Zentralafrika: Hilfe für schrumpfenden Tschadsee

Regionales Nachhaltigkeitsprojekt sucht Geber

Von Ngala Killian Chimtom | 19.02.2013

Gulfe, Kamerun. Wenn man sich dem Tschadsee von Gulfe, einem kleinen Ort im äußersten Norden Kameruns, aus nähert, bietet sich ein trostloses Bild: Heftige Winde fegen über Sanddünen, Pflanzen welken vor sich hin. Auf weiten Flächen mit karger Vegetation sind ab und zu ein verdorrter Baum und einige versengte Sträucher zu sehen.

Der Tschadsee, der an die Länder Tschad, Kamerun, Niger und Nigeria grenzt, erstreckte sich früher über eine Fläche von rund 25.000 Quadratkilometern. In den vergangenen 50 Jahren ist er jedoch um 90 Prozent geschrumpft. Seine Gesamtoberfläche beträgt nur 2.500 Quadratkilometer.

Infolge des spärlichen Regens bringen Chari und Logone – die beiden größten Flüsse, die in den See münden – von Jahr zu Jahr weniger Wasser. Hirten, Fischer und Bauern, denen der nährstoffreiche Boden über Generationen die Existenz gesichert hatte, können inzwischen nur noch mit Mühe überleben. Der große See trocknet vor ihren Augen aus.

An den Ufern des Sees holt Mahamat Aboubakar einen winzigen Katzenfisch aus seinem großen Netz. "Früher brauchte ich das Netz nur kurz auszuwerfen, um Tausende Fische aus dem Wasser zu ziehen. Heute dauert es dagegen einen ganzen Tag, bis ich einen bescheidenen Fang mache", erzählt er. Mit den wenigen Fischen lassen sich umgerechnet höchstens zwei US-Dollar verdienen – einen weiteren Tagesverdienst hat Aboubakar nicht.

Als der See noch gesund und voller Leben war, verdiente der inzwischen 64-jährige Fischer bis zu 50 Dollar täglich. In Zukunft wird sein Fang wahrscheinlich noch kleiner ausfallen, was ihn weiter in die Armut treibt.

"Eine Katastrophe"

Sanusi Imran Abdullahi spricht von einer "Katastrophe". "Den Anwohnern, die in der Nähe des Sees wohnen, wird bereits ein hoher Tribut abverlangt", sagt der Exekutivdirektor der regionalen Tschadsee-Kommission (LCBC), die von den Anrainerstaaten mit dem Ziel gegründet wurde, die Nutzung des Wassers und anderer natürlicher Rohstoffe des Tschadsees zu regeln.

Experten führen die Krise auf mehrere Faktoren zurück. "Wüstenbildung, der Klimawandel sowie die kontinuierliche Ableitung von Wasser der Zuflüsse sind als Ursachen zu sehen", erklärt der Umweltwissenschaftler Paul Ghogomou von der Universität von Yaounde in Kamerun.

Der Tschadsee bezieht sein Wasser laut Ghogomou zu 90 Prozent aus dem Chari-Fluss, der von seinem Nebenfluss Logone gespeist wird. Der Chari werde jedoch ständig für Bewässerungsprojekte in der Umgebung angezapft. Für die fortschreitende Austrocknung des Tschadsees macht der Experte aber auch den Bau von Staudämmen an den Flüssen Jama'are und Hadejia im Nordosten Nigerias verantwortlich.

Abdullahi zufolge bringt aber auch der zunehmende Wasserkonsum der Bevölkerung den See an seine Belastungsgrenze. "Vor 40 Jahren lebten nur etwa 17 Millionen Menschen im Umkreis des Sees. Inzwischen sind es dagegen etwa 30 Millionen. Die steigende Wassernachfrage der Bevölkerung, die zunehmende Zahl von Nutztieren und die hohe Verdunstung aufgrund des Klimawandels haben gemeinsam dazu geführt, dass sich der See immer weiter verkleinert", sagt er.

Bauern und Fischer versuchen so gut es geht mit der Situation umzugehen und sich auf die bevorstehende Krise vorzubereiten. Ahmadou Bello, ein Fischer in Gulfe, ist inzwischen Farmer geworden und baut unter anderem Bohnen, Mais, Reis und Paprika ohne Einsatz von Dünger an. Der schrumpfende See habe sehr fruchtbares Land zurückgelassen, sagt Bello. Sollte sich der Tschadsee jedoch weiter zurückziehen, gäbe es für die Landwirtschaft keine Zukunft.

Wasser aus dem Obangui zur Rettung des Sees

Um nachhaltige Lösungen für die Krise umzusetzen, haben die LCBC-Staaten Kamerun, Niger, Nigeria und die Zentralafrikanische Republik einen ehrgeizigen Plan entwickelt. Sie wollen den See mit dem Wasser des Obangui, eines Nebenflusses des Kongo-Stroms, speisen.

Nach Angaben von Abdullahi beinhaltet das Projekt den Bau eines Rückhaltedamms in Palambo, das stromaufwärts hinter Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, liegt. Das Gebiet soll dann als Wassereinzugsgebiet dienen. Mit Hilfe von Pumpen soll das Wasser dann in den Fafa-Fluss strömen, einem Zufluss des Ouham, von wo es über einen Kanal in Kamerun in den Chari und später in den Tschadsee eingeleitet wird.

"Viel Wasser aus dem Kongo-Fluss endet im Meer. Wir nehmen einen Teil, um 30 Millionen Menschen zu retten, die den See zum Überleben brauchen", erklärt Abdullahi. Das Projekt soll zudem die Stromversorgung verbessern und dafür sorgen, dass die Flüsse für den Warenverkehr vom Osten in den Westen Afrikas schiffbar sind. Außerdem ist geplant, die Bewässerung der Gebiete und die Agro-Industrie zu fördern.

"Das Programm ist also nicht nur dazu gedacht, Wasser in den Tschadsee zu leiten", sagt er. Die Menschen im Kongo-Becken sollen außerdem die Chance erhalten, ihre wirtschaftlichen Aktivitäten auszubauen. Allerdings drohen finanzielle Engpässe die Umsetzung des Projekts zu verzögern. Laut Abdullahi belaufen sich die Projektkosten auf stolze 14,5 Milliarden Dollar.

Die Regierungschefs der Staaten in der Region zeigen zwar politischen Willen zur Unterstützung des Vorhabens. LCBC sucht aber vor allem Hilfe von der internationalen Staatengemeinschaft. "Wir werden in diesem Jahr eine internationale Geberkonferenz einberufen und sehen, was wir bekommen können. Davon ausgehend werden wir überschlagen, was die Mitgliedsstaaten beitragen können." Abdullahi rechnet damit, dass das Projekt größtenteils vom Privatsektor finanziert wird, sofern den Geldgebern garantiert werde, dass sich ihre Investitionen später auszahlen.

Nach Einschätzung des kanadischen Unternehmens 'CIMA-International', das im Zusammenhang mit dem Wasserleitungsprojekt Machbarkeitsstudien durchführte, könnte der Tschadsee bereits im Jahr 2025 vollständig verschwunden sein, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. (afr/IPS)

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