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Das stille Verschwinden der Wanderfische

Von Kizito Makoye | 26. März 2026

Rufiji, Tansania (IPS/afr) – Schon zu Beginn der Auktion auf dem Fischmarkt von Nangurukuru in der südlichen Region Lindi in Tansania ist die Krise deutlich spürbar. Holzkanus, die einst mit reichen Fängen vom Rufiji-Fluss zurückkehrten, bringen heute nur noch einen Bruchteil dessen ein, was sie früher gefangen haben. Händler*innen suchen vergeblich nach einem Kambale, wie der Afrikanische Raubwels hier genannt wird. Die Welsart, die im Durchschnitt zwischen 70 und 100 Zentimeter lang wird, prägte einst den Markt.

„Die großen Kambale sind heutzutage nur noch schwer zu finden“, sagt der 68-jährige Fischer Hamisi Juma. Der Afrikanische Raubwels wanderte während saisonaler Überschwemmungen zum Laichen den Rufiji-Fluss hinauf. Das Ausbleiben des Fisches gefährdet die Ernährungssicherheit von Tausenden Menschen.

Der Afrikanische Raubwels zählt zu den wandernden Süßwasserfischen und damit zu den am stärksten bedrohten Wirbeltieren der Welt. Durch die Zerschneidung von Flussläufen, Verschmutzung, Überfischung und den Klimawandel werden die Bestände zunehmend dezimiert. Ihr Überleben hängt davon ab, dass Flüsse frei fließen können. Doch in ganz Afrika werden Flüsse immer häufiger aufgestaut oder umgeleitet.

Eine Lebensgrundlage bricht weg

„Fisch ist unsere wichtigste Proteinquelle“, sagt Asha Mrope, eine Händlerin auf dem Markt von Nangurukuru. „Wenn sie verschwinden, ist jeder zu Hause davon betroffen.“

Der Biologe Zeb Hogan von der University of Nevada in Reno ist Hauptautor einer neuen globalen Studie über wandernde Süßwasserfische. Er bestätigt, dass der Rückgang eine direkte Bedrohung für die Ernährungssicherheit von insbesondere einkommensschwachen Ländern darstellt. 

In Tansania sei diese Abhängigkeit vom Rufiji bis zum Viktoriasee sichtbar. „Fische aus dem Viktoriasee, der beispielsweise Bestände an Nilbarsch und anderen Arten beherbergt, sind ein Grundnahrungsmittel und versorgen Millionen von Menschen im Norden Tansanias mit Nahrung“, sagt Hogan.

Die Warnung des Berichts, dass wandernde Süßwasserfische zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltieren gehören, ist daher mehr als nur ein biologischer Alarm. Praktisch gesehen weist sie auf eine wachsende Bedrohung der Ernährungssicherheit für Gemeinschaften hin, denen nur wenige erschwingliche Alternativen zur Verfügung stehen.

Warum die Wanderwege der Fische verschwinden

Um das Ausmaß des Problems zu verstehen, muss man dem Weg der Fische folgen. Viele Arten im Rufiji sind auf saisonale Hochwasser angewiesen, um sich durch Flüsse, Feuchtgebiete und Auen zu bewegen, wo sie Nahrung finden und sich fortpflanzen. Wird dieser Rhythmus unterbrochen, breiten sich die Schäden schnell im gesamten Ökosystem aus.

„Staut man einen Fluss auf, zerstört man technisch gesehen die biologischen Signale, denen Fische seit Tausenden von Jahren folgen“, erklärt Hilda Mpangala von der Abteilung für Aquakultur an der Universität Dar es Salaam.

Hogan ergänzt, dass Staudämme diesen Kreislauf auf verschiedene Weise beeinträchtigen: „Staudämme stören die Fischwanderungen – indem sie die Laichwanderungen flussaufwärts blockieren, die Ausbreitung junger Fische flussabwärts verlangsamen und die Flussströmungen verändern, die notwendig sind, um Wanderungen auszulösen oder junge Fische in die Auen zu verteilen.“

Wenn Fische ihre Laichgebiete nicht mehr erreichen können, sinken die Bestände und die Fangmengen gehen zurück.

Das Kraftwerk Julius Nyerere, eines der größten Infrastrukturprojekte Afrikas, verdeutlicht dieses Dilemma. Für Tansania verspricht das Laufwasserkraftwerk am Rufiji mehr Strom und wirtschaftliches Wachstum, gefährdet jedoch zugleich die Fischbestände in einem der wichtigsten Flüsse des Landes.

Werbevideo für die Julius Nyerere Hydropower Station: Das Laufwasserkraftwerk verfügt über eine installierte Kapazität von 2.115 Megawatt, im April 2025 wurde die neunte und letzte Turbine in Betrieb genommen. Geplant und errichtet wurde es von den ägyptischen Unternehmen Arab Contractors und Elsewedy Electric.

Für Zeb Hogan ist das Prinzip klar: „Wenn man Flüsse gesund und frei fließend hält, bleiben die aquatischen Ökosysteme fischreich – zum Wohle der Menschen und der Umwelt.“

Ein Verlust mit kulturellen Folgen

Ältere Fischer am Rufiji erinnern sich an einen anderen Fluss. „Früher haben wir Kambale mit einem Gewicht von 30 Kilogramm gefangen”, erzählt Juma. “Heutzutage bekommt man kaum noch welche.”

In vielen Gemeinden bedeutet der Verlust der Fische mehr als nur entgangene Einnahmen. Fische sind mit Erinnerungen, Zeremonien und Identität verbunden. Ihr Verschwinden macht sich nicht nur auf den Tellern bemerkbar, sondern auch in den Geschichten, die die Menschen über den Fluss und das Leben erzählen, das er einst ermöglichte.

Hinzu kommt der Klimawandel, der den Druck auf die Fischpopulationen weiter erhöht. In ganz Ostafrika verändern sich die Niederschlagsmuster und damit die Hochwasserzyklen, von denen viele Arten für ihre Wanderung und Fortpflanzung abhängig sind. Lange Dürreperioden senken den Wasserstand, während plötzlicher Starkregen zerstörerische Überschwemmungen auslösen kann.

Ein weiteres Problem ist die Überfischung. Da weniger Fische verfügbar sind, greifen einige Fischer zu Netzen mit kleineren Maschen, wodurch auch Jungfische gefangen werden, bevor sie sich fortpflanzen können.

Ein Problem über Grenzen hinweg

In ganz Afrika sichern große Flusssysteme wie der Nil, der Kongo und der Niger den Lebensunterhalt von Hunderen Millionen Menschen. Doch viele dieser Flüsse stehen unter zunehmendem Druck durch Staudämme, Verschmutzung, Klimaschocks und mangelhafte Bewirtschaftung.

Die neue, von den Vereinten Nationen unterstützte globale Studie schätzt, dass die Populationen wandernder Süßwasserfische seit 1970 um 81 Prozent zurückgegangen sind – einer der stärksten Rückgänge, die je für eine Gruppe von Wirbeltieren verzeichnet wurden. Der Bericht identifiziert 325 Arten, die dringend internationaler Schutzmaßnahmen bedürfen, darunter 42 in Afrika.

Besonders akut ist das Problem in Afrika, wo viele Flüsse und Seen nationale Grenzen überschreiten. Der Bericht nennt die Flusssysteme des Nils, des Kongo und des Niger-Tschadsees als vorrangige Gebiete für Zusammenarbeit.

Ein Afrikanischer Raubwels (Clarias gariepinus) wandert den Sabie River im Kruger Nationalpark in Südafrika flussaufwärts. (Foto: Bernard DUPONT, Wikimedia, CC BY-SA 2.0, Link)

„Deshalb ist es so wichtig, dass Länder zusammenarbeiten, um die Bewirtschaftung und den Schutz von Wanderfischen und Fischbeständen, die sich über internationale Grenzen erstrecken, zu verbessern“, sagt Hogan. „Über 49 Prozent der Erdoberfläche sind von grenzüberschreitenden Flüssen bedeckt – es handelt sich also nicht um ein lokales oder nationales Problem, sondern um ein globales Problem, das internationale Zusammenarbeit erfordert.“

„Fische kennen keine Grenzen“, ergänzt Hilda Mpangala. „Aber allzu oft tun dies unsere politischen Maßnahmen.“

Ernährungssicherheit in Gefahr

Für politische Entscheidungsträger*innen verdeutlicht der Rückgang der Wanderfischbestände ein schwieriges Spannungsfeld zwischen Entwicklung und ökologischem Überleben. Wasserkraft trägt dazu bei, den Zugang zu Strom zu verbessern und wirtschaftliches Wachstum anzukurbeln. Werden Flusssysteme jedoch verändert, ohne die ökologischen Kosten vollständig zu berücksichtigen, können die Folgen gravierend sein – insbesondere für arme Gemeinden, die direkt von der Fischerei abhängig sind.

Hogan formuliert diese Abwägung in pragmatischen Begriffen: „Ja, Wasserkraft ist entscheidend für die Entwicklung“, sagt er, „deshalb kommt es darauf an, den Nutzen der Wasserkraft zu maximieren und gleichzeitig die Umweltkosten zu minimieren. Das kann erreicht werden, indem Staudämme an geeigneten Standorten errichtet und gut geplant und betrieben werden. Ein guter Staudamm ist einer, bei dem der wirtschaftliche Nutzen die Umweltkosten bei weitem überwiegt. Leider werden viele ‚schlechte‘ Staudämme gebaut, bei denen der wirtschaftliche Nutzen weit geringer ist als die Umweltkosten.“

Er fordert zudem, dass alte Staudämme, die keinen Zweck mehr erfüllen, zurückgebaut werden, damit Wanderfische wieder Zugang zu ihren historischen Lebensräumen erhalten. “Dieser Ansatz hat sich bei der Wiederherstellung der Bestände von Wanderfischen als sehr erfolgreich erwiesen”, meint Hogan.

Für die Gewährleistung der Energiesicherheit sollten vermehrt erneuerbare Energiequellen wie Solar- und Windkraft genutzt werden, so Hogan. Gleichzeitig sollten Flüsse in Schutzgebieten als frei fließende Gewässer erhalten bleiben.

Gerade in Tansania, wo Bevölkerungswachstum und Urbanisierung sowohl den Bedarf an Nahrungsmitteln als auch an Energie steigern, wird dieser Balanceakt immer dringlicher. „Wenn wir unsere Fischbestände verlieren, verlieren wir auch unsere Nahrung, unsere Arbeitsplätze und unsere Lebensweise“, klagt die Händlerin Asha Mrope.

Lokales Wissen gefragt

Expert*innen betonen, dass sich der Rückgang verlangsamen – und in manchen Fällen sogar umkehren – lässt, wenn Regierungen rasch handeln. Zu den dringendsten Maßnahmen zählen der Schutz von Wanderkorridoren, die Wiederherstellung ökologischer Mindestabflüsse, die Verbesserung von Fischpassagen an Staudämmen, strengere Fischereivorschriften sowie Investitionen in Forschung und Monitoring. Viele wandernde Arten sind nach wie vor kaum erforscht, insbesondere in Afrika – was eine wirksame Politik zusätzlich erschwert.

Für Zeb Hogan beginnen die realistischsten Lösungen bei den Menschen, die die Flüsse am besten kennen: „Man muss mit den lokalen Gemeinschaften zusammenarbeiten, um sie zu befähigen, die Bewirtschaftung der Fischerei zu verbessern, und die Gemeinschaften untereinander sowie mit der Regierung vernetzen, damit sie gemeinsam an einer besseren Bewirtschaftung arbeiten“, sagt er.

Auch die internationale Zusammenarbeit sei entscheidend. Länder müssten Daten austauschen und sich auf gemeinsame Richtlinien und Vorschriften festlegen.

Zurück in Nangurukuru lichtet sich der Markt, während die Sonne höher steigt. Die wenigen Fische, die angeliefert wurden, sind schnell verkauft. Die Händler*innen packen ihre Körbe zusammen. Die Fischer sitzen im Schatten, flicken ihre Netze und bereiten sich auf einen weiteren ungewissen Tag am Fluss vor.

„Der Fluss ist immer noch da“, meint der Fischer Hamisi Juma nachdenklich. „Aber es ist nicht mehr derselbe Fluss, den wir kannten.“ (Ende)(Ende)

Titelbild: Ein Fischhändler auf dem Markt von Rufiji wartet gespannt auf die Ankunft der Boote mit dem Tagesfang (Foto: Kizito Makoye/IPS).