Uganda: Zwangssterilisation von HIV-positiven Frauen

Studie dokumentiert Eingriffe in Regierungskrankenhäusern

Von Wambi Michael | 19.02.2016

Kampala. Mayimuna Naomi* ist Mutter von drei Kindern und hätte gerne ein weiteres. Allerdings wurde ihr bei der letzten Geburt in einem Regierungskrankenhaus gegen ihren Willen die Gebärmutter entfernt. Mayimuna ist sich sicher, dass der Grund für den Eingriff ihre HIV-Infektion war. Eine Studie zeigt, dass sie kein Einzelfall ist.

Rose Nakanjako war bereits vor der Geburt ihrer Kinder mit HIV infiziert. Durch moderne Behandlungsmethoden kann die Übertragung des Virus auf Kinder vermieden werden. (Bild: Wambi Michael/IPS)

"Als ich 2007 schwanger wurde, bin ich zu einer Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus gegangen", erzählt Mayimuna. "Der Arzt fragte mich, warum ich überhaupt schwanger sei. Ich antwortete, dass ich gerne ein drittes Kind haben möchte. Der Arzt antwortete darauf bloß, dass wir HIV-Positive ihn verärgern und stören würden."

Das, was dann passierte, wurde für Mayimuna zum Albtraum. Ihr Baby musste per Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden. Bei der Operation wurde ihre Gebärmutter entfernt, ohne dass sie darüber vor oder nach dem Eingriff informiert worden wäre. Im Anschluss versuchte sie zwei Jahre, wieder schwanger zu werden. Erfolglos. Bei einer Untersuchung klärte man sie auf, dass sie keine Gebärmutter mehr hat. "Ich war verletzt und gleichzeitig verwundert darüber, warum mir das nie jemand mitgeteilt hat oder mir eine Erklärung dafür gegeben hat."

Mayimuni ist nur einer von 20 Fällen, die in einer Untersuchung (*.pdf) der International Community of Women living with HIV/AIDS Eastern Africa (ICWEA) dokumentiert wurden. Für die Studie wurden 744 HIV-positive Frauen in neun Bezirken aus allen Verwaltungsregionen Ugandas befragt. Im Schnitt wurde also eine von 37 HIV-positiven Frauen unfreiwillig sterilisiert.

"Die meisten Fälle haben sich während eines Kaiserschnitts in Regierungskrankenhäusern ereignet", berichtet Dorothy Namutamba, Programmkoordinatorin bei der ICWEA. Laut Namutamba betrug das durchschnittliche Alter der Frauen 29 Jahre. In elf der 20 Fälle wurde der Eingriff ohne Zustimmung durchgeführt. In den restlichen neun Fällen wurden Frauen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Sterilisation gedrängt. "Sie wurden einfach falsch informiert", sagt Namutamba. "Man sagte ihnen etwa, dass die Sterilisation jederzeit wieder rückgängig gemacht werden kann oder einfach die beste Option für ihre Gesundheit wäre."

Frauen leiden an den Folgen

Vielen der Betroffenen haben unter dem Eingriff schwer zu leiden. Einige wurden von ihren Partnern verlassen, andere geschlagen – weil sie keine Kinder mehr bekommen konnten. "Frauen berichten auch von sozialer Isolation, weil sie glauben, nicht mehr in ihr Umfeld zu passen. Die Forderung der Männer nach weiteren Kindern hat einen großen Einfluss auf das soziale Wohlbefinden dieser Frauen", erzählt Namutamba.

Manche der dokumentierten Sterilisationen hätten sich erst in jüngster Zeit ereignet, ergänzt Lillian Mworeko, Geschäftsführerin der ICWEA. Mworeko tritt für weitere Forschungen ein, um die Gründe für die Eingriffe genau zu erheben. "Unser Interesse galt bislang vor allem HIV-positiven Frauen. Aber wir haben im Rahmen unserer Untersuchung auch festgestellt, dass unfreiwillige Sterilisationen eine weitverbreitete Praxis sind, für die Gesundheitsmitarbeiter oft auch Gegenleistungen wie Geld erhalten."

Mworeko weist darauf hin, dass der medizinische Fortschritt längst dafür gesorgt hat, dass HIV-positive Frauen mit hoher Sicherheit HIV-negative Kinder zur Welt bringen können. Die ugandische Gesundheitspolitik würde aber diesen Entwicklungen hinterherhinken. "Wir können nicht mit Richtlinien weiterarbeiten, die beschlossen wurden, als es noch keine Behandlungsmöglichkeiten wie heute gab", sagt Mworeko. "Solange das Krankenhauspersonal aber glaubt, dass eine HIV-positive Frau nur ein HIV-positives Kind zur Welt bringen kann, werden die Sterilisationen anhalten."

Es kommt aber auch vor, dass HIV-positive Frauen von ihrer Verwandtschaft zur Sterilisation gedrängt werden. Babirye Joy* war gerade 23 Jahre alt, als bei ihr im Jahr 2010 eine Eileitertrennung durchgeführt wurde. Sie erzählt, dass ein Arzt dabei mit ihrer Schwester gemeinsame Sache gemacht hätte: "Meine Schwester brachte mich kurz vor der Geburt meines Kindes zum Doktor. Dann sagte sie, dass er eine Sterilisation empfiehlt. Ich habe überhaupt keine Information über den Eingriff bekommen und hatte auch keine Gelegenheit, Fragen zu stellen. Später habe ich im Rahmen einer Untersuchung in einem Krankenhaus erfahren, dass meine Eileiter durchtrennt wurden. Das hat mir niemand gesagt und ich habe auch keine Einwilligung unterschrieben."

Bessere Ausbildung für Gesundheitskräfte gefordert

Eine Einwilligung sei aber für eine Sterilisation zwingend erforderlich, sagt Dr. John Baptist Wanyayi, Amtsarzt im Bezirk Mbale. Sein Bezirk ist einer von jenen, in denen die ICWEA-Studie durchgeführt wurde. Wanyayi vermutet auch medizinische Gründe für die Eingriffe. "In vielen Fällen entscheiden sich Ärzte zu einer Sterilisation, weil die nächste Schwangerschaft für die Frau gefährlich sein könnte. Der HIV-Status spielt hier eine ungeordnete Rolle."

Wanyayi meint auch, dass Frauen im Rahmen einer Untersuchung oft ihre Zustimmung zu einer permanenten Empfängnisverhütung geben würden. Später würden sie diesen Schritt aber oft bereuen, wenn sie den Wunsch nach einem weiteren Kind verspüren.

Dr. Patrick Tusiime, Amtsarzt im Bezirk Kabale, verurteilt die unfreiwillige Sterilisation als grobe Verletzung der Fortpflanzungsgesundheit von Frauen. Er sieht hier die Ausbildung von Gesundheitspersonal gefordert: "Viele der Eingriffe sind individuelle Taten. Wir brauchen mehr gut ausgebildete Hebammen. Denn wenn wir eine medizinische Hochschule besuchen, bekommen wir dort nicht erzählt, dass wir Leute gegen ihren Willen sterilisieren sollen." (Ende)

*Namen durch die ICWEA geändert

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