Urbanisierung: In die Höhe bauen statt in die Breite

Experten fordern nachhaltige Siedlungen und afrikanische Architektur

Von Busani Bafana | 16.09.2015

Luanda. In den rasant wachsenden Städten Afrikas sind Slums Fluch und Segen zugleich. Einerseits stellen sie den Kontinent vor die Herausforderung, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen. Andererseits bieten sie einer zunehmenden Zahl von Menschen, die aus ländlichen Regionen auf Arbeitssuche in urbane Gebiete ziehen, Schutz und Unterkunft.

Die im Jahr 2011 eröffnete 'Cidade do Kilamba' in Luanda ist das bislang größte Wohnbauprojekt in der Geschichte Angolas (Bild: Santa Martha/Wikipedia, CC BY-SA 3.0).

25 der 100 weltweit am schnellsten wachsenden Städte liegen in Afrika. Sie sind aber nicht in der Lage, den Zuwanderern alle dringend benötigten Dienstleistungen zu bieten.

Das UN-Programm für menschliche Siedlungen (UN-Habitat) geht davon aus, dass im Jahr 2030 745 Millionen Menschen in den Städten Afrikas leben werden. Die Urbanisierungsrate des Kontinents von jährlich vier Prozent bringt die Städte aber bereits jetzt an den Rand ihrer Kapazitäten: Immer mehr Bewohnern müssen Unterkünfte, Wasser, sanitäre Anlagen, Energie und Nahrung bereitgestellt werden.

Sichere und widerstandsfähige Städte und menschliche Siedlungen zu schaffen, ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs), auf die sich die Vereinten Nationen im Oktober in New York verständigen wollen. Die SDGs ersetzen die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs), die im September 2000 vereinbart worden waren. In China und einem Teil Indiens hat UN-Habitat das Ziel, 100 Millionen Menschen bis Ende 2015 einen Ausweg aus dem Slum-Dasein zu bieten, weitgehend erreicht. Nicht jedoch in Afrika.

Humaner Städtebau

Tokunbo Omisore, ehemaliger Vorsitzender des Afrikanischen Architektenverbands, ist dennoch überzeugt, dass Afrika das Slum-Problem lösen kann. Um Unterkünfte, sanitäre Anlagen, Energie und Verkehrsmittel zur Verfügung zu stellen, müssen seiner Ansicht nach in den Städten neue Jobs geschaffen und gleichzeitig Investitionen angezogen werden.

Bislang seien Siedlungen für, aber ohne Beteiligung der Menschen geschaffen worden, kritisiert Omisore. Wichtig sei jedoch die Frage, ob Afrika die menschlichen Aspekte seines reichen kulturellen Erbes und seiner Werte im Städtebau verwirklichen oder einfach nur die Metropolen der Industriestaaten kopieren wolle, um als "entwickelt" eingestuft zu werden.

"Man muss zunächst verstehen, warum es Slums gibt und welche Menschen dort leben", sagt er. "Die Regierungen in Afrika liebäugeln mit der Entwicklung einer Infrastruktur im Stil der Industriestaaten, ohne die menschliche Entwicklung unserer unterschiedlichen Gemeinschaften in Betracht zu ziehen und Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Das sind aber Grundvoraussetzungen für die Nachhaltigkeit unserer Städte. Die Menschen machen die Städte, nicht die Städte die Menschen."

Omisore wirbt für eine Marketingkampagne, die das aufwertet, was typisch afrikanisch ist. "Unsere Schulen müssen Architekten und Stadtplaner ausbilden, die die Architektur des Kontinents fördern."

In Zeiten, in denen Afrika das Problem der Landnahme, insbesondere in ruralen Gebieten, angehen muss, stellt sich angesichts der begrenzten und teuren Grundstücke in Städten die Frage, ob in Afrika in die Höhe oder in die Breite gebaut werden sollte. Einige Experten halten eine Verdichtung des Wohnungsbaus für die Lösung der bestehenden Missstände.

Auf dem zweiten Afrikanischen Investmentforum für urbane Infrastruktur, das im vergangenen April von 'United Cities and Local Government – Africa' (UCLG-A) und der Regierung Angolas in der Hauptstadt Luanda ausgerichtet wurde, plädierte Aisa Kirabo Kacyira, stellvertretende UN-Generalsekretärin und Vize-Exekutivdirektorin von UN-Habitat, für die Verdichtung der afrikanischen Städte. "Wenn wir den Wohnungsbau verdichten, müssen wir in die Höhe gehen. Eine Verbreiterung wäre viel zu teuer."

Ökologische Verantwortlichkeit

Durch eine Bekämpfung der Wüstenbildung und Müllrecycling können afrikanische Städte nach Ansicht von Kacyira ihren ökologischen Fußabdruck verringern und damit eines der wichtigsten Millenniumsziele erreichen.

Ein Wohnungsbauprojekt in Kenia könnte unterdessen zu einem Vorbild für ganz Afrika werden. 'Muungano Wa Wanavijiji', eine Vereinigung von Slumbewohnern, hat sich mit der Organisation 'Shack/Slum Dwellers International' zusammengeschlossen, um Menschen in Elendsvierteln Unterkunft in preisgünstigen dreistöckigen Gebäuden zu bieten. Das Hausmodell namens 'Fußabdruck' kostet nur 1.000 US-Dollar. In diesem Jahr sind 300 solcher Häuser in zwei Siedlungen errichtet worden. Die Bewohner zahlen an das Projekt 20 Prozent des Kaufpreises und finanzieren die verbleibenden 80 Prozent über einen Mikrokredit.

Nach Schätzungen des UCLGA-Netzwerks, das mehr als 1.000 Städte in Afrika repräsentiert, müssten auf dem Kontinent etwa 80 Milliarden Dollar jährlich investiert werden, um die urbane Infrastruktur an die Bedürfnisse der Städtebewohner anzupassen. (afr/IPS)

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