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Technologie gegen den Hunger

Von klimaresistentem Saatgut bis zu digitaler Beratung: Viele Lösungen für Afrikas Landwirtschaft gibt es bereits. Doch sie erreichen bislang zu wenige Betriebe. Debisi Araba erklärt, was ihrem breiten Einsatz im Weg steht.

Von Debisi Araba* | 7. Oktober 2026

Kigali (IPS/afr) – Afrika entwickelt sich zum weltweit am schnellsten wachsenden Technologiemarkt. Sein Innovationssektor zieht zunehmend internationale Investitionen an. Die jüngste Zusage der Europäischen Investitionsbank über 40 Millionen Euro für diesen Bereich unterstreicht das wachsende Vertrauen.

Der technologische Aufschwung hat einige der hartnäckigsten Probleme des Kontinents bislang jedoch nicht gelöst: Hunger, Ernährungsunsicherheit und Armut. Die landwirtschaftliche Produktivität hängt nach wie vor stärker von der Ausweitung der Anbauflächen als von Innovationen und Effizienzsteigerungen ab.

Das kürzlich zu Ende gegangene Africa Food Systems Forum in Kigali befasste sich mit Investitionen in Afrikas Agrar- und Ernährungssysteme. Im Mittelpunkt standen politische Maßnahmen, die Investitionen anziehen, die Produktivität steigern, die Widerstandsfähigkeit gegenüber komplexen Krisen stärken und die Lebengrundlagen verbessern sollen. Auch bei der neunten Africa Agriculture Science Week in Abuja wurde eine Botschaft deutlich: Afrika muss wesentlich stärker in landwirtschaftliche Innovationssysteme und -kapazitäten investieren. 

Wachsende Nachfrage nach Lebensmitteln

Bis 2050 dürfte die Bevölkerung des Kontinents auf knapp 2,5 Milliarden Menschen anwachsen. Damit würde etwa ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika leben. Die rasche Urbanisierung und veränderte Ernährungsgewohnheiten lassen die Nachfrage nach Lebensmitteln steigen und eröffnen erhebliche Marktchancen. Klimaschocks und ein nur langsames Produktivitätswachstum bremsen jedoch die Fortschritte bei der Ernährungssicherheit.

Der Produktivitätsrückstand liegt nicht an einem Mangel an vielversprechenden Technologien. Vielmehr werden vorhandene Technologien zu selten eingesetzt und ergänzende Investitionen bleiben aus. Dazu belasten hohe Transaktionskosten sowohl landwirtschaftliche Betriebe als auch Märkte.

Um den Fortschritt bei der Bekämpfung von Hunger und Armut in Afrika zu beschleunigen, bedarf es daher eines koordinierten Bündels technischer, institutioneller und soziopolitischer Innovationen. Diese müssen nicht nur die Erträge steigern, sondern auch die Systeme stärken, die Produktivitätsgewinne nachhaltig sichern.

Politische Grundlagen für den technologischen Wandel

Afrika verfügt bereits über tragfähige politische Rahmenwerke, die einen technologisch gestützten Wandel fördern sollen. Die Agenda 2063, der langfristige Entwicklungsplan des Kontinents für eine nachhaltige und inklusive wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, räumt Technologie eine zentrale Rolle ein.

Auch die Digitale Transformationsstrategie für Afrika legt einen kontinentalen Rahmen fest. Digitale Technologien sollen zu inklusivem Wachstum beitragen, Arbeitsplätze schaffen, Armut verringern und die digitale Kluft verkleinern. Zugleich soll Afrika die Eigenverantwortung über seine digitale Zukunft behalten.

Gemeinsam mit der kürzlich verabschiedeten Kampala-Erklärung bilden diese Rahmenwerke eine wichtige Grundlage, um den technologischen Fortschritt zu beschleunigen.

Wie kann Afrika nun den technologischen Sprung schaffen? Die Antwort liegt nicht in immer neuen Pilotprojekten. Vorhandene Technologien müssen systematisch verbreitet und in größerem Maßstab eingesetzt werden. Dafür braucht es abgestimmtes Handeln über Institutionen und Sektoren hinweg.

Die nächste technologische Entwicklungsstufe beruht somit nicht auf einem einzelnen Durchbruch. Entscheidend ist das Zusammenspiel biologischer, digitaler, technischer, ökologischer und institutioneller Innovationen – unterstützt durch politische und wirtschaftliche Bedingungen, die Skarlierbarkeit, gerechten Zugang und Widerstandsfähigkeit ermöglichen.

Technologien für Afrikas Agarwandel breit einsetzen

Die Bausteine für diesen Wandel sind auf dem Kontinent bereits zu sehen. Klimaresistentes Saatgut, präzise Bewässerung, KI-gestützte Beratungsplattformen und digitale Marktplätze kommen schon heute zum Einsatz. Viele der Werkzeuge, die Produktivität und Ernährungssicherheit stärken können, sind also vorhanden.

In Mali und Senegal verbessern KI-gestützte Geodatenanalysen beispielsweise die Vorhersage von Ernteerträgen. Das hilft landwirtschaftlichen Betrieben, vorausschauender zu planen. Digitale Beratungsplattformen in Kenia unterstützen Entscheidungen und erleichtern den Marktzugang. So können Betriebe ihre Produktivität steigern und ihre Erzeugnisse besser verkaufen.

Auch Fortschritte bei genetisch veränderten Nutzpflanzen, etwa trockenheitstoleranten und schädlingsresistenten Sorten, können Ertragslücken verkleinern und die Widerstandsfähigkeit stärken. In Nigeria zeigen verbesserte Mais- und Augenbohnensorten bereits messbare Produktivitätsgewinne.

Die Herausforderung besteht darin, Maßnahmen aufeinander abzustimmen und auszuweiten. Darauf weist auch der Report “Moving the Technology Frontiers in African Agrifood Systems” der panafrikanischen Forschungsorganisation AKADEMIYA2063 hin. Der Bericht fordert gezielte Eingriffe im gesamten Agrar- und Ernährungssystem, damit bestehende und neue Technologien häufiger und wirksamer genutzt werden.

Afrikas Weg zur technologischen Führungsrolle

Afrika verfügt über immer mehr Technologien und Lösungen, die einander ergänzen. Damit aus diesem Potenzial Fortschritte im gesamten Agrar- und Ernährungssystem werden, muss der Kontinent Maßnahmen in fünf Bereichen koordinieren.

Erstens: in Innovationssysteme investieren. Zukunftstechnologien lassen sich ohne leistungsfähige wissenschaftliche Einrichtungen, verlässliche Finanzierung in Forschung und Entwicklung sowie kohärente Regulierungssysteme nicht breit einsetzen. Die Skalierung neuer Technologien erfordert langfristige öffentliche Investitionen und regionale Zusammenarbeit, nicht punktuelle Pilotprojekte.

Zweitens: Technologien strukturiert und inklusiv verbreiten. Diese setzen sich besonders gut durch, wenn sie über vertrauenswürdige Netzwerke zugänglich werden. Digital vernetzte Erzeugerorganisationen, eine gestärkte landwirtschaftliche Beratung sowie Dienstleistungsmodelle für Maschinen und Bewässerung können die Nachfrage bündeln und Zugangskosten senken. Sie können auch sicherstellen, dass benachteiligte Gruppen und kleinbäuerliche Betriebe nicht von den Vorteilen der Innovation ausgeschlossen werden

Drittens: digitale Infrastruktur und Klimadaten ausbauen. Präzisionslandwirtschaft, digitale Zwillinge und KI-gestützte Prognosen benötigen verlässliche Geodaten, Wettermessnetze, miteinander kompatible Datenstandards und Internetverbindungen in ländlichen Gebieten. Öffentliche digitale Infrastruktur wird für die Landwirtschaft ebenso wichtig wie Straßen und Bewässerungskanäle.

Viertens: Klimaanpassung zum festen Bestandteil technologischer Strategien machen. Dürreresistente Nutzpflanzen, solarbetriebene Bewässerung, wassersparende Produktionssysteme, emissionsarme Tierhaltung und Innovationen für eine kreislauforientierte Bioökonomie sind keine bloßen Ergänzungen. Sie sind Voraussetzungen für widerstandsfähiges Wachstum auf einem Kontinent, der besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist.

Fünftens: Regierungsführung und Rechenschaftspflicht müssen mit dem Innovationstempo Schritt halten. Für den Umbau der afrikanischen Agrar- und Ernährungssysteme werden bis 2030 schätzungsweise jährlich 77 Milliarden US-Dollar benötigt. Koordinierte öffentlich-private Partnerschaften, harmonisierte Regulierungsrahmen und transparente Kontrollsysteme werden entscheidend sein, um privates Kapital zu mobilisieren, die Produktivität zu steigern, Innovationen auszuweiten und Reformen nachhaltig zu gestalten. Die landwirtschaftlichen Betriebe müssen dabei im Mittelpunkt stehen.

Mit seinen riesigen Ackerflächen, jungen Arbeitskräften und wachsenden digitalen Kompetenzen ist Afrika in einer einzigartigen Position, um klimafreundliche und ressourcenschonende Modelle der Landwirtschaft zu entwickeln. Für den Wandel seiner Ernährungssysteme braucht der Kontinent keine neue Welle bahnbrechender Erfindungen. Er braucht den entschlossenen Übergang von vereinzelten Anwendungen zu einer Modernisierung des gesamten Systems. Die Aufgabe besteht nicht mehr darin, nur am Rand Neues auszuprobieren, sondern das System im großen Maßstab neu zu gestalten. (Ende)

Dr. Debisi Araba ist Experte für Politik, Innovation und Strategie. Seit September 2025 leitet er als Geschäftsführer die panfafrikanische Forschungsorganisation AKADEMIYA2063 in Kigali. Zuvor war er als Senior Consultant bei der Afrikanischen Entwicklungsbank tätig.

Titelbild: Shutterstock.com