Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Afrika fordert die Rating-Riesen heraus

Mit einer von ihr initiierten Ratingagentur will die Afrikanische Union fairere Bewertungen afrikanischer Staaten und Unternehmen ermöglichen und deren Zugang zu Kapital erleichtern. Doch die neue Agentur muss ihre Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit erst beweisen.

Von Martin Sturmer | 12. Oktober 2026

Oberndorf bei Salzburg – Wer auf internationalen Finanzmärkten Geld aufnehmen will, kommt an Ratingagenturen kaum vorbei. Sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen und beeinflussen damit, zu welchen Bedingungen diese Kredite erhalten oder Anleihen ausgeben können. Weltweit dominieren drei Unternehmen dieses Geschäft: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch Ratings.

Diese Marktmacht will die Afrikanische Union (AU) nun aufbrechen und eine zusätzliche afrikanische Perspektive auf dem internationalen Ratingmarkt etablieren. Am 7. Oktober 2026 fielt in Port Louis auf Mauritius der Startschuss für die Africa Credit Rating Agency (AfCRA). Die neue Einrichtung soll wirtschaftliche Risiken in afrikanischen Ländern auf einer breiteren Datengrundlage und unter stärkerer Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten bewerten.

Hinter dem Vorhaben steht eine langjährige Kritik. Afrikanische Regierungen, Finanzinstitutionen und Ökonom*innen werfen den internationalen Ratingagenturen vor, wirtschaftliche Risiken teilweise zu hoch einzuschätzen und damit die Finanzierungskosten zu verteuern.

„Das Ziel ist keine Vorzugsbehandlung für afrikanische Staaten. Es geht um mehr Genauigkeit, Transparenz und die Berücksichtigung des jeweiligen Kontexts bei der Bewertung von Kreditrisiken“, erklärte Claver Gatete, Exekutivsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Afrika (UNECA), in einer Rede, die bei der Gründungsveranstaltung in seinem Namen verlesen wurde.

Die Agentur soll deshalb nicht einfach bessere Bewertungen vergeben, sondern eine zusätzliche, unabhängige Einschätzung liefern. Das betonte AU-Kommissionsvorsitzender Mahmoud Ali Youssouf bei der offiziellen Eröffnung.

Der hohe Preis schlechter Ratings

Welche Folgen Kredit-Ratings haben können, zeigt sich besonders bei Staatsanleihen. Wird ein Land als risikoreicher eingestuft, verlangen Investor*innen in der Regel höhere Zinsen. Für Regierungen bedeutet das zusätzliche Kosten, die ihre finanziellen Spielräume für Infrastruktur, Bildung und Gesundheitsversorgung einschränken.

Nach Angaben der Afrikanischen Union stieg der Auslandsschuldendienst afrikanischer Länder von 61 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 163 Milliarden Dollar im Jahr 2024. Diese Entwicklung hat unterschiedliche Ursachen: steigende Schuldenstände, internationale Zinsentwicklungen, Wechselkursrisiken und wirtschaftliche Schwierigkeiten einzelner Länder.

Hinzu kommen mögliche Verzerrungen bei der Bewertung von Kreditrisiken. Eine Untersuchung des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) aus dem Jahr 2023 bezifferte die möglichen finanziellen Folgen solcher Verzerrungen auf rund 74,5 Milliarden US-Dollar. Die Schätzung umfasst zusätzliche Zinskosten und entgangene Finanzierungsmöglichkeiten.

Dass die Kritik an den internationalen Agenturen nicht ohne Substanz ist, zeigt eine wissenschaftliche Untersuchung, die im Juni 2026 bei einer Veranstaltung der britischen Denkfabrik Chatham House vorgestellt wurde.

Der deutsche Ökonom Torsten Schmidt vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen berichtete, sein Forschungsteam habe eine statistisch signifikante negative Abweichung bei afrikanischen Staatsratings festgestellt. Im verwendeten Modell lag diese bei etwa einer halben bis einer Ratingstufe.

Mehr afrikanisches Kapital mobilisieren

Die neue Ratingagentur verfolgt noch ein weiteres Ziel: Sie soll dazu beitragen, afrikanisches Kapital stärker für Investitionen in afrikanischen Ländern verfügbar zu machen.

Der simbabwische Ökonom Misheck Mutize, einer der maßgeblichen Architekten von AfCRA, sieht darin eine wichtige Aufgabe. Afrikanische Pensionsfonds, Versicherungen und andere institutionelle Anleger benötigen verlässliche Informationen, um Risiken einzuschätzen und Investitionsentscheidungen zu treffen, betonte er bei der Chatham-House-Diskussion.

Ein Teil ihres Kapitals wird bislang außerhalb des Kontinents angelegt. Zusätzliche Ratings könnten helfen, Investitionsmöglichkeiten in afrikanischen Märkten sichtbarer und besser vergleichbar zu machen.

AfCRA will deshalb nicht nur Staaten bewerten, sondern auch Unternehmen, Finanzinstitutionen und regionale Gebietskörperschaften. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung lokaler Kapitalmärkte und der Bewertung von Anleihen in nationalen Währungen.

Nach Angaben der Afrikanischen Union verfügen derzeit nur 32 ihrer 55 Mitgliedstaaten über ein Rating der drei großen internationalen Agenturen. Für die übrigen 23 Länder könnte AfCRA eine zusätzliche Möglichkeit schaffen, ihre Kreditwürdigkeit gegenüber potenziellen Investor*innen darzustellen.

Auch Raymond Gilpin, Chefökonom des UNDP-Regionalbüros für Afrika, sieht darin einen möglichen Vorteil. Bei der Chatham-House-Diskussion argumentierte er, dass internationale Investor*innen viele afrikanische Volkswirtschaften und deren institutionelle Besonderheiten nur unzureichend kennen. Eine bessere Informationsgrundlage könne deshalb zu fundierteren Investitionsentscheidungen beitragen.

Ob daraus tatsächlich mehr Investitionen entstehen, hängt jedoch davon ab, ob Anleger*innen die neuen Bewertungen akzeptieren und in ihren Entscheidungen berücksichtigen.

Moody’s verteidigt seine Methoden

Die internationalen Ratingagenturen weisen die Kritik zurück. Sie betonen, dass ihre Bewertungen auf standardisierten Methoden beruhen und Kreditrisiken weltweit vergleichbar machen sollen. 

Marie Diron, eine leitende Rating-Expertin bei Moody’s, erklärte im Rahmen der Chatham-House-Diskussion, dass genau diese internationale Vergleichbarkeit für Investor*innen entscheidend sei. Sie müssten die Kreditwürdigkeit eines Staates mit jener anderer Länder vergleichen können, unabhängig von deren geografischer Lage.

Diron erläuterte zudem, dass Moody’s neben wirtschaftlichen Kennzahlen auch die Qualität staatlicher Institutionen und die Regierungsführung berücksichtigt. Entscheidend sei außerdem, wie widerstandsfähig ein Staat finanziell und institutionell gegenüber Krisen ist. 

Unabhängigkeit als größte Herausforderung

Die Gründung von AfCRA ist das Ergebnis eines mehrjährigen politischen Prozesses. Die Afrikanische Union unterstützte das Vorhaben bereits 2018. Die institutionelle Vorbereitung wurde vom African Peer Review Mechanism begleitet, einer AU-Einrichtung zur gegenseitigen Überprüfung von Regierungsführung.

Der Hauptsitz der afrikanischen Ratingagentur befindet sich in Port Louis, der Hauptstadt von Mauritius. Der Inselstaat wurde unter anderem wegen seines etablierten Finanzsektors, seiner regulatorischen Rahmenbedingungen und seiner internationalen Anbindung ausgewählt.

AfCRA soll als privatwirtschaftlich organisierte und eigenfinanzierte Einrichtung arbeiten. Nach dem vorgesehenen Modell dürfen Regierungen keine Unternehmensanteile halten. Damit wollen die Initiator*innen politische Einflussnahme auf die Rating-Entscheidungen verhindern.

Kritiker*innen bezweifeln allerdings, dass Investor*innen einer Agentur vertrauen werden, die von den Regierungen der von ihr bewerteten Länder gegründet wurde. Vor allem die mangelnde Transparenz über die Eigentümerstruktur und die institutionelle Organisation der neuen Agentur werden bemängelt. 

Der britische Rechtswissenschaftler Daniel Cash, der das APRM bei Rating-Fragen berät, formuliert die Herausforderung gegenüber der Nachrichenplattform Semafor so: „Glaubwürdigkeit bei Kredit-Ratings wird erworben, nicht verkündet.“ (Ende)

Titelbild: Port Louis auf Mauritius ist Sitz der neuen afrikanischen Ratingagentur AfCRA. Foto: David-S / Shutterstock.com