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1000 Tage Krieg im Sudan: Die Welt schaut weg

Von Andrew Firmin* | 8. Januar 2026

Der Krieg im Sudan ist exakt 1000 Tage alt. Die Kampfhandlungen haben am 15. April 2023 begonnen, Frieden ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Die Gewalt eskaliert weiter, die Hungersnot nimmt nie dagewesene Ausmaße an. Und die Welt schaut weg.

London (IPS/afr). Satellitenbilder von al-Faschir in Nord-Dafur zeigen aufgetürmte Leichen, die auf eine Massenbestattung oder Einäscherung warten. Unterdessen versucht die Miliz der Rapid Support Forces (RSF), das Ausmaß ihrer Verbrechen zu vertuschen. Nachdem die Stadt im November von der RSF eingenommen wurde, gelten bis  zu 150.000 Einwohner*innen von al-Fashir weiterhin als vermisst. Die arabische Miliz hat die Stadt ethnisch von ihren nicht-arabischen Einwohnern gesäubert. Die niedrigste Opferschätzung geht von 60.000 Toten aus. 

Das Massaker ist das bislang schrecklichste Kapitel im Krieg zwischen den RSF und den sudanesischen Streitkräften, der durch einen Machtkampf zwischen Militärführern im April 2023 ausgelöst wurde. Beide Seiten haben Gräueltaten begangen, darunter Hinrichtungen, außergerichtliche Tötungen und sexuelle Gewalt. Es ist schwierig, genaue Zahlen zu ermitteln, aber Schätzungen zufolge wurden mindestens 150.000 Menschen getötet. Rund neun Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben, und fast vier Millionen sind über die Grenze geflohen. Etwa 25 Millionen Menschen sind nun von einer Hungersnot bedroht.

Zivilgesellschaftliche und humanitäre Organisationen helfen so gut sie können, aber sie befinden sich in der Schusslinie. Tod, Gewalt, Entführung und Inhaftierung zählen zu den Bdrohungsszenarien. Darüber hinaus haben sie mit Notverordnungen und bürokratischen Beschränkungen zu kämpfen,  die Hilfsmaßnahmen sowie die Versammlungs-, Meinungs- und Bewegungsfreiheit einschränken. Währenddessen blockieren Truppen die Lieferung von Hilfsgütern.

Die Berichterstattung über den Konflikt ist schwierig und gefährlich. Fast die gesamte Medieninfrastruktur wurde zerstört, viele Zeitungen haben ihre Veröffentlichung eingestellt. Beide Konfliktparteien nehmen Journalist*innen ins Visier, sodass viele ins Exil gezwungen wurden. Umfangreiche Desinformationskampagnen verschleiern, was vor Ort geschieht. Das Schicksal von Mohamed Khamis Douda, Sprecher des Flüchtlingslagers Zamzam, veranschaulicht die Gefahr: Er blieb in al-Fashir, um internationale Medien mit wichtigen Informationen zu versorgen. Als die RSF einmarschierte, suchten sie ihn und töteten ihn.

Zentrale Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate 

Der Sudan wird manchmal als vergessener Krieg bezeichnet, aber es ist zutreffender zu sagen, dass die Welt ihn bewusst ignoriert – und das kommt mehreren mächtigen Staaten gelegen. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind der größte Unterstützer der RSF. Sie leugnen das zwar. Jedoch sind Waffen, die von den VAE hergestellt oder von ihren Verbündeten geliefert wurden, an Orten gefunden wurden, die aus der Kontrolle der RSF zurückerobert wurden. Ohne die Unterstützung der VAE hätte die RSF den Krieg wahrscheinlich schon verloren.

In den letzten Jahren haben die VAE daran gearbeitet, ihren Einfluss in mehreren afrikanischen Staaten auszubauen. Sie haben eine Reihe von Infrastrukturprojekten in Afrika entwickelt, darunter einen geplanten Hafen an der sudanesischen Küste des Roten Meeres. Sie haben große Investitionen in die Landwirtschaft im Sudan getätigt und erhalten den größten Teil des dort geförderten Goldes

Die VAE sind offenbar zu dem Schluss gekommen, dass die Kontrolle durch die RSF der beste Weg ist, um ihren Einfluss zu sichern und ihre Interessen zu schützen  – auch auf Kosten von Menschenleben. Als Reaktion darauf hat die sudanesische Regierung Schritte unternommen, um die Beziehungen zu Russland zu verbessern. Es wurde berichtet, dass sie Russland möglicherweise erlauben wird, einen permanenten Marinestützpunkt am Roten Meer zu errichten.

Wenig Druck von außen

Die VAE stehen nur unter geringem internationalem Druck. Westliche Staaten, die eng mit ihnen verbunden sind – darunter Großbritannien und die USA – spielen ihre Rolle herunter. Die britische Regierung liefert weiterhin Waffen an die VAE, obwohl sie weiß, dass diese an die RSF weitergegeben werden. Zudem hat ein Whistleblower die britische Regierung beschuldigt, Warnungen vor einem möglichen Völkermord im Sudan aus einer Risikobewertungsanalyse entfernt zu haben, um die VAE zu schützen. 

Die Europäische Union und Großbritannien reagierten auf die Gräueltaten in el-Fashir mit Sanktionen gegen vier RSF-Führer. Auch die USA wollen weitere Sanktionen in Erwägung ziehen, aber diese Maßnahmen reichen nie bis zu den Persönlichkeiten in der Regierung der VAE.

Der UN-Sicherheitsrat, in dem Großbritannien als ständiges Mitglied die Führungsrolle für die Beendigung des Konflikts im Sudan innehat, war ebenfalls erwartungsgemäß ineffektiv. Russland hat angekündigt, jede Resolution Großbritanniens mit einem Veto zu blockieren. Dennoch lehnte Großbritannien im Juni das Angebot afrikanischer Staaten ab, die Verantwortung an sie abzutreten.

Ägypten unterstützt die sudanesische Regierung nachdrücklich, und auch Saudi-Arabien zeigt sich einigermaßen kooperativ. Gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA haben sie sich zu einem Forum namens „Quad“ zusammengeschlossen. 

Trotz der konkurrierenden Interessen gab es im September Anlass zur Hoffnung, als die Quad eine dreimonatige humanitäre Waffenruhe aushandelte, gefolgt von einem neunmonatigen Übergang zur Zivilregierung. Beide Seiten akzeptierten den Plan, doch die RSF kämpfte weiter, woraufhin die sudanesische Regierung den Vorschlag ablehnte. 

Niedrige US-Zölle für VAE

Ob und wann die Kämpfe eingestellt werden, hängt möglicherweise von den diplomatischen Launen der USA ab. US-Präsident Donald Trump scheint sich seit kurzem stärker für den Konflikt zu interessieren, wahrscheinlich aufgrund eines Besuchs des saudischen Herrschers Mohammed bin Salman im Weißen Haus im November.

Trump möchte vielleicht behaupten, einen weiteren Konflikt beendet zu haben, um seinen offensichtlichen Wunsch nach dem Friedensnobelpreis zu erfüllen. Aber es ist schwer, Fortschritte zu erkennen. Die US-Regierung scheint derzeit nicht bereit, Druck auf die VAE auszuüben. Eine Möglichkeit dafür wären Zölle – ein grobes Instrument, das Trump bereits eingesetzt hat, um anderen Staaten Vereinbarungen aufzuzwingen. Die Tatsache, dass die Trump-Regierung derzeit Zölle zum niedrigsten Satz von zehn Prozent erhebt, zeigt ihre anhaltende Freundlichkeit gegenüber den VAE.

Aktivist*innen versuchen, mehr Aufmerksamkeit auf die zentrale Rolle der VAE in diesem Konflikt zu lenken. Ein Schwerpunkt dabei ist Basketball: Die NBA hat einen umfangreichen und wachsenden Sponsorenvertrag mit den VAE abgeschlossen, die ihren internationalen Ruf durch Sport aufzupolieren wollen. Aktivist*innen der Zivilgesellschaft fordern die NBA auf, diese Partnerschaft zu beenden. Dieses Engagement könnte dazu beitragen, dass der Sudan auf der Agenda der USA weiter nach oben rückt.

Die internationale Gemeinschaft hat die Macht, das Töten zu beenden, aber zuerst muss sie die Rolle der VAE und ihrer westlichen Verbündeten bei der Ermöglichung dieses Tötens anerkennen. Alle am Konflikt Beteiligten innerhalb und außerhalb des Sudan müssen ihre engstirnigen Eigeninteressen beiseite lassen. Die VAE, ihre Verbündeten und die anderen Quad-Staaten sollten stärker unter Druck gesetzt werden, als ersten Schritt zum Frieden einen echten Waffenstillstand zu vermitteln und ihren Einfluss auf die Kriegsparteien zu nutzen, um sicherzustellen, dass sie sich daran halten. (Ende)

*Andrew Firmin ist Chefredakteur von CIVICUS. Das Ziel der internationalen Nonprofit-Organisation mit Hauptsitz in Johannesburg ist die Stärkung der Zivilgesellschaft.

Titelbild: Am 8. November 2025 protestierten tausende Menschen in London gegen die Unterstützung von Kriegsparteien im Sudan. Dieser Mann zeigt ein Bild von Muhammad bin Zayid Al Nahyan, Herrscher von Abu Dhabi und Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate. (Foto: SunshineMunu, Shutterstock.com)