Ägypten: "Zu viele Strohhalme in einem Glas Wasser"

Wachsende Wüstenbevölkerung, sinkende Grundwasserspiegel

Von Cam McGrath | 30.07.2014

Oase Bahariya. Mit einer Hacke entfernt der Bauer Atef Sayyid einen Erdbrocken aus dem Bewässerungskanal, damit Wasser auf seine mit Dattelpalmen, Oliven- und Mandelbäumen bepflanzte Parzelle 300 Kilometer südwestlich der ägyptischen Stadt Kairo fließen kann. Die Wasservorräte in der Tiefe könnten aber bald zur Neige gehen.

Noch vor kurzem kam das eisenhaltige Wasser aus einer natürlichen Quelle, die seit der römischen Antike zur Bewässerung genutzt wurde. Als sie in den 1990er Jahren zu versiegen begann, ließ die Regierung einen tiefen Brunnen graben. Heute fördert eine laute Dieselpumpe Wasser aus einer Tiefe von mehr als einem Kilometer zutage. Das dampfende Wasser wird durch ein Labyrinth von irdenen Bewässerungskanälen in Obstgärten und Palmenhaine geleitet, die nahe der Stadt Bawiti liegen.

"Je tiefer sich die Quelle befindet, desto heißer ist das Wasser", erklärt Sayyid. "Dieses Wasser schädigt aber die Wurzeln der Obstbäume. Da es auch rascher verdunstet, brauchen wir größere Mengen davon für die Bewässerung."

Bawiti liegt in Bahariya, einer von fünf großen Oasen in der Wüste im Westen Ägyptens. Während die Bewohner des dicht besiedelten Niltals und -deltas ihr Wasser aus dem Fluss beziehen, sind die Dörfer in abgelegenen und trockenen Regionen auf das Grundwasser angewiesen. Seit der Antike gelangt das Süßwasser durch Gesteinsrisse in die Anbaugebiete und ermöglicht selbst in der Wüste Landwirtschaft. Die fünf Oasen wurden aufgrund des intensiven Getreideanbaus auch der 'Brotkorb' des Römischen Reiches genannt.

Dort wo das Grundwasser früher auf natürlichem Wege aus dem Boden trat oder in geringer Tiefe gezapft werden konnte, müssen Bauern inzwischen ungefähr einen Kilometer tief bohren. Die nachhaltige Entwicklung in der Region scheint gefährdet zu sein. "Früher haben Quellen und kleine Brunnen den Oasen das gesamte Wasser geliefert", sagt der Experte Richard Tutwiler von der Amerikanischen Universität in Kairo. "Da inzwischen der Wasserdruck nachgelassen hat, muss die Ressource zunehmend empor gepumpt werden."

Fossiles Grundwasser keine erneuerbare Ressource

Das Wasser wird aus dem Nubischen Sandstein-Aquifer gewonnen, ein unterirdisches Reservoir mit fossilem Grundwasser, das sich im Laufe Zehntausender Jahre gebildet hatte, als die Sahara-Region weniger trocken war als heute. Die riesige Wasserader zieht sich durch einen Großteil Ägyptens, Libyens, des Sudans und des Tschads. Die darin enthaltene Grundwassermenge wird auf etwa 150.000 Kubikkilometer geschätzt.

Das fossile Grundwasser gehe aber irgendwann zur Neige, da es nicht wieder aufgefüllt werde, sagt Tutwiler, ein Experte für Ressourcenmanagement. Die Staaten, unter denen das Aquifer verläuft, beuten es immer intensiver aus. Allein in Ägypten werden jedes Jahr etwa 700 Millionen Kubikmeter Wasser aus tiefen Brunnen gepumpt.

Der höhere Wasserverbrauch hängt mit der Ausweitung der Landwirtschaft und dem Bevölkerungswachstum zusammen. Fast 2.000 Quadratkilometer Wüstenland sind in den vergangenen 60 Jahren durch Bewässerung mit Grundwasser urbar gemacht worden. Die Bauern wenden die Technik der so genannten Flutbewässerung an, bei der ein Feld mit Wasser überschwemmt wird, das in den Boden einsickert.

Seit den 1980er Jahren zielen Programme der Regierung darauf ab, Familien zum Umzug aus dem Niltal in die Wüste zu bewegen. Bestehende Oasen-Gemeinden sind weiter gewachsen, während rund um die tiefen Brunnen neue Ortschaften entstanden. Eine dieser Siedlungen, Abu Minqar, wurde 1987 gegründet und zählt inzwischen mehr als 4.000 Einwohner. Die von der Außenwelt abgeschnittene Gemeinde kann nur wegen ihrer 15 Brunnen weiterbestehen, durch die Grundwasser aus einer Tiefe von bis zu 1.200 Metern hochgepumpt wird. "Es ist wichtig, die Wasservorräte an Orten wie Abu Minqar umsichtig einzusetzen", meint Tutwiler. "Denn sobald der Brunnen versiegt, ist das Spiel aus."

Etwa 3.000 Brunnen in der westlichen Wüstenregion

Die Zahl der Brunnen in der westlichen Wüstenregion ist seit der Einführung von Perkussionsbohrmaschinen vor etwa 150 Jahren vor allem in der jüngeren Vergangenheit enorm gestiegen. 1960 gab es erst knapp 30 Brunnen, inzwischen sind es fast 3.000. In der Oase Dakhla, 550 Kilometer südwestlich von Kairo, liefern natürliche Quellen und 900 Brunnen Wasser für die 80.000 Bewohner der Oase und die Obstgärten, in denen Datteln, Zitrusfrüchte und Maulbeeren angepflanzt werden.

Dakhla ist seit jeher eine der fruchtbarsten Oasen, da das Aquifer nur etwa 100 Meter unter der Erdoberfläche verläuft. Doch auch hier werden inzwischen mechanische Pumpen gebraucht. Mehr als 500.000 Kubikmeter Wasser werden täglich aus dem Boden nach oben geleitet. An einigen Stellen sinkt der Grundwasserspiegel jedes Jahr um fast zwei Meter.

"In ein und demselben Glas Wasser stecken zu viele Strohhalme", sagt der Hydrologe Maghawry Diab. Er schätzt, dass das Nubische Sandstein-Aquifer noch Wasser für die nächsten 100 Jahre hat. Die ägyptischen Wüstengemeinden haben möglicherweise aber viel weniger Zeit. Die übermäßigen Pumpaktivitäten haben die Wasserader bereits an einigen Stellen austrocknen lassen.

Um den Druck auf das Grundwasser zu vermindern, hat die ägyptische Regierung das Bohren neuer Brunnen eingeschränkt und die Wassermenge, die aus den besonders intensiv genutzten Brunnen gepumpt wird, begrenzt. An den staatlich betriebenen Brunnen ist genau festgelegt, wie die Ressource aufzuteilen ist. Viele Bauern, die unbedingt mehr Wasser nutzen wollen, haben aber auf eigene Faust Brunnen gebohrt und dies den Behörden verheimlicht. In anderen Fällen wurden Beamte bestochen, damit sie ein Auge zudrücken. (afr/IPS)

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