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Benin: Salzgewinnung im Wandel

Über Jahrhunderte wurde Salz an Benins Küste mit Feuer und Mangrovenholz gewonnen. Heute setzen immer mehr Frauen auf Sonnenenergie. Ein internationales Projekt verbindet Tradition mit Nachhaltigkeit und stärkt Gesundheit, Umwelt und Einkommen.

Von Neha Banka | 9. Juli 2026

Ouidah, Benin (IPS/afr) – Es ist kurz vor Mittag. Am Strand nahe dem Dorf Djégbadji im Westen Benins sitzt eine Gruppe von Frauen und siebt Salz, das sie aus dem Wasser des Golfs von Guinea gewonnen haben.

Große Betonbecken, die mit schwarzen Planen abgedeckt sind, tragen weiße Salzablagerungen – ein Zeichen dafür, dass das Meerwasser unter der heißen Mittagssonne langsam verdunstet. Anders als früher wird dafür jedoch kein Feuer mehr benötigt: Die Frauen nutzen Sonnenenergie.

Die Salzgewinnung zählt zu den wichtigsten Einkommensquellen im Süden Benins. Die Frauen arbeiten im Rahmen des Projekts ProSEL Benin – einer Kooperation der Regierung von Benin mit dem trilateralen IBSA-Forum von Indien, Brasilien und Südafrika sowie des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP).

Ziel des Projekts ist es, lokale salzproduzierende Gemeinschaften beim Zugang zu nachhaltigen Energiequellen zu unterstützen und mittelständische Unternehmen für die Produktion und Vermarktung von lokalem Jodsalz aufzubauen.

Jahrhundertealte Tradition

„In den Küstenregionen Benins gewinnen Frauen Salz aus den Küstenmarschen”, erklärt Robina Marks, die von 2021 bis 2024 als südafrikanische Botschafterin in Benin und Togo tätig war und maßgeblich an der Umsetzung des von IBSA unterstützten Projekts beteiligt war. “Sie errichten kleine Hütten und kochen Salzwasser in großen Kesseln über offenem Feuer im Inneren der Hütte. Das ist sehr ungesund. Das so gewonnene Salz verkaufen sie dann auf den Märkten und am Straßenrand.”

Die traditionelle Methode der Salzgewinnung und -verarbeitung wird in Benin seit mindestens dem 15. Jahrhundert praktiziert – überwiegend von Frauen. Dabei sammeln sie salzhaltige Erde, verdampfen das Wasser und filtern die Sole mithilfe von verbranntem Mangrovenholz. 

Diese Arbeitsweise belastet die Gesundheit der Frauen sowohl durch die Art der Salzgewinnung als auch durch die Bedingungen, unter denen das Salz verarbeitet wird. Mit dem ProSEL-Benin-Projekt soll diese jahrhundertealte Praxis behutsam weiterentwickelt und der Prozess der Salzgewinnung gesünder sowie umweltfreundlicher gestaltet werden.

Abholzung von Mangroven für Salzgewinnung

Für die Gemeinden an der Küste ist die Salzgewinnung eine wichtige Einnahmequelle. Gleichzeitig trägt die traditionelle Herstellung erheblich zur Abholzung der Mangroven bei. Nach Schätzungen von ProSEL Benin werden jedes Jahr rund 20.000 Kubikmeter Mangrovenholz in den Küstenregionen des Landes als Brennstoff für die traditionelle Salzgewinnung gefällt.

UNDP und die Regierung Benins begannen bereits vor rund fünf Jahren mit Gesprächen über die Einführung der neuen Methode. „Die Idee kam aber von den Menschen vor Ort, die diese Bedürfnisse hatten“, berichtet Aoualé Mohamed Abchir, der von 2020 bis 2024 als UNDP-Repräsentant in Benin tätig war. „Die Regierung von Benin entwickelte das Projekt und wollte mit dem UNDP zusammenarbeiten.“

Nach Angaben Abchirs unterstützt ProSEL Benin drei der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030: Geschlechtergleichstellung, menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum sowie verantwortungsvollen Konsum und nachhaltige Produktion. Ziel ist es, Frauen in ländlichen Regionen Benins dabei zu helfen, sauberes Salz herzustellen und zu vermarkten, um ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit zu stärken.

Im Jahr 2021 bewilligte der Verwaltungsrat des IBSA-Fonds für Armuts- und Hungerbekämpfung dem UNDP eine Million US-Dollar für die Umsetzung des Projekts. IBSA ist eine trilateral finanzierte Entwicklungsorganisation des Globalen Südens, die 2004 von Indien, Brasilien und Südafrika gegründet wurde.

Hohe kulturelle Bedeutung

Als die heute 60-jährige Cécile Koffi erstmals mit dem Salzprojekt in Berührung kam, dauerte es eine Weile, bis sie bereit war, von der traditionellen Methode der Salzgewinnung abzuweichen. „Salz hat viele Funktionen und ist für die Frauen dieser Gemeinschaft von grundlegender Bedeutung“, sagt Koffi, während sie ihr gewonnenes Salz betrachtet. 

In Benin besitzt Salz eine hohe kulturelle Bedeutung, die weit über seine Verwendung als Lebensmittel hinausgeht. „Es wird nicht nur als Nahrungsmittel verwendet, sondern hat auch eine kulturelle Bedeutung”, erläutert Robina Marks. “Es gilt als heilig und wird in vielen Vodoun-Praktiken eingesetzt.”

Gemeinsam mit anderen Frauen arbeitet Cécile Koffi mit der neuen Methode der Salzgewinnung, für die kein Feuerholz mehr benötigt wird. (Foto: Neha Banka/IPS)

Cécile Koffi gibt einen kleinen Einblick in die Rituale: „Wenn wir zum Markt gehen, um unsere Produkte zu verkaufen, streuen wir Salz auf den Boden und kehren es zusammen, bevor wir unseren Stand aufbauen. Wir glauben, dass dadurch alle bösen Geister verschwinden.”

Diese tief verwurzelten kulturellen Überzeugungen waren einer der Gründe, warum es schwierig war, die Frauen für Veränderungen zu gewinnen und sie für das ProSEL-Benin-Projekt zu begeistern.

Xwlajè: Auf dem Weg zur Marke

„Der Name Xwlajè ist eng mit der ethnischen Gruppe der Xwla verbunden“, erklärt Luc Obale, nationaler Projektleiter von ProSEL Benin. Die Arbeit der Salzproduzentinnen unterliegt zahlreichen traditionellen Regeln und Verboten, etwa in Bezug auf Arbeitstage oder Dorfgottheiten.

Die Regierung Benins arbeitet daran, das Salz zertifizieren zu lassen, damit es künftig unter dem Label „Xwlajè“ verkauft werden kann und so seine kulturelle Herkunft sichtbar macht.

„Die alte Methode ist die traditionelle Art der Salzgewinnung und hat daher eine besondere Bedeutung”, sagt Abchir. “Manchmal befürchten manche Menschen negative Folgen, wenn man die Produktionsweise ändert. Die Frauen hätten das Salz direkt aus dem Meer gewinnen können, aber es gibt einen Grund, warum sie das vor dem Projekt nicht getan haben.“

Menschen für den Wandel gewinnen

Das ProSEL-Projekt in Benin ist nicht das erste Vorhaben, das die lokale Salzgewinnung sauberer und umweltverträglicher gestalten will. Nach Einschätzung von Cessi Marlene Capo-Chichi, Projektkoordinatorin beim UNDP, war es jedoch besonders erfolgreich, weil es den Verantwortlichen gelang, die Menschen vor Ort für den Wandel zu gewinnen. „Organisationen haben Schwierigkeiten, die lokale Bevölkerung davon zu überzeugen, ihre Gewohnheiten zu ändern“, sagt sie.

Rund 500 Meter vom ProSEL-Projekt entfernt, innerhalb der Grenzen des Dorfes Djégbadji, liegt eine Küstenlagune. Dort gewinnen Frauen in einem Geflecht aus strohgedeckten Hütten weiterhin auf traditionelle Weise Salz. „Diese Art der Salzgewinnung ist mühsamer“,  sagt die 45-jährige Julienne Dekon, während sie einen schweren Korb aus Schilfrohr hebt, der mit salzhaltiger Erde aus den umliegenden Sümpfen gefüllt ist.

Heute verbietet die Regierung Benins das Fällen von Mangroven zur Brennholzgewinnung. Stattdessen werden die Frauen ermutigt, getrocknete Palmblätter und Kokosnussschalen als Brennstoff zu verwenden.

Festhalten an traditioneller Salzgewinnung

Dekon möchte dennoch an der traditionellen Methode festhalten, obwohl viele ihrer Freundinnen nach dem Beitritt zum ProSEL-Projekt inzwischen auf die Salzgewinnung aus Meerwasser umgestiegen sind. Als sie in ihrer Hütte beginnt, das Salzwasser zu kochen, füllt dichter Rauch den kleinen Raum. „Wenn ich viel arbeiten muss, werde ich müde”, erzählt Julienne Dekon, “aber ich weiß nicht viel darüber, wie sich das auf meine Gesundheit auswirkt.”

Sie erläutert, warum sie nicht auf die neue Methode umsteigen möchte. “Ich kann auch bei Regen Salz gewinnen, da ich die Erde sammle und drinnen mit dem Kochen beginne. Die beiden Systeme sind zu unterschiedlich“, erklärt Dekon und verweist auf die offenen, wetterabhängigen Verdunstungsbecken am Meer.

Doch auch die traditionelle Salzgewinnung stößt in der Regenzeit an ihre Grenzen. Von April bis August stehen die tiefer gelegenen Küstensümpfe regelmäßig unter Wasser, auch zwischen September und November kommt es zu Niederschlägen.

„Wir drängen die Frauen zum Umstieg auf das ProSEL-System, da das Gebiet, in dem das Salz traditionell gewonnen wird, während der Regenzeit unzugänglich ist”, sagt Abchir. “Es steht komplett unter Wasser, und so findet mehr als die Hälfte des Jahres keine Salzproduktion statt. Wir mussten ihnen Alternativen bieten.“

Viel Überzeugungsarbeit notwendig

Deshalb konzentriere sich das Projekt darauf, den Frauen einen dauerhaften Zugang zu Meerwasser zu ermöglichen. So können sie ganzjährig Salz gewinnen und ein regelmäßiges Einkommen erzielen.

„Die Salzgewinnung aus Meerwasser ist weniger aufwendig”, erklärt Abchir. “Man nimmt einfach das Wasser und lässt es von der Sonne verdunsten. Man muss es nicht kochen, und es ist sicherer. Außerdem kann man damit mehr Geld verdienen.”

Der Unterschied zwischen dem traditionell hergestellten Salz und dem ProSEL-Salz ist auf den ersten Blick sichtbar: Das herkömmliche Salz ist gelblich-braun mit grauen Streifen – eine Färbung, die durch den fehlenden Filterprozess entsteht. Das im Rahmen von ProSEL produzierte Salz hingegen ist weiß, sauber und mit Jod angereichert, das die Frauen kurz vor dem Abfüllen in die Verpackungen mischen.

Ein Kilogramm traditionell hergestelltes Salz kostet auf den lokalen Märkten und am Straßenrand etwa 800 westafrikanische CFA-Francs (rund zwei US-Dollar). Die gleiche Menge ProSEL-Salz wird für etwa 1.000 CFA-Francs verkauft.

Vom lokalen Projekt in den Handel

Nach einer Studie von ProSEL sind in Benin rund 4.000 Frauen in der Salzgewinnung tätig. Dennoch importiert das Land den Großteil seines Salzes aus Ghana, Senegal und Indien, da die heimische Produktion nur einen Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs deckt.

Den Projektverantwortlichen wurde schnell klar, dass es nicht genügte, den Frauen eine sauberere Salzproduktion zu vermitteln. Ebenso wichtig war es, neue Absatzmärkte zu erschließen. Einer davon könnte das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen in Benin sein, das jährlich mehr als eine Million Schulkinder mit Mahlzeiten versorgt. Derzeit prüft das WFP, ob künftig Salz aus den von Frauen geführten ProSEL-Kooperativen bezogen werden kann.

Auch die Regierung Benins verfolgt ehrgeizige Pläne für das lokal gewonnene Salz. Im Dezember 2025 zertifizierte die beninische Lebensmittelsicherheitsbehörde ABSSA (Agence Béninoise de Sécurité Sanitaire des Aliments) das Salz für den öffentlichen Verzehr. Damit wurde der Weg für den Verkauf unter dem Label „Xwlajè“ frei.

Inzwischen ist das Xwlajè-Salz in sieben Supermarktketten in Cotonou sowie in weiteren Geschäften in Porto-Novo, Cotonou und Comè erhältlich. „Darüber hinaus werden Schritte unternommen, um das Xwlajè-Salz in den Duty-Free-Shops des internationalen Flughafens Cotonou zu vermarkten“, sagt Obale.

Neues Verfahren macht weniger Arbeit

Abchir ergänzt, dass ein Arbeitsgang, der früher rund sechs Stunden dauerte, heute nur noch etwa zwei Stunden beansprucht. Die eigentliche Herausforderung sei jedoch gewesen, Menschen zu überzeugen, die seit Generationen nach denselben Methoden arbeiten.

Er räumt ein, dass das Projekt ohne das Vertrauen der Frauen, ihrer Ehemänner, der Bürgermeister sowie der lokalen Gemeindevorsteher kaum erfolgreich gewesen wäre. „Das einheimische Team ging zu den Frauen, verstand ihre Bedürfnisse und fand Akzeptanz. Es ist sehr schwierig in Benin, wenn Fremde kommen und ihnen vorschreiben, was sie zu tun haben.“

In den vergangenen Jahren hat die Regierung Benins den Tourismus zu einem Schwerpunkt ihrer Entwicklungspolitik gemacht. Die traditionellen Methoden der Salzgewinnung sollen dabei helfen, Besucher*innen die Kultur des Landes näherzubringen.

Das ProSEL-Projekt verfolgt jedoch nicht das Ziel, die traditionelle Salzgewinnung vollständig zu verdrängen, betont Obale. „Die moderne Salzproduktionsanlage befindet sich in unmittelbarer Nähe des traditionellen Produktionsstandorts, damit die Touristen den Unterschied zwischen den beiden Produktionsmethoden erkennen können“, sagt er.

Finanzielle Unabhängigkeit für Frauen

Die junge Mutter Mireille Adjovi ist mit ihrem schlafenden Säugling auf dem Rücken zur Arbeit auf das ProSEL-Gelände gekommen. „Mit dem Geld, das ich verdiene, kann ich für meine Kinder sorgen”, sagt Adjovi. “ Ich kann sie zur Schule schicken. An mich selbst denke ich zuletzt: Mein Mann und meine Kinder stehen an erster Stelle. Die Männer geben zwar Geld für den Haushalt, aber die Frauen leiden immer noch sehr. Wenn Frauen etwas brauchen, geben die Männer einfach so viel Geld, wie sie wollen, nicht das, was sie wirklich brauchen. Die Männer denken nicht an die Frauen. Deshalb hilft mir dieses Projekt, mein eigenes Geld zu verdienen.“

Für Frauen wie Adjovi bedeutet die Salzgewinnung weit mehr, als eine jahrhundertealte Tradition fortzuführen. Sie kennt weder die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen noch die Bedeutung der Abkürzung IBSA. Doch die Arbeit bei ProSEL Benin ermöglicht es ihr, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden stärker in den Mittelpunkt zu stellen und gleichzeitig in einer von Frauen geführten Kooperative mitzuwirken.

Wenn sie sich mit den anderen Frauen auf dem Gelände austauscht, denkt sie auch an die hart erkämpfte Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, die ihr das Projekt eröffnet hat. (Ende)

Titelbild: Julienne Dekon gewinnt Salz nach traditioneller Art. (Foto: Neha Banka/IPS)