Sierra Leone: Das hässliche Gesicht der Selbstjustiz

Bürgerwehren schlagen zu

Von Tommy Trenchard | 23.01.2013

Freetown. Es ist dunkel und diesig, doch für den Teenager gibt es kein Entrinnen. Nachdem ihn das Wort 'Dieb' eingeholt hat, wird er auf einer engen Straße in der sierraleonischen Hauptstadt Freetown zu Boden geworfen. In nur einer Minute ist er von einem Pulk aus Menschen umzingelt. Und es ist klar, das Blut fließen wird.

Der erste Schlag bildet den Auftakt eines 40-minütigen Martyriums. Stöcke, Ziegel und Steine sausen auf die im Straßenschmutz liegende Gestalt nieder. "Wir werden ihn töten", sagt ein Mann aufgeregt und zielt mit seinem Knüppel auf den Kopf des Jungen. Nachdem der rasende Mob seinen Blutrausch gestillt hat, wird das schwer verletzte Opfer nackt ausgezogen und seinem Schicksal überlassen. "Der wird die Nacht nicht überleben", versichert ein Zuschauer. "Er ist ein Dieb, ein schlechter Mensch."

In Sierra Leone ist Selbstjustiz weit verbreitet. Experten führen das Bedürfnis vieler Menschen in dem fast sechs Millionen Einwohner zählenden westafrikanische Land, das Recht in die eigene Hand zu nehmen, auf die Erfahrung des letzten Bürgerkriegs zurück. Damals, als sich die Menschen den Rebellen schutzlos ausgeliefert fühlten, bildeten sie Bürgerwehren, um sich zu verteidigen.

Seit zehn Jahren ist der bewaffnete Konflikt zu Ende und in Sierra Leone herrscht Frieden. Anti-Gewalt-Kampagnen trugen maßgeblich dazu bei, dass die letzten Präsidentschaftswahlen friedlich verliefen. Die Menschen haben offensichtlich von Gewalt die Nase voll. Doch wenn der Mob über vermeintliche Delinquenten herfällt, halten sie sich mit Kritik zurück.

"Reaktion auf die Schwäche der Justiz"

Ibrahim Tommy, Exekutivdirektor der Rechtshilfeorganisation 'Centre of Accountability and the Rule of Law' (CARL) mit Sitz in Freetown, führt das Phänomen auf die Ineffizienz des sierraleonischen Rechtssystems zurück, kriminelle Elemente rechtlich zur Verantwortung zu ziehen. "Die Öffentlichkeit reagiert auf die Schwäche unseres Rechtssystems", ist er überzeugt.

Einen Kriminellen zu verprügeln, sei weit zufriedenstellender, als ihn der Polizei zu übergeben, die ihn gleich am nächsten Tag wieder freilasse, meint ein Passant, der der Misshandlung des Teenagers zugesehen hat.

Ibrahim Samura ist stellvertretender Polizeiintendant. Er kritisiert die mangelnde Bereitschaft der Bürger, als Zeugen auszusagen. "Die Menschen in diesem Land sagen nicht vor Gericht aus, weil ihnen entweder die Zeit dafür zu schade ist oder sie Angst vor Vergeltungsschlägen haben", sagt er.

Doch für Tommy ist die Unwilligkeit, gegen Delinquenten auszusagen, ebenfalls das Resultat einer niedrigen Verurteilungsrate. Dass Menschen in Gruppen auf mutmaßliche Verbrecher losgingen, habe seine Ursache im Bürgerkrieg. Damals hätten viele Sierraleoner versucht, die sicherheitspolitische Lücke selbst zu schließen, die durch die Untätigkeit der Militärs entstanden sei.

Opfer werden in anonymen Massengräbern begraben

Selbstjustiz ist in Freetown inzwischen zur Alltäglichkeit geworden. Dura Kamara, Pflegerin am städtischen Krankenhaus, hat bereits viele Opfer verarztet. Jede Woche werden ein bis zwei Menschen eingeliefert, die übel zugerichtet wurden. "Sie sind meist in einer fürchterlichen Verfassung. Manche werden mit Säure verätzt, andere mit Knochenbrüchen oder mit Verletzungen eingeliefert, die von Macheten herrühren."

Dann gibt es die vielen Gewaltopfer, die es erst gar nicht bis zur Klinik schaffen. "Es geschieht häufig, dass mutmaßliche Diebe an Ort und Stelle zu Tode geprügelt werden", bestätigt der städtische Leichenbeschauer Alhaji Kanjeh. Er holt ein Foto aus der Schublade seines Schreibtisches, auf dem ein toter Teenager zu sehen ist. Dieser Junge habe den Versuch, einen anderen zu beklauen, mit dem Leben bezahlt. "Wir wissen noch nicht einmal, wie er heißt", berichtet Kanjeh. Die von den Bürgerwehren in der Pathologie abgelieferten Opfer seien oftmals erst 15 Jahre alt geworden.

Mutmaßliche Diebe, die den Zorn des Mobs nicht überleben, werden nur selten von ihren Angehörigen identifiziert, zu groß ist die Angst, selbst gesellschaftlich stigmatisiert zu werden. In solchen Fällen werden die anonymen Leichen in Massengräbern beerdigt.

Auch nach Angaben von Owizz Koroma, dem staatlichen Chefpathologen, kommt es regelmäßig zu Fällen von Selbstjustiz. Die vielen Übergriffe machten seinem Team schwer zu schaffen. "Wir stehen wirklich unter einem unerhörten Druck, denn wir sind diesen vielen Fällen nicht gewachsen. Es mag herzlos klingen: Doch wir verfügen über kein Budget, um Beerdigung und Transport der Opfer zu finanzieren."

"Das Wüten des Mobs bereitet uns Sorgen", fügt Samura hinzu. "Die Menschen nehmen es mit den Rechten von Kriminellen nicht sehr ernst", erläutert er und fügt hinzu, dass die Polizei ihr Bestes tue, um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Das Problem ließe sich seiner Meinung nach durch eine breit angelegte Aufklärungskampagne lösen. "Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass Selbstjustiz nicht der richtige Weg ist und sie stattdessen lieber als Zeugen aussagen sollten."

Doch solange das Vertrauen in die staatlichen Instanzen nicht wieder hergestellt ist, werden auch weiterhin Menschen totgeprügelt und in namenlosen Gräbern beerdigt. (afr/IPS)

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