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Klimawandel bremst Tansanias Prestige-Bahn

Von Kizito Makoye | 27. Jänner 2025

Dar es Salaam (IPS/afr). An einem regnerischen Mittwochmorgen herrscht am Terminal der Tanzania Standard Gauge Railway (SGR) in Dodoma, der Hauptstadt Tansanias, reges Treiben. Frauen führen Kleinkinder an der Hand, in ihren Händen baumeln Tüten mit Snacks. Tourist*innen ziehen Rollkoffer hinter sich her, Student*innen scrollen auf ihren Smartphones.

Im Bahnhof strömen die Passagiere in die Wartehallen. Die Tickets werden zügig gescannt, die Sicherheitskontrollen verlaufen reibungslos. Elektronische Displays kündigen pünktliche Züge an. Dann, gegen Mittag, ändert sich alles. Eine weibliche Stimme tönt aus dem Lautsprecher und verkündet, dass sich die Züge nach Morogoro und Dar es Salaam verspäten werden.

Die Verspätung, so erklärt die Sprecherin, sei auf heftige Regenfälle zurückzuführen, die irgendwo entlang der Strecke zu einer technischen Störung geführt hätten. Die Stunden vergehen, ohne dass ein Zug eintrifft.

Unmut bei wartenden Passagieren

„Als ich heute Morgen von zu Hause losfuhr, war ich noch ganz unbesorgt“, sagt Neema Msuya, eine Krankenschwester, die nach Dar es Salaam reist, um an einer Beerdigung teilzunehmen. „Der Zug ist normalerweise pünktlich.“ 

Msuya sitzt in der Nähe des Informationsschalters, ihren Koffer zu Füßen, und scrollt durch Instagram, um sich die Zeit zu vertreiben. Stunden später ist ihre Zuversicht dahin. „Wir sind schon viel zu lange hier“, beklagt sie sich. „Und niemand sagt uns klar und deutlich, was los ist.“

Passagiere eilen zum Zug der Tanzania Standard Gauge Railway
Fahrgäste eilen in Dodoma zum Zug der Tanzania Standard Gauge Railway (Foto: Kizito Makoye/IPS)

Für Msuya ist die Verspätung eine große Unannehmlichkeit. Beerdigungen in Tansania folgen strengen kulturellen Zeitvorgaben, und jede Verzögerung kann dazu führen, dass man die Bestattungsriten verpasst. Um sie herum beklagen sich auch andere Fahrgäste über versäumte Termine, Arztbesuche und sogar Gerichtsverhandlungen.

Die durch den Regen verursachte Verspätung bietet einen Einblick in ein größeres Problem: Der Klimawandel stellt Tansanias prestigeträchtige Eisenbahn mit niedrigem CO₂-Ausstoß auf eine harte Probe. Doch ist nicht alleine das Klima schuld an der Misere.

Symbol für den Fortschritt

Tansania feierte seine elektrische Bahn beim Start im Jahr 2024 als nationales Vorzeigeprojekt. Das rund zwei Milliarden US-Dollar teure Normalspurbahn, errichtet von einem 50/50-Konsortium aus dem türkischen Bauunternehmen Yapi Merkezi und dem portugiesischen Konzern Mota-Engil, ersetzte die veraltete Meterspurbahn und erschloss den Zentralraum neu – eine wichtige Verkehrsader, die den Hafen von Dar es Salaam mit dem Hinterland und weiter mit den Binnenländern Ruanda, Burundi, Uganda und dem östlichen Teil der Demokratischen Republik Kongo verbindet.

Mit modernen Bahnhöfen, gleitenden Rolltreppen, digitalem Ticketing und geräumigen Waggons wurde die SGR schnell zu einem Symbol für den Fortschritt. Die Reisezeiten sanken drastisch, die Straßen wurden entlastet, da sich der Passagier- und Frachtverkehr von dieselbetriebenen Lastwagen auf die elektrische Bahn verlagerte.

Weniger als zwei Jahre später ist dieser Optimismus jedoch mit der harten Realität extremer Wetterereignisse kollidiert, die Wissenschaftler*innen mit dem fortschreitenden Klimawandel in Verbindung bringen.

Überschwemmungen legen Zugverkehr lahm

Am 31. Dezember 2025 stellten die Behörden den Zugverkehr zwischen Dodoma und Morogoro ein, nachdem heftige Regenfälle wichtige Infrastrukturen beschädigt hatten. Hochwasser spülte ein Flussufer weg und legte eine Eisenbahnbrücke gefährlich frei.

Machibya Masanja, Generaldirektor der Tanzania Railways Corporation (TRC), bestätigt die Störung, weist jedoch Behauptungen zurück, sie sei auf einen Konstruktionsfehler zurückzuführen.

„Dies ist kein Versagen der Konstruktion oder des Baus“, sagt er und fügt hinzu, dass die Brückenfundamente 30 bis 40 Meter tief im Boden verankert seien und für eine Lebensdauer von mindestens 120 Jahren ausgelegt wurden.

Stattdessen macht Masanja menschliche Aktivitäten – insbesondere Landwirtschaft und Besiedlung in Überschwemmungsgebieten – für die Bodenerosion in der Nähe der Strecke verantwortlich. Er kündigt Pläne zum Bau von Dämmen und anderen Kontrollstrukturen an, um den Wasserfluss zu regulieren und gefährdete Abschnitte zu stabilisieren.

Experte bemängelt Planungsfehler

Der Stadtplaner Honesty Mshana in Dar es Salaam argumentiert jedoch, dass die wiederkehrenden Störungen auf tiefere Mängel in Planung und Umsetzung des millionenschweren Projekts hindeuten.

„Die Eisenbahn ist nicht robust genug, um Überschwemmungen standzuhalten“, meint Mshana. „Wenn man Millionen von Dollar an öffentlichen Geldern investiert, erwartet man ein System, das klimatischen Belastungen gewachsen ist. Überschwemmungen sind in Tansania kein neues Phänomen. Das hätte in die technischen Entscheidungen einfließen müssen.“

Mshana zufolge verlaufen lange Streckenabschnitte ohne ausreichende Durchlässe, erhöhte Dämme oder verstärkte Entwässerungssysteme durch Überschwemmungsgebiete und Flussbecken.

„Das ist nicht nur ein technisches Versagen“, sagt er. „Es ist ein Planungsfehler. Man kann nicht einfach Entwürfe von anderswo kopieren und sie in eine völlig andere ökologische und klimatische Umgebung übertragen. Resiliente Verkehrssysteme erfordern lokales Wissen, Klimaprognosen und die Bereitschaft, im Vorfeld mehr Geld auszugeben, um später weitaus größere Verluste zu vermeiden.“

Mit der fortschreitenden Erderwärmung, so warnt er, würden die Kosten solcher Versäumnisse weiter steigen – und Regierungen vor die Wahl stellen, entweder endlose Reparaturen zu finanzieren oder langwierige Betriebsunterbrechungen in Kauf zu nehmen.

Passagiere zwischen den Fronten

Für die Passagiere sind diese Erklärungen wenig tröstlich. Am späten Vormittag ist der Bahnhof von Dodoma noch immer voller wartender Fahrgäste. Kinder schlafen auf den Bänken, Geschäftsreisende drängen sich um die Ladestationen.

Passagiere im modernen SGR-Bahnhof von Dodoma (Foto: Kizito Makoye/IPS)

„Ich hatte Termine in Dar es Salam“, klagt der Unternehmensberater Emmanuel Kweka. „Dieser Zug war immer zuverlässig. Deshalb habe ich alles darauf abgestimmt. Jetzt weiß ich nicht, ob ich weiter warten oder einen Bus nehmen soll.“

Dennoch zeigen viele Fahrgäste Verständnis. „Ich möchte nicht, dass die Züge fahren, wenn es unsicher ist“, sagt Neema Msuya, die Krankenschwester. „Aber die Bahn muss besser vorbereitet sein. Diese Regenfälle sind keine Überraschung mehr.“

Dem Klima ausgesetzt

Weltweit gelten Eisenbahnen als tragende Säulen des Klimaschutzes. Elektrische Züge verursachen deutlich weniger Emissionen als Straßen- oder Luftverkehr, und für Länder wie Tansania stehen Investitionen in die Schiene im Einklang mit den Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen.

Die Erfahrungen mit der SGR verdeutlichen jedoch ein wachsendes Paradoxon: Infrastruktur, die als klimafreundlich gilt, ist selbst zunehmend den Folgen des Klimawandels ausgesetzt.

Internationale Studien zu Eisenbahnsystemen zeichnen ein klares Bild: Extreme Niederschläge können Böschungen destabilisieren, Brückenfundamente unterspülen, Gleisanlagen überfluten und Stromversorgungssysteme lahmlegen.

Die Probleme der SGR haben zudem Fragen nach Management und Transparenz aufgeworfen. Im Oktober 2025 entgleiste ein Zug kurz nach seiner Abfahrt in Dar es Salaam nahe dem Bahnhof Ruvu. Es gab keine Todesopfer, doch der Vorfall führte zu einer vorübergehenden Betriebseinstellung.

Die TRC bezeichnete die Entgleisung als Betriebsunfall ohne Zusammenhang mit den Wetterbedingungen. „Jede neue Eisenbahn hat Anlaufschwierigkeiten“, sagt Edmund Mabhuye, Klimaforscher an der Universität von Dar es Salaam. „Kritisch wird es dann, wenn das Vertrauen der Öffentlichkeit schneller schwindet als die Fähigkeit der Regierung, die Probleme zu beheben.“

Vergebliches Warten

Am SGR-Bahnhof in Dodoma bedrängen Fahrgäste das Sicherheitspersonal mit Fragen. Die Displays zeigen weiterhin dieselbe Verspätungen, die Durchsagen beschränken sich auf Entschuldigungen.

„Wir sind seit dem Morgen hier und niemand sagt uns, was los ist“, ruft Hamisi Juma, ein Händler aus Morogoro, entnervt. „Sie sagen uns immer wieder, wir sollen warten – aber worauf? Einige von uns haben Kinder und müssen zurück zur Arbeit.“

Für viele ist es nicht die Verspätung selbst, die sie aufbringt, sondern das Schweigen darüber. „Sagen Sie es doch einfach, wenn ein Zug ausfällt“, fordert der Student Peter Mwinyi vom Bahnpersonal. „Wenn er Verspätung hat, erklären Sie uns warum. Was die Leute wütend macht, ist, im Unklaren gelassen zu werden. Dann fühlt man sich betrogen.“

2.560 neue Schienenkilometer

Die Tanzania Standard Gauge Railway (SGR) ist ein ehrgeiziges Eisenbahnprojekt zur Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur in Tansania und ein zentrales Vorhaben des Ostafrikanischen Eisenbahn-Masterplans. Die moderne Normalspurstrecke verbindet den Hafen von Dar es Salaam mit dem Landesinneren sowie perspektivisch mit den Nachbarstaaten Ruanda, Burundi und Uganda.

Streckenverlauf der Tanzania Standard Gauge Railway: Der grün eingefärbte Abschnitt zwischen Dar es Salaam und Dodoma ist bereits in Betrieb, die weiteren Abschnitte nach Mwanza und Kigoma (rot) sind in Errichtung. [Zur interaktiven Karte bei Google MyMaps]

Der Bau des SGR-Netzes begann im April 2017, und bereits heute sind zwei bedeutende Teilabschnitte in Betrieb: Der Personenverkehr zwischen Dar es Salaam und Morogoro wurde am 14. Juni 2024 in aufgenommen, am 25. Juli 2025 wurde der Streckenabschnitt Morogoro–Dodoma offiziell eröffnet.

Mit einer geplanten Gesamtlänge von über 2.560 Kilometer zielt die SGR darauf ab, Transportzeiten und -kosten erheblich zu reduzieren, den Güter- und Personenverkehr effizienter zu gestalten sowie die regionale wirtschaftliche Integration und nachhaltige Entwicklung zu fördern. (Ende)

Titelbild: Magufuli Express der Tanzania Standard Gauge Railway (Foto: Shutterstock.com, Storyteller25, bearbeitet)