Afrika: Landraub nach Kolonialherrenart

Auf dem Kontinent nehmen Vertreibungen zu

Von Jeffrey Moyo | 22.04.2015

Harare. In Afrika nimmt die Zahl der Zwangsvertreibungen in Verbindung mit dem Phänomen des Land Grabbing zu. So muss eine wachsende Mehrheit von Menschen ihre Farmen verlassen, um einer Minderheit einflussreicher Politiker, Unternehmer und Konzerne Platz zu machen, die Böden und Immobilien verschachern.

An unidentified woman being evicted from Zimbabwe's Mashonaland Central Province at Manzou Farm where President Robert Mugabe's wife, Grace, is said to be setting up a Game Park.Eine Tabakpflanzerin in der simbabwischen Provinz Mashonaland Central packt zusammen, nachdem sie einen Termin zur Räumung ihrer Farm erhalten hat (Bild: Jeffrey Moyo/IPS).

"Bereits unsere Vorväter hatten den Landklau durch die Kolonialherren vor mehr als einem Jahrhundert erlebt", meint dazu Claris Madhuku, Leiterin der simbabwischen Pro-Demokratie-Gruppe 'Platform for Youth Development' (PYD). "Die Geschichte wiederholt sich, und diesmal sind es unsere eigenen politischen Entscheidungsträger und Geschäftsleute, die unser Land stehlen."

Owen Dliwayo, Programmleiter von 'Youth Dialogue Action Network', einer weiteren lokalen Aktivistengruppe, macht vor allem multinationale Unternehmen für die in den meisten afrikanischen Ländern stattfindende Entwicklung verantwortlich. Als Beispiel führt er das Biotreibstoffprojekt im Bezirk Chipinge in der Provinz Manicaland im Südosten Simbabwes an. "Tausende Dorfbewohner mussten wegen einer riesigen Zuckerplantage verschwinden." Laut PYD wurden 1.754 Haushalte für das 2008 angelaufene Projekt geopfert, für dessen Umsetzung mehr als 40.000 Hektar Land dem Zuckerrohranbau zugewiesen wurden.

Gescheiterte Landreform in Simbabwe

Vor 15 Jahren hatte Simbabwe ein umstrittenes Landreformprojekt durchgeführt, das die kolonialen Landeigentumsverhältnisse zugunsten der schwarzen Bevölkerung verändern sollte. Doch Aktivisten zufolge hat es dem Land im südlichen Afrika geschadet.

"Zu behaupten, dass afrikanische Staaten wie Simbabwe das Landproblem gelöst haben, stimmt nicht", sagt Terry Mutsvanga, ein preisgekrönter simbabwischer Menschenrechtsaktivist, im IPS-Gespräch. "Vielmehr wurde das, was den weißen Farmern weggenommen wurde, vor allem an die politischen Eliten verteilt. Der Landklau in Afrika trägt wie die Kolonialzeit zu einer Perpetuierung der wirtschaftlichen Ungleichheit bei."

2010 hatte der simbabwische Online-Nachrichtendienst 'ZimOnline' berichtet, dass 2.200 Angehörige der schwarzen simbabwischen Elite fast 40 Prozent der 14 Millionen Hektar Land kontrollieren, die man den weißen Farmern abgenommen hatte, die wiederum Flächen von einer Größe zwischen 250 und 4.000 Hektar bewirtschaftet hatten. Allein Simbabwes Präsident Robert Mugabe und seine Familie sollen 14 Farmen mit einer Gesamtgröße von mindestens 16.000 Hektar besitzen.

Auch in Ostafrika, das geht aus einem Vortrag des ugandischen Umweltexperten Joshua Zake zum Thema 'Land Grabbing: Das stumme Leid für Kleinbauern in Uganda' aus dem Jahre 2011 hervor, sind es wenige reiche und einflussreiche Persönlichkeiten, die sich an Land, das traditionell von Armen genutzt wurde, bereichern. Zake ist bei 'Environmental Alert' für das Umwelt- und Ressourcenprogramm zuständig und koordiniert die Arbeitsgruppe der Organisation für ugandische Wälder.

Wie er berichtet, sind in Afrika und insbesondere in seinem Land der unterirdische Öl- und Mineralienreichtum die Triebfedern für den großflächigen Landraub. In Simbabwe wurden seit der Entdeckung von Diamanten im Jahr 2005 mehr als 800 Familien aus Chiadzwa in Manicaland vertrieben.

Namibia: Landraub auch in den Städten 

Land Grabbing findet auch in den Städten statt. "Infolge der Landflucht besteht eine hohe Nachfrage nach Grundstücken für den Bau von Häusern und Wohneinheiten", bestätigt Etuna Nujoma, ein Immobilienunternehmer mit Sitz in der namibischen Hauptstadt Windhuk. "Neben den Reichen und Mächtigen ziehen auch korrupte Politiker ihren Vorteil aus der hohen Immobiliennachfrage. Sie filetieren die städtischen Grundstücke und teilen sie untereinander auf, um sie dann zu exorbitanten Preisen und zu Lasten der Armen teuer weiterzuverkaufen."

Im letzten Jahr hatten Slumbewohner am Rande der namibischen Ferien- und Küstenstadt Swakopmund Gemeindeland besetzt, nachdem die Absicht korrupter Behördenvertreter, sich gegenseitig Land zuzuschanzen, bekannt geworden war.

In Simbabwe vergeben Mitglieder der regierenden Zanu-PF-Partei Grundstücke an Personen, die zwischen 10 und 20 US-Dollar – je nach Lage – für ein 30 bis 50 Quadratmeter großes Grundstück zu zahlen bereit sind, wie Andrew Nyanyadzi von der Zanu-PF bestätigt. "Wir brauchen die Genehmigung der Lokalbehörden nicht. Weil es das Land ist, für das unsere Freiheitshelden gekämpft haben, steht es uns frei, es zu erschwinglichen Preisen an Parteianhänger zu verkaufen."

In Harare haben sich militante Gruppen, die der Zanu-PF nahestehen, städtische Grundstücke unter den Nagel gerissen. So berichtet Precious Shumba, Leiterin der Bürgergruppe 'Harare Residents Trust', dass sich die Polizei nicht traue, einzugreifen. In dem dicht besiedelten Stadtteil Hatcliffe hätten sich Wohnbaukooperativen im Besitz von Zanu-PF-Führern Land illegal angeeignet, obwohl es Personen und Organisationen in Simbabwe verboten sei, Land zu veräußern, das ihnen nicht gehöre.

Schlupflöcher für Investoren in Mosambik

In Mosambik ist der Staat der einzige Landbesitzer. So ist es in der Landesverfassung festgeschrieben. Wohl erlaubt das Land- und Bodengesetz Privatpersonen die Nutzung von Grundstücken, doch Schlupflöcher führen dazu, dass die nationalen Landrechte privaten Interessen geopfert werden.

So geht aus einer Untersuchung des Nationalen Bauernverbands aus dem letzten Jahr hervor, dass der Landklau in Mosambik ein Ausmaß erreicht habe, das an Kolonialzeiten erinnere. Unternehmen mit besten Verbindungen zu den Behörden haben sich demnach hunderttausende Hektar Farmland gesichert und die Kleinbauern vertrieben.

Wie die Non-Profit-Organisation GRAIN berichtet, ist es für Bauern im Norden von Mosambik schwer, sich gegenüber dem Landhunger ausländischer Agrounternehmen zu behaupten. Mosambikanern werde weisgemacht, dass die Projekte der Entwicklung förderlich seien. Doch Caesar Guebuza und andere Bauern wissen aus Erfahrung, dass das nicht stimmt. "Agrarinvestitionen ausländischer Unternehmen nützen uns gar nichts, sondern bringen uns um unser Land", sagt er.

Wirtschaftswissenschaftler machen vor allem den Staat dafür verantwortlich, dass ausländische Investoren inzwischen große Flächen an kommunalen Grundstücken besitzen. "Die Regierungen sind bekannt dafür, dass sie die Interessen ausländischer Unternehmen vertreten und diesen Land zuweisen, das nach geltendem Gewohnheitsrecht den lokalen Bauern gehört", sagt der simbabwische Experte Kingston Nyakurukwa.

Die Hilfsorganisation 'ActionAid Tanzania' hat unlängst gewarnt, dass die Neue Allianz für Ernährungssicherheit in Afrika, die 7,57 Milliarden Euro in die Entwicklung der afrikanischen Landwirtschaft und Ernährungssicherheit investieren will, dazu führen wird, dass Afrikaner um ihr hart verdientes Geld gebracht werden, da sie dann die Agrarerzeugnisse kaufen müssen. Zuckerrohrplantagen, Reisfelder und andere Agrarprojekte, die mit Geldern der Neuen Allianz finanziert würden, führten zur Vertreibung lokaler Kleinbauern. Der Traum vom großen Geld münde in die Landlosigkeit.

"Wir hier in Tansania werden durch die Gelder der Investoren von unserem angestammten Land vertrieben. Wir haben keine Wahl, ob wir umziehen wollen oder nicht", so Moses Malunguja, ein lokaler Bauer. "Wir werden zur Annahme von finanziellen Abfindungen oder Alternativland gezwungen." (afr/IPS)

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