Uganda: Gratis-Rechtsberatung über Facebook und Twitter

Juristen revolutionieren den Zugang zur Justiz

Von Amy Fallon | 06.06.2014

Kampala. Als Gerald Abila vor zwei Jahren ein iPhone geschenkt bekam, verwendete er es nicht nur dazu, um mit Freunden zu kommunizieren. Er nutzte es zur Gründung einer bislang in Ostafrika einzigartigen und mitterweile mehrfach ausgezeichneten Organisation: 'Barefoot Law' bietet Rechtsberatung über soziale Netzwerke an.

Der 31-jährige Jurist gründete 2012 zunächst eine Facebook-Gruppe, um kostenlose Beratung bei rechtlichen Problemen anzubieten. Damals war er noch Student an der Internationalen Universität von Kampala. Anfangs stand er jeden Samstag von 15 bis 16 Uhr etwa 100 Mitgliedern der Gruppe mit Rat und Tat zur Seite. Inzwischen hat die gemeinnützige Organisation mehr als 16.000 Follower im Internet und bietet auch eine Android-App an.

"Ich war im ganzen Land unterwegs und sah, dass der Zugang zu Rechtsberatung ein Albtraum war. Daraufhin beschloss ich, die Organisation zu gründen", berichtet Abila. "Es ist wie im Gesundheitswesen – man geht erst zum Arzt, wenn man krank ist. Auch zum Anwalt geht man erst, wenn ein Gerichtsverfahren bevorsteht."

Ehrenamtliche in Vollzeit tätig

Vier Monate nach dem Start bezog die Organisation Büroräume in Bukoto in der Hauptstadt Kampala. Heute arbeiten für Barefoot Law sieben Ehrenamtliche in Vollzeit, einschließlich eines Technikers, der in Deutschland sitzt. Täglich erhalten sie etwa 50 Anfragen über die sozialen Netzwerke, Skype, Email und SMS. Laut Abila, der einen Vortrag auf der 'eLearning Africa 2014 International Conference on ICT for Development, Education and Training' hielt, einer afrikabezogenen E-Learning-Fachkonferenz Ende Mai in Kampala, beziehen sich davon mindestens zehn Anfragen auf rechtliche Probleme am Arbeitsplatz.

"Oft geht es auch um Erbschaften und Eigentum", sagt Abila, der einen Teil seines Verdienstes als Dozent und Rechtsanwalt in seine Organisation steckt. "Jeden Tag wählen wir ein Thema aus, das wir für vernachlässigt halten – etwa Landrechte – und posten es über die sozialen Medien."

Viele Ugander kennen ihre Rechte nicht. Doch über Abilas Organisation spricht man mittlerweile sogar schon in Kidepo, einer Stadt an der Grenze Ugandas zum Südsudan. So konnte der Fall eines Einwohners, der Landrechte betraf, mit Hilfe von Barefoot Law beigelegt werden.

Informationen erreichen auch die Nachbarländer

Selbst Menschen, die Tausende Kilometer entfernt in Somalia leben, haben inzwischen von Barefoot Law gehört. Anthony Latim hatte vergeblich versucht, seinen Arbeitgeber, eine unabhängige Organisation, nach einem Arbeitsunfall mit einem Motorrad 2010 zur Zahlung einer Entschädigung zu bewegen. Er wurde vier Monate lang in einem Krankenhaus in Uganda behandelt und ist seit 2011 arbeitslos. Als keine Lösung in Sicht war, machten ihn Freunde auf Barefoot Law aufmerksam. Binnen eines Tages erfuhr Latim, dass ihm sehr wohl eine Entschädigung zusteht. Inzwischen wurde sein Fall an eine Organisation vermittelt, die auf Arbeitsrechte spezialisiert ist.

"Ich bin kein Jurist und daher sehr dankbar, dass ich erstmals kostenlos einen Rechtsanwalt in Uganda in dieser Sache zu Rate ziehen konnte", sagt Latim. Seine Anwälte werden jetzt die Verhandlungen mit seinem ehemaligen Arbeitgeber aufnehmen.

Abila ist überzeugt, dass Uganda nur dann die von den Vereinten Nationen abgesteckten Millenniumsentwicklungsziele erreichen kann, wenn die Menschen für ihre eigenen Rechte und Möglichkeiten sensibilisiert werden.

Bürger über Gesetze informieren

Zwischen Juni 2013 und Mai 2014 habe das Parlament 19 Gesetze verabschiedet, berichtet Irene Ikomu von der Organisation 'Parliament Watch', die auf Twitter über die Arbeit der Volksvertreter informiert. "Im Vergleich zu früher ist das viel", meint der Anwältin und diesjährige Stipendiatin beim 'Young African Leaders Initiative Network' hat. Dabei handelt es sich um eine Initiative der Regierung von US-Präsident Barack Obama, die in die Entwicklung von Führungsfähigkeiten junger Afrikaner investiert. Ikomu zufolge wissen die wenigsten Bürger, was in diesen Gesetzen stehe.

Kurz vor Weihnachten wurde das berüchtigte 'Gesetz gegen Pornografie' erlassen, am 6. Februar von Staatspräsident Yoweri Museveni gegengezeichnet. Obwohl an keiner Stelle das Wort 'Minirock' erwähnt wird, erklärte der Minister für Ethik und Integrität, Simon Lokodo, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit Miniröcke trügen, verhaftet werden könnten. "Nachdem wir den Gesetzestext verbreitet haben, sind die Menschen hellhörig geworden", berichtet Ikomu.

Seit Mitte Februar erhält Barefoot Law täglich bis zu 200 Anfragen aus allen Landesteilen. Eine Frau aus Mbale im Osten des Landes berichtete, von Jugendlichen, die in Motorradtaxen unterwegs gewesen seien, angefallen worden zu sein, weil sie einen Minirock getragen habe. Die Polizei habe der Attacke tatenlos zugesehen. Als Abilas Organisation diesen Vorfall über Facebook verbreitete, wurde er von 7.000 Nutzern weiter gepostet. Auch die Medien und die Polizei wurden dadurch aufmerksam.

Die Landbevölkerung mit den Informationen zu erreichen, ist nach wie vor ein Problem. Barefoot Law hat sich deshalb mit dem ugandischen Frauennetzwerk WOUGHNET zusammengeschlossen, das im ganzen Land über Beratungsstellen verfügt. Alle diejenigen, die Rechtshilfe benötigen, können sich mit diesen Stellen in Verbindung setzen, die teils Internet-Anschlüsse haben und sich mit Abilas Team kurzschließen.

Das Weltkinderhilfswerk UNICEF verbreitet die Informationen der Organisation über ein ugandisches Webportal in die weit entfernten Landesteile. Auch mit Radiosendern in entlegenen Gebieten ist 'Barefoot Law' Kooperationen eingegangen. (afr/IPS)

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