Afrika: Die Zukunft der Landwirtschaft liegt im Agribusiness

Die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten soll eliminiert werden

Von Akinwumi Adesina | 18.05.2017

Dr. Akinwumi Adesina ist seit dem Jahr 2015 Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB). Davor war er Minister für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in Nigeria. In seinem Gastkommentar spricht er sich klar für eine Kommerzialisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft aus.

In Afrika entsteht ein riesiger Markt für Landtechnik: Hier ein Bauer auf seinen Traktor in Makuyuni in Tansania. (Bildquelle: Shutterstock.com)

Abidjan (IPS/afr). Keine Region der Welt hat die Industrialisierung der Wirtschaft erreicht ohne vorher die eigene Landwirtschaft zu modernisieren. In Afrika erwirtschaftet das Agrarwesen 16,2 % des Bruttoinlandsprodukts, 60 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft involviert.

Der Agrarsektor ist also der Schlüssel für beschleunigtes Wachstum, Diversifizierung und Schaffung von Arbeitsplätzen für afrikanische Volkswirtschaften.

Bislang sind allerdings die Leistungen des Sektors hinter ihren Möglichkeiten zurück geblieben. So liegen die Getreideerträge in Afrika deutlich unter dem globalen Durchschnitt. Es fehlt am Zugang zu landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, wie hochwertiges Saatgut, Maschinen und Bewässerungsanlagen.

In der Vergangenheit wurde Landwirtschaft vor allem als ein Bereich der humanitären Entwicklungshilfe betrachtet. Armutsbekämpfung lautete das Ziel. Kaum jemand sah darin einen Wirtschaftsfaktor, der auch für Wohlstand sorgen kann.

Riesiges Potenzial

Afrika verfügt über riesiges Potenzial in der Landwirtschaft - und damit auch für Investitionen. Etwa 65 Prozent der bislang ungenutzten Ackerflächen der Welt befinden sich auf dem Kontinent.

Ich bin überzeugt, dass sich Afrika binnen einer Generation selbst ernähren wird können. Dann wird der Kontinent in der Lage sein, jene neun Milliarden Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen, die im Jahr 2050 unseren Planeten bevölkern werden.

Derzeit verschwendet Afrika allerdings noch große Mengen an Geld und Ressourcen, indem es seinen Agrarsektor unterschätzt. So werden z. B. pro Jahr 35 Milliarden US-Dollar in Fremdwährung für den Import von Lebensmitteln ausgegeben. Sollte dieser Trend anhalten, wird der Betrag bis zum Jahr 2030 auf über 100 Milliarden steigen.

Damit erstickt Afrika seine eigene wirtschaftliche Zukunft im Keim. Der Kontinent importiert das Essen, das er selbst produzieren könnte. Arbeitsplätze werden in entwickelte Länder exportiert, dort werden sie zur Herstellung der Nahrungsmittel gebraucht. Außerdem müssen aufgrund der globalen Preisschwankungen bei Rohstofflieferungen überhöhte Preise bezahlt werden.

Formel für den Wandel

Afrika selbst wächst zum Absatzmarkt: Im Jahr 2030 wird es zwei Milliarden Menschen auf dem Kontinent geben, die Nahrung und Kleidung benötigen. Afrikanische Unternehmen und Investoren müssen diese Chance erkennen und das Potenzial nutzen.

Afrika sollte endlich damit beginnen, Landwirtschaft als Geschäft zu betrachten. Der Kontinent muss sich dabei internationale Erfahrungen zum Vorbild nehmen. So war etwa die Landwirtschaft in Südostasien die Grundlage für ein rasches Wirtschaftswachstum. Die Erfolge basierten hier auf einer starken Nahrungsmittelverarbeitung und einer agroindustriellen Produktion.

Die Formel für den Wandel lautet: Die Landwirtschaft verbindet sich mit der Industrie. Die Fähigkeit zu Produktion und Verarbeitung resultiert in einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung, die der gesamten Volkswirtschaft zu Wohlstand verhilft.

Afrika darf diese Chancen der Koalition zwischen Landwirtschaft und Industrie nicht verpassen. Wir müssen Verluste in der gesamten Wertschöpfungskette der Nahrungsmittelproduktion eindämmen - beginnend auf der Farm über die Lagerung, den Transport und die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung im Handel.

Investitionen gefordert

Um die Industrialisierung der Landwirtschaft voran zu treiben, müssen wir den Sektor finanzieren. Nur dann können wir das gesamte Potenzial des Agribusiness freisetzen.

Im Rahmen ihrer Strategie Feed Africa wird die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) in den nächsten zehn Jahren 24 Milliarden US-Dollar in Landwirtschaft und Agribusiness investieren. Im Vergleich zu den 600 Millionen US-Dollar, die wir jetzt pro Jahr finanzieren, entspricht das einer Mittelerhöhung um 400 Prozent.

Eine Schlüsselrolle wird dabei dem Flaggschiff-Programm “Technologies for African Agricultural Transformation” zukommen, das mit 700 Millionen US-Dollar dotiert ist. Damit sollen landwirtschaftliche Technologien skalierbar werden, damit Millionen von Bauern in Afrika davon profitieren.

Agrarsektor bislang unterfinanziert

Finanzwesen und Landwirtschaft hatten es als Partner nicht immer einfach. Eine weitere Säule der Strategie will daher gewerbliche Finanzierungen für die Landwirtschaft beschleunigen. Trotz ihrer hohen Bedeutung erhält der Agrarsektor von Banken derzeit weniger als drei Prozent aller gewerblichen Kredite.

Dieses Manko könnte durch Instrumente zur Risikoteilung behoben werden. Bei der Kreditvergabe wird das Risiko zwischen Geschäftsbanken und dem Agrarsektor aufgeteilt. Institutionen der Entwicklungsfinanzierung und multilaterale Entwicklungsbanken sollten in jedem afrikanischen Land nationale Einrichtungen zur Risikoteilung gründen, um die Agrarfinanzierung zu fördern.

Die AfDB geht hier mit gutem Beispiel voran: Als Landwirtschaftsminister in Nigeria habe ich das Instrument erfolgreich eingesetzt. Diese Erfahrungen dienen nun als Grundlage.

Schlechte Infrastruktur hält Investoren ab

Entscheidend für einen tiefgreifenden Wandel des Agrarsektor ist auch die Entwicklung der ländlichen Infrastruktur, einschließlich der Strom- und Wasserversorgung sowie des Straßen- und Schienennetzes, um landwirtschaftliche und bereits verarbeitete Nahrungsmittel rasch zu transportieren.

Es ist nämlich die fehlende Infrastruktur, welche die Kosten für die Geschäftstätigkeit erhöht und die Lebensmittelhersteller davon abhält, sich in ländlichen Gebieten zu etablieren. Die Regierungen müssen daher finanzielle und infrastrukturelle Anreise für Produzenten schaffen, damit diese näher in Richtung Erzeuger rücken.

Dies kann durch die Schaffung von agroindustriellen Zonen sowie eigenen Verarbeitungszonen für Grundnahrungsmittel in ländlichen Gebieten erreicht werden. Diese Zonen sollen durch eine konsolidierte Infrastruktur einschließlich Straßen, Wasser, Strom und eventuell geeigneten Unterkünften aufgewertet werden.

Kosten für Geschäftstätigkeit reduzieren

Im Gegenzug werden private Lebensmittelfirmen und Agribusiness-Unternehmen neue Märkte für die Bauern schaffen und damit die wirtschaftlichen Chancen in ländlichen Gebieten fördern. Das wiederum regt die Schaffung von Arbeitsplätzen an und wird mehr in- und ausländische Investitionen anziehen.

Die Kosten für die Geschäftstätigkeit werden reduziert und das hohe Niveau der Verluste nach der Ernte verringert. Wenn das ländliche Einkommen steigt, werden die bislang vernachlässigten ländlichen Gebiete zu neuem Wohlstand kommen.

Und Ziel ist ganz einfach: Wir wolle die agroindustrielle Entwicklung in ganz Afrika massiv unterstützen. Wenn das gelingt, wird Afrika seinen rechtmäßigen Platz als globales Kraftwerk der Nahrungsmittelindustrie einnehmen. Dann könnte der Kontinent die Welt mit Lebensmittel versorgen. Zu diesem Zeitpunkt ist unsere Arbeit für den wirtschaftlichen Wandel abgeschlossen. (Ende)

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