Navi Pillay erhält den Friedensnobelpreis 2026 für ihren Einsatz für Frieden und Völkerrecht. Gegenseitige Unterstützung und gesellschaftliche Verantwortung prägen ihren Lebensweg – zentrale Werte der Ubuntu-Philosophie.
Von Martin Sturmer | 9. Oktober 2026
Oberndorf bei Salzburg – „South African Ubuntu needs to be spread across the entire continent.“ Das südafrikanische Ubuntu müsse auf dem gesamten Kontinent verbreitet werden, forderte Navi Pillay 2013. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises rückt nun eine Juristin in den Mittelpunkt, die sich über Jahrzehnte gegen Diskriminierung und für internationale Gerechtigkeit eingesetzt hat. Das norwegische Nobelkomitee würdigt ihre Bemühungen um Frieden und Völkerrecht.
Ubuntu wird häufig mit „Ich bin, weil wir sind“ zusammengefasst. Die im südlichen Afrika verbreitete Philosophie betont die Verbundenheit aller Menschen. Zu ihren zentralen Werten gehören der Respekt vor der Menschenwürde, die Anerkennung von Vielfalt und gegenseitige Unterstützung. In Pillays Lebensgeschichte werden diese Werte konkret.
Eine Gemeinschaft ermöglicht den Aufstieg
Pillay wurde am 23. September 1941 in Durban geboren und wuchs unter der Apartheid in einem armen Viertel auf. Ihr Vater war Busfahrer, ihre Mutter hatte keine Schule besuchen dürfen. Dass sie selbst studieren konnte, verdankte Pillay auch der Unterstützung ihrer Nachbarschaft: Menschen aus der lokalen Gemeinschaft sammelten Geld, um ihr den Universitätsbesuch zu ermöglichen.
An der University of Natal erwarb sie 1963 einen Bachelor of Arts und 1965 einen juristischen Abschluss. Doch als junge Juristin stieß sie weiterhin auf rassistische und geschlechtsspezifische Benachteiligung. 1967 eröffnete sie deshalb als erste nichweiße Frau in der Provinz Natal eine eigene Anwaltskanzlei.
Auch dabei spielte gegenseitige Unterstützung eine Rolle. Ehemalige Studienkolleg*innen vermittelten ihr Fälle und halfen beim Aufbau ihrer beruflichen Existenz. Rückblickend betonte Pillay 2022, wie wichtig es sei, Unterschiede zu überwinden, Vielfalt zu respektieren und einander zu helfen.
Gegen Apartheid, Folter und Entrechtung
Als Anwältin verteidigte Pillay Gegner*innen des Apartheidregimes und setzte sich für politische Gefangene ein. Ihre Arbeit trug dazu bei, Folter und die Folgen von Isolationshaft öffentlich zu machen. 1973 erstritt sie das Recht politischer Gefangener auf Zugang zu Rechtsbeistand. Später unterstützte sie Betroffene häuslicher Gewalt und engagierte sich für Frauenrechte.
Ihre akademische Ausbildung setzte sie an der Harvard Law School fort. Dort erwarb sie 1982 einen Master of Laws und 1988 als erste Person aus Südafrika einen rechtswissenschaftlichen Doktorgrad. 1992 gehörte sie zu den Mitgründerinnen der internationalen Frauenrechtsorganisation Equality Now. Nach dem Ende der Apartheid wurde sie 1995 als erste nichtweiße Frau Richterin am südafrikanischen High Court.
Wegweisende Arbeit für internationale Gerechtigkeit
Im selben Jahr wechselte Pillay an den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda. Dort war sie bis 2003 als Richterin tätig, ab 1999 als Präsidentin. Sie wirkte am wegweisenden Urteil gegen Jean-Paul Akayesu mit: Das Gericht erkannte an, dass Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen Völkermord darstellen können. Damit wurde die strafrechtliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt entscheidend weiterentwickelt.
Von 2003 bis 2008 arbeitete Pillay als Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Anschließend stand sie bis 2014 als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte an der Spitze des UN-Menschenrechtsbüros OHCHR. Ihr Einsatz galt dem Schutz grundlegender Rechte und der Bekämpfung von Diskriminierung.
Ubuntu als gesellschaftliche Verantwortung
Auch in der rechtlichen Aufarbeitung der Apartheid erhielt Ubuntu Bedeutung. Der Epilog der südafrikanischen Übergangsverfassung von 1993 stellte Verständigung, Wiedergutmachung und Ubuntu in den Fokus. Die Philosophie wurde damit zu einem wichtigen Bezugspunkt für gesellschaftliche Versöhnung und eine Gerechtigkeit, die auch die Wiederherstellung beschädigter Beziehungen berücksichtigt.
Navi Pillay ist bereits die fünfte Person aus Südafrika, die den Friedensnobelpreis erhält. Vor ihr wurden Albert Luthuli (1960), Desmond Tutu (1984) sowie Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk (beide 1993) ausgezeichnet. Bei unterschiedlichen Lebenswegen und politischen Rollen verbindet sie ihr Beitrag zur Überwindung der Apartheid und ihrer Folgen. Pillay setzte diesen Einsatz auf internationaler Ebene fort – für Menschenrechte und die strafrechtliche Verfolgung schwerster Verbrechen. (Ende)
Das Eingangszitat stammt aus ihrer Bram-Fischer-Gedenkvorlesung „Human Rights in Africa: Opportunities and Challenges“, die sie am 14. Februar 2013 an der Universität Oxford hielt. Darin würdigte Pillay Menschenrechtsverteidiger*innen und warb für inklusive Gesellschaften, in denen alle eine Stimme haben. Der vollständige Vortrag ist auf der Website des UN-Menschenrechtsbüros OHCHR dokumentiert.
Titelbild: Navi Pillay während eines Besuchs in Brasilien am 12. November 2009. Damals war sie UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. (Foto: Antônio Cruz / Agência Brasil, CC BY 3.0 BR, via Wikimedia Commons, Ausschnitt)

