Uganda: Nierenärzte schlagen Alarm

Die meisten Menschen können sich keine Blutwäsche leisten

Von Wambi Michael | 24.06.2015

Kampala. Einmal pro Woche ist Vincent Mugyenyi 'dran': Dann muss der ehemalige Pilot der ugandischen Luftwaffe acht Stunden lang zur Blutwäsche ins Mulago-Krankenhaus in der Hauptstadt Kampala – und das seit acht Jahren. "Ich hatte eine kleine Farm. Doch meine 100 Nutztiere musste ich verkaufen", berichtet Mugyenyi. "Ansonsten hätte ich mir die vielen Behandlungen gar nicht leisten können."

Uganda 011 (4)Waschtag im Mulago Hospital in Kampala: Das Krankenhaus ist die einzige öffentliche Einrichtung in Uganda, die auf Nierenerkrankungen spezialisiert ist (Bild: Erin Bourgois, CC BY-NC-ND 2.0).

Die Rücklagen von Vincent Mugyenyi werden bald aufgebraucht sein. Trotz alledem hat der 65-Jährige noch Glück im Unglück. Denn er gehört zu einer kleinen Minderheit Nierenkranker, die überhaut die Möglichkeit einer Dialyse-Behandlung haben, mit der in der Regel die Zeit bis zu einer Nierentransplantation überbrückt wird. In Uganda sind chronische Nierenleiden für die Betroffenen und deren Angehörige eine gewaltige soziale und wirtschaftliche Herausforderung, die nur die wenigsten stemmen können.

Wie Simon Peter Eyoku, Facharzt in der Abteilung für Nierenerkrankungen des Mulago-Krankenhauses, berichtet, stellen sich Nierenleiden in aller Regel im Alter zwischen 20 und 50 Jahren ein. In den meisten Fällen stehen sie mit HIV-bedingten Infektionen, Bluthochdruck und Diabetes im Zusammenhang. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Nierenerkrankungen die zwölfthäufigste Todesursache weltweit. Und die Zahl der Fälle nimmt jährlich um acht Prozent zu.

Nur eine Klinik für Ugandas Nierenkranke

Dies gilt auch für das 36 Millionen Menschen zählende Uganda. Doch ist das Mulago-Krankenhaus die einzige öffentliche Gesundheitseinrichtung, die Patienten mit Nierenerkrankungen die Behandlung zukommen lassen kann, die sie brauchen. Viele kommen aus entlegenen Teilen des Landes, wodurch sich die Behandlungskosten weiter erhöhen.

Ein weiteres Problem ist, dass die Dialysestation der Klinik gerade einmal über 33 Maschinen verfügt. Sie hatte vor acht Jahren mit vier Dialysegeräten begonnen. Damals kostete die Behandlung pro Sitzung 500 US-Dollar. "Um sich die Blutwäschen leisten zu können, mussten die meisten Patienten alles verkaufen, was sie besaßen: Land, Häuser und Autos", berichtet Eyoku.

Im März 2014 hatte die Klinikverwaltung sich dazu entschieden, den Krankenhausetat umzuschichten, um die Kosten für die Dialysen auf wöchentlich 40 Dollar zu drücken. Doch auch diesen vergleichsweise niedrigen Betrag können die wenigsten Ugander aufbringen.

"Ich habe erlebt, wie Väter nach der Diagnose, nierenkrank zu sein, zusammengebrochen sind. Ihre Krankheit bedeutete für ihre Kinder das Ende ihrer Schulzeit", sagt Robert Kalyesubula, einer der vier Nephrologen am Mulago-Krankenhaus.

Das Hospital bietet inzwischen zwei kostenfreie Dialysesitzungen an, was zu einem enormen Ansturm von Patienten geführt hat, der für das Personal kaum zu bewältigen ist. "Ich wünschte, es gäbe mehr Nierenexperten", meint Kalyesubula. Nierenerkrankungen würden in Uganda viel zu selten im Frühstadium erkannt. "Patienten kommen erst, wenn es schon zu spät ist. So wenden wir 90 Prozent unserer Zeit damit auf, die Menschen am Leben zu erhalten, anstatt sie gesund zu machen."

Dem Mediziner zufolge "wissen wir zu wenig über die Krankheit. Wir kennen uns mit HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose aus, für deren Bekämpfung umfangreiche Mittel bereitstehen. Wir ignorieren jedoch eine Krankheit, die sich im Frühstadium behandeln ließe."

Schwer kranke Patienten, die die 40 Dollar pro Woche für die Blutwäsche nicht aufbringen können, werden in Station 4C notversorgt. Die Station ist im Grunde eine Art Wartesaal des Todes. Hier sind bereits vom Tode gezeichnete Patienten anzutreffen, die nie ein Chance hatten, weil sie keine Gesundheitsversicherung besitzen, keinen Zugang zu Krediten haben und nicht auf Angehörige und Freunde zurückgreifen können, die ihnen finanziell unter die Arme greifen können.

Zur Transplantation nach Indien

Der 27-jährige Benon Mulindwa gehört zu den Glücklichen, die über ihren Arbeitgeber versichert sind. Sowohl die Kosten für die Dialysen als auch für die Reise nach Indien und für die dort vorgenommene Nierentransplantation seien übernommen worden, berichtet er.

Anders als Patienten in Industriestaaten, wo es öffentliche Organbanken gibt, müssen Nierenkranke in Uganda sich selbst um Spender bemühen. Doch ist es sehr schwer, Spender zu finden. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass den wenigsten bekannt ist, dass es sich auch mit einer Niere ohne Beeinträchtigungen leben lässt.

Mulindwa zufolge kommt es vor, dass die Verzweiflung der Betroffenen schändlich ausgenutzt wird. Er weiß von einem Fall, in dem einem Patienten eine Spenderniere versprochen wurde. Der Patient habe gezahlt, die Niere jedoch nie erhalten. (afr/IPS)

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