Uganda: Eineinhalb Liter Licht für Kampalas Slums

Eine mit Haushaltsbleiche gefüllte Plastikflasche sorgt für 60 Watt Leuchtkraft

Von Amy Fallon | 25.07.2013

Kampala. Joseph Senkungu kann sich gut an die Zeit erinnern, als die offene Tür die einzige Lichtquelle im Haus der Familie war. Strom war viel zu teuer. "Ich mag den Sonneneinfall", sagt der 19-jährige Musiker und zeigt zur Decke des Schlafzimmers, aus der eine durchsichtige, mit Wasser gefüllte Plastikflasche ragt.

Der Raum, den er sich mit seiner Großmutter Kataita und seinem Vater Semakula teilt, ist hell erleuchtet. "Hier drin war es mal so dunkel, dass wir immer Angst hatten, auf eine Schlage zu treten", berichtet der junge Mann, der Technik studiert.

Lange Zeit hatte die Familie einen Großteil ihrer Einkünfte für Elektrizität ausgeben müssen. Als im letzten Jahr die ugandische Stromregulierungsbehörde einem Gebührenanstieg von durchschnittlich 47 Prozent zustimmte, mussten Senkungu und die Seinen auf Strom verzichten. Viele Ugander befinden sich in einer ähnlichen Situation. Nach Angaben der Weltbank haben nur neun Prozent der 34,5 Millionen Einwohner Zugang zu Strom.

"Das war nicht gut. Wir haben uns Taschenlampen beschafft und Kerzen benutzt", sagt Senkungu. "Doch auch die sind teurer geworden. Eine Kerze kostet inzwischen 350 Shilling (15 US-Cent). Und zwei am Tag braucht man bestimmt." Senkungus Vater arbeitet halbtags als Lehrer. Er verdient gerade einmal 31 Dollar im Monat. Hinzu kommt das, was Großmutter Kataita mit dem Verkauf von Tomaten und Zwiebeln einnimmt, was aber nur fünf Dollar im Monat einbringt. Alle drei waren daran gewöhnt, sich durch das Schlafzimmer zu tasten - etwa wenn die Großmutter Wechselgeld brauchte. Doch dann hörte die Matriarchin vom Daylight-Projekt der in Kampala lebenden Kanadierin Jennifer King.

Sinnvolle Weiterverwertung von Plastikmüll

Slumbewohner sind aufgerufen, herumliegende 1,5-Liter-Plastikflaschen aufzusammeln und abzuliefern. Das ist ihr Beitrag zu dem Projekt, das gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will: den Plastikmüll zu etwas Sinnvollem umzufunktionieren und auf diese Weise von den Straßen zu holen. Gefüllt werden die 1,5 Liter-Flaschen mit Wasser und einem Schuss 'Jik', einer Haushaltbleiche, die das Wasser entkeimt, und in ein kleines Stück Wellblech eingefasst. Dann wird die gesamte Vorrichtung über einer Öffnung des Daches angebracht. Silikon dient als Fixier- und Dichtungsmittel.

Die Kosten liegen bei unter einem Dollar und werden vom Daylight-Projekt getragen. Auch der Zeitaufwand ist gering: das Einlassen der Flasche in das Stück Blech dauert 30 bis 40 Minuten, das Anbringen des Ganzen keine halbe Stunde. Sechs Stunden braucht das Silikon, bevor es vollständig trocken ist. Richtig hergestellt und installiert hat jede Flasche eine Leuchtkraft von 60 Watt und hält nach den Erfahrungswerten der 'MyShelter Foundation' auf den Philippinen zwischen fünf bis sieben Jahre. Dann ist sie aufgrund der Sonneneinstrahlung porös und das Wasser verdampft.

Inspiriert von MyShelter, dem Erfinder dieser alternativen Beleuchtungsmethode, hat sich King an das US-amerikanische 'Congressional Hunger Center', eine Entwicklungsorganisation von US-Kongressabgeordneten, um finanzielle Hilfe gewandt. In den vergangenen vier Monaten konnte die Initiative rund 250 Flaschen vorbereiten und mehr als 100 installieren. 500 Personen haben davon profitiert. Zu finden sind die Plastikleuchten in sechs Gemeinden der Hauptstadt: in Katwe, Makindye, Kamwokya, Namuwongo, Kisenyi III und Ndeeba. Und in Nagalama, einer Vorstadt von Kampatown, wurde die erste Schule mit den Deckenleuchten ausgestattet.

Das Daylight-Projekt erkundigt sich in den Gemeinden nach Menschen, die besonders von der Maßnahme profitieren würden. In bisher allen Fällen traf dies auf von Großmüttern geführte Haushalte zu. "Die meisten Menschen können gar nicht glauben, dass die Flaschen ein so helles Licht erzeugen können. Auch ich war überrascht, als ich die Wirkung das erste Mal sah", berichtet King. "Wir haben uns sogar schon überlegt, ob wir unser Projekt in 'Bannage' ('unglaublich' in der lokalen Luganda-Sprache) umtaufen sollen, weil jeder zuerst mit diesem Ausruf reagiert."

Anleitung zur Selbsthilfe

Das Projekt, das auch von einem privaten Geber in Australien unterstützt wird, hat bereits 350 Personen in der Anbringung der alternativen Leuchtmittel geschult. "Wir wollen, dass die Menschen dazu selbst in der Lage sind", meint Tom Luba, der stellvertretende Projektmanager. Für Senkungu und die Seinen ist das Leben auf jeden Fall heller geworden. "Wenn Kinder draußen laut toben, kann ich meine Songs nun drinnen schreiben oder in Ruhe lesen", meint der junge Musiker: "Denn jetzt haben wir Licht." (afr/IPS)

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