Uganda: Mit Hühnerzucht aus der Armut

Ein Teenager macht Mädchen Mut

Von Amy Fallon | 01.07.2013

Kampala. Die 18-jährige Eunice Namugerwa wollte nicht tatenlos zusehen, wie ihre Familie immer weiter ins Elend abrutschte. Der Teenager aus dem Slum Kisenyi machte sich Gedanken darüber, wie sie den sozialen Abstieg aufhalten konnte. Am Ende blieben drei mögliche Aktivitäten in der engeren Wahl: die Aufzucht von Schweinen, der Aufbau einer Modeboutique und eine Hühnerfarm.

Als sie ihre Ideen auf ein Stück Papier kritzelte, hätte sie sich nie vorstellen können, dass sie einmal auf der 'TEDx Kampala', einer Ideenmesse für Technologie, Entertainment und Design, einen Vortrag über erfolgreiches Unternehmertum halten würde.

Namugerwas Engagement wurde aus der Not geboren. Ihr Vater war 2004 an einer Folgeerkrankung der Immunschwäche Aids gestorben. Und im letzten Jahr war ihre HIV-positive Mutter zu schwach, um weiterhin den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. "Wir Kinder hätten sterben können", berichtet Namugerwa im IPS-Gespräch. "Ich wollte das nicht, auch nicht betteln gehen. Ich musste ganz einfach nach einem Ausweg suchen."

Der jungen Frau war klar, dass die Umsetzung ihres ehrgeizigen Ziels viel Kraft und Arbeit kosten würde. Doch da sie in ihrem kurzen Leben bereits etliche Herausforderungen gemeistert hatte, war sie zuversichtlich. Mehrfach hatte sie die Schule unterbrechen müssen, weil die Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten. Doch mit Hilfe des 'Butterfly Project', das jungen Menschen beim Aufbau eines eigenen Geschäfts behilflich ist, lernte sie Flöte und Gitarre zu spielen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Als sich Namugerwa dann noch als Gesangstalent herausstellte, finanzierte das Butterfly Project dem Mädchen Unterricht an der Musikschule von Kampala, einem Exzellenzzentrum für klassische Musik und Jazz. 2011 startete der Teenager dann sein eigenes Projekt zur Förderung benachteiligter Kinder. Namugerwa unterrichtet ihre Schüler in Gesang, Tanz, Schauspiel und Sport. Das nächste Vorhaben sollte dann der Familie zugute kommen. So stellte sie drei Geschäftspläne auf. Am Ende entschloss sie sich aus Kostengründen für den Aufbau einer Hühnerfarm.

Etwa zur gleichen Zeit lernte sie Tiarna Elmer kennen, eine britische Grundschullehrerin und Mitarbeiterin des 'Mengo Youth Development Link', das junge Bildungs- und Sporttalente aus den Slums von Kampala fördert. Elmer beschaffte Namugerwa 1,5 Millionen ugandische Schilling (576 US-Dollar) für den Kauf von Hühnern und die Pacht eines kleinen Grundstücks im Bezirk Wakiso, etwa 30 Minuten Fahrzeit vom Kisenyi-Slum entfernt.

Weihnachten 2012 kaufte sie zunächst mehrere Masthühner. Später kamen Legehennen dazu. "In Uganda bringen Eier gutes Geld", berichtet sie. "Ein Ei bringt 400 Schilling (15 Cent). Und immer wenn unsere Hühner Eier legen, verkaufen wir sie." Inzwischen bevölkern 200 Hühner die Farm, auf der Namugerwa am Wochenende und in den Ferien arbeitet. Den Rest der Zeit kümmert sich ihr 23-jähriger Bruder um den Hof. Die monatliche Pacht für das Grundstück beträgt elf Dollar. Zusammen mit ihrer 22-jährigen Schwester führen die Geschwister zudem einen DVD-Laden in der Nähe der Farm.

Die angehende Unternehmerin hat noch nicht viel an der Hühnerzucht verdient, geht aber davon aus, dass die Familie spätestens ab August um die 385 Dollar monatlich verdienen wird. Das Geld ist für die Versorgung der inzwischen bettlägerigen Mutter bestimmt. "Sie ist sehr krank, aber gleichzeitig glücklich, dass wir alle genug zu essen haben", erläutert die Tochter, die nach wie vor in Kisenyi lebt.

"Meine Freundinnen sind stolz auf mich, und einige sagen, dass ich ihr Vorbild bin", freut sich die 18-Jährige. Auch wenn die Familie immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wenn etwa Hühner krank oder die finanziellen Mittel für das Hühnerfutter knapp werden – für die Jungunternehmerin sind Probleme dafür da, um aus der Welt geschafft zu werden.

Frauen in erhöhter Armutsgefahr

Namugerwa zufolge brauchen gerade junge Frauen Unterstützung. Viele ihrer Freundinnen mussten aus Kostengründen die Schule verlassen, sind schwanger geworden und immer tiefer in die Armutsspirale geraten. In Uganda sind vier von fünf Frauen in der Landwirtschaft tätig, wie aus der 2008 vom Ugandischen Zentrum für Wirtschaftspolitik veröffentlichten Studie über Frauen und Produktivität hervorgeht.

'Send a Cow' ist eine Nichtregierungsorganisation, die Familien in sieben afrikanischen Ländern einschließlich Uganda mit landwirtschaftlichem Know-how, Vieh und Saatgut ausstattet. Hauptzielgruppe sind Frauen, die traditionell in der Landwirtschaft tätig sind und für die Nahrungsmittelversorgung der Familien zuständig sind.

Nach Ansicht des Send-a-Cow-Mitarbeiters Richie Alford ist die Hühnerzucht ein guter Weg, um Waisen und andere Kinder mit tierischem Eiweiß zu versorgen und ein erträgliches Einkommen durch den Verkauf von Eiern und Geflügel zu generieren. "Mit dem Hühnerkot lässt sich zudem die Produktivität und die Fähigkeit der Böden erhöhen, Wasser zu halten", sagt er. "Dank der verbesserten Bodenqualität können Gemüse und Getreide über einen längeren Zeitraum ausgebracht werden, was wiederum die Ernährungssicherheit der Familie beträchtlich erhöht."

Bei einem Uganda-Besuch in diesem Jahr hatte der Generaldirektor der Weltlandwirtschaftsorganisation (FAO), José Graziano da Silva, die Notwendigkeit unterstrichen, die Schlüsselrolle von Frauen bei der Lebensmittelproduktion und Ernährung der Familien stärker zu würdigen.

Die bekannte ugandische Entertainerin Annet Nandujja ist für Namugerwa ein Vorbild. Die über 50-jährige Musikerin hatte acht Jahre lang selbst eine Hühnerfarm in Kampala betrieben. Wie Nandujja in ihrer Muttersprache Luganda erläutert, können die meisten ihrer Kolleginnen der wenig spektakulären Landwirtschaft nur wenig abgewinnen. "Doch jeden Tag ermutigen wir Frauen dazu, sich das zu beschaffen was sie brauchen und nicht abzuwarten, dass sie von ihren Männern versorgt werden." (afr/IPS)

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