Angola: Bauen für die Mittelschicht

Chinesen und Brasilianer investieren in die Infrastruktur

Von Mario Osava | 03.12.2012

Luanda. "In Luanda gibt es keine Streichhölzer", schrieb der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez im Jahr 1977. "Es gibt auch keine Seife, keine Milch, kein Salz und kein Aspirin. Und das in einer Stadt, die durch ihre moderne und strahlende Schönheit überrascht", fügte er hinzu. Doch tatsächlich sei sie nichts weiter als eine "blendende Eierschale ohne Inhalt".

Heute, 35 Jahre später, schieben sich Autos in allen Farben und aktueller Modelle über neu angelegte Alleen und Autobahnen. Am Straßenrand reihen sich riesige Hochhäuser aneinander, einige von ihnen sind gerade fertig gebaut, andere noch im Bau. Die meisten stehen noch leer. Sie bilden einen großen Kontrast zu den immer noch weit verbreiteten Slums, die sich am Stadtrand anhäufen.

Auf Brachflächen und vor Baugerüsten sind viele Schilder auf Mandarin oder Englisch beschriftet – am Wiederaufbau des Landes haben die Chinesen einen großen Anteil. Das größte Bauprojekt, an dem Investoren aus China beteiligt sind, ist ein Stadtviertel mit dem Namen Cidade do Kilamba (Kilamba-Stadt) in der Provinz Luanda rund 20 Kilometer außerhalb der Hauptstadt. Auf jeweils 13 Stockwerken sollen mehr als 80.000 Wohnungen entstehen und rund eine halbe Million Menschen beherbergen. Auch Schulen und Gesundheitszentren sind geplant sowie Polizeistationen.

Apartments für die Mittelschicht

Ein Viertel der Gebäude ist bereits fertiggestellt. Die ersten 3.180 Wohnungen waren bereits im Juli 2011 bezugsfertig. Doch hier wohnt so gut wie niemand. Die meisten Angolaner können sich die Apartments, die für eine gut betuchte Mittelschicht gedacht sind, nicht leisten.

Auch brasilianische Firmen mischen am neuen Bild Angolas mit. Am meisten Geld investiert Odebrecht, eines der größten Bauunternehmen Brasiliens. Odebrecht plant den Ausbau von Straßen und Infrastrukturprojekten zur Versorgung mit Wasser und Elektrizität. Das Unternehmen war die erste brasilianische Firma, die nicht auf der Suche nach Öl nach Angola kam. Stattdessen unterschrieben Odebrecht-Vertreter bereits 1984 einen Vertrag, um ein großes Wasserkraftwerk am Fluss Kwanza zu errichten. Der Unabhängigkeitskrieg unterbrach die Bauarbeiten am Staudamm, sodass das Kraftwerk schließlich erst 2004 ersten Strom lieferte.

Seit dem Ende des Krieges 2002 tummeln sich immer mehr ausländische Investoren im Land. Obwohl diese Geld ins Land bringen und wichtige Infrastruktur aufbauen, begegnen ihnen viele mit Skepsis. "Stolz können wir nicht sein – uns fehlen einfach eigene Unternehmen, die solche Projekte stemmen könnten", sagt der angolanische Soziologieprofessor Artur Pestana gegenüber IPS.

"Die Chinesen bauen schnell, die Arbeiter machen kaum Pausen und sie bieten Kredite an, für die man kaum Zinsen zahlen muss." Doch Arbeitsplätze im Land haben sie kaum beschafft, da sie fast gar keine Angolaner beschäftigen. "Außerdem gibt es immer wieder Beschwerden über die Qualität der Arbeit", sagt Pestana.

Die Brasilianer dagegen haben Pestana zufolge aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. "Jetzt spielen sie qualitativ ganz weit oben mit." Und das erlaube es ihnen, mit den chinesischen Investoren in den Wettbewerb zu treten.

Aus Fehlern gelernt zu haben – dazu gehört auch, dass die brasilianische Firma mittlerweile viele Angolaner beschäftigt. Während vor fünf Jahren noch neun Prozent der höheren Posten mit Angolanern besetzt waren, sind es heute bereits 41 Prozent, berichtet Alexandre Assaf von Odebrecht in Angola. Das Unternehmen setze verstärkt auf junge Universitäts-Absolventen, die sich in der Firma Führungspositionen erhoffen.

Starkes Bevölkerungswachstum

Die Bevölkerung in Luanda ist in den vergangenen 40 Jahren sprunghaft angestiegen. Im Jahr 1970 lebten noch rund 475.000 Menschen in der angolanischen Hauptstadt. Heute sind es mehr als sieben Millionen. Infrastrukturprojekte sind dem rasanten Zuwachs an Menschen bisher nicht hinterher gekommen. Das erhoffen sich die Angolaner nun durch die ausländischen Investoren.

Doch bisher hat sich die Hoffnung nicht erfüllt. Die Wohnhäuser, die ausländische Firmen bauen, sind für eine Mittelschicht gedacht, die jedoch viel zu klein ist. Die meisten Angolaner können sich die Mieten geschweige denn den Kauf der Wohnungen nicht leisten. So stehen die Häuser zum Großteil leer – was allerdings nicht dazu geführt hat, dass die Preise für Immobilien wesentlich gesunken seien.

Auch ist die Versorgung mit Wasser und Strom noch unzureichend. Erste Infrastrukturprojekte sind im Bau, doch wird es noch Jahre dauern, bis die Generatoren, die in vielen angolanischen Häusern laut brummen, verstummen werden. (afr/IPS)

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