha hatte auch beobachtet, dass vielen landwirtschaftlichen Betrieben der Zugang zu fachlicher Beratung fehlte. Wissenslücken trugen dazu bei, dass die Erträge geringer ausfielen.
„Viele Menschen betreiben Landwirtschaft, aber sie machen nicht immer alles richtig“, sagt sie. Als Beispiel nennt sie Unsicherheiten bei der Wahl des geeigneten Bewässerungszeitpunkts. Das Team entwickelte deshalb Lean AI, einen Chatbot, der über WhatsApp erreichbar ist und landwirtschaftliche Fragen in Echtzeit beantwortet.
Nutzer*innen können sich unter anderem über Anbaumethoden, Schädlingsbekämpfung, Bewässerung und den Umgang mit Ernteprodukten informieren. Das Unternehmen arbeitet auch daran, den Dienst über USSD-Codes zugänglich zu machen. Diese Technologie ermöglicht die Nutzung einfacher Mobiltelefone ohne Smartphone oder Internetverbindung.
„Wir nutzen künstliche Intelligenz, um Farmer*innen auch dann weiterzubilden, wenn wir nicht persönlich vor Ort sein können“, erklärt Ainomugisha. Sie ist überzeugt, dass dieser Ansatz die Erträge und Einkommen verbessern und zugleich die gesellschaftliche Wahrnehmung der Landwirtschaft verändern kann.
Gerade dieser letzte Punkt ist Ainomugisha besonders wichtig. „In Uganda gibt es die Vorstellung, dass Landwirtschaft etwas für arme Menschen ist“, meint sie. „Das ist traurig. Die Menschen glauben das, weil sie trotz harter Arbeit der Armut nicht entkommen können.“
Landwirtschaft soll neue Perspektiven eröffnen
Ein entscheidender Moment in der Entwicklung von Solafam kam 2023. Nachdem das Team vergeblich versucht hatte, lokale Märkte davon zu überzeugen, einen Standort für den ersten Kühlraum zur Verfügung zu stellen, errichtete es die Anlage schließlich auf dem Grundstück von Ainomugishas Familie.
Ihre Mutter wurde die erste Kundin. Danach kamen Nachbar*innen und weitere landwirtschaftliche Betriebe hinzu. Anfangs war die Nutzung kostenlos. Die Menschen sollten sich zunächst selbst von den Vorteilen überzeugen können.

Eine Freundin ihrer Mutter, die mit Obst und Gemüse handelte, lieferte schließlich einen wichtigen Beleg dafür, dass das Konzept funktionierte. Sie nutzte den Kühlraum einen Monat lang. Gemüse, das zuvor innerhalb weniger Tage verdorben war, blieb nun fast zwei Wochen lang verkaufsfähig. Dadurch musste sie ihre Produkte nicht mehr unter Zeitdruck verkaufen, sondern konnte auf bessere Marktpreise warten.
„Später wurde ihr bewusst, wie sehr ihr das geholfen hattef”, erzählt Ainomugisha. „Heute verdient sie mit der Landwirtschaft mehr als früher.“ Schließlich führte Solafam ein Modell ein, bei dem Kund*innen nur für die tatsächliche Nutzung der Kühlräume bezahlen.
Nach Angaben Ainomugishas lassen sich die Ergebnisse inzwischen auch beziffern. „Was uns besonders stolz macht, ist, dass wir die Einkommen der Landwirt*innen um 28 Prozent steigern konnten“, sagt sie. „Außerdem haben wir die Nachernteverluste um etwa 30 Prozent reduziert.“
Frauen im Mittelpunkt
Ein wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit ist die besondere Berücksichtigung von Frauen in der Landwirtschaft. „Dieses Problem betrifft mich persönlich“, sagt Ainomugisha. „Ich habe nicht die Geschichte eines anderen Menschen gehört und dann beschlossen, eine Lösung dafür zu finden.“
Stattdessen habe sie selbst erlebt, wie ihre Mutter Tag für Tag auf dem Feld schuftete, ohne dass sich die Lebensbedingungen der Familie wesentlich verbesserten.
In vielen afrikanischen Ländern leisten Frauen einen erheblichen Teil der landwirtschaftlichen Arbeit. Gleichzeitig haben sie häufig schlechteren Zugang zu Land, Finanzierung, Technologien und Beratungsangeboten.
Für Ainomugisha ist die Ausrichtung ihrer Angebote auf Frauen deshalb keine bloße Geschäftsstrategie, sondern eine Konsequenz ihrer eigenen Erfahrungen. „Natürlich arbeiten wir auch mit Männern zusammen, aber die Mehrheit der Menschen, die von unseren Angeboten profitieren, sind Frauen.“ (Ende)
*Mit ergänzender Recherche von afrika.info
Titelbild: Shifra Ainomugisha testet ein Schlauchbewässerungssystem. (Foto: The Commonwealth Secretariat)

