Tunesien: Weltsozialforum in Tunis

Weltweite Vernetzung der Zivilgesellschaft geplant

Von Justin Hyatt | 19.12.2012

Tunis. Nach der Welle der Volksaufstände während des 'Arabischen Frühlings', der vor fast zwei Jahren in Nordafrika begann, bereitet sich die Region erstmals auf die Ausrichtung des Weltsozialforums (WSF) vor. Die Organisatoren hatten erst Ägypten ins Auge gefasst, entschieden sich dann aber für Tunesien.

Das Land mit 10,7 Millionen Einwohnern wird im kommenden März Besucher aus aller Welt empfangen. Die Veranstalter rechnen mit mehr als 10.000 Teilnehmern. Die tunesische Zivilgesellschaft mobilisiert sich an unterschiedlichen Fronten. Mehrere große Organisationen haben sich zusammengeschlossen, um den Rahmen des Treffens abzustecken und Delegierte in das Steuerungskomitee zu entsenden, das die Vorbereitungen leitet.

Das Rückgrat des Komitees bildet die Tunesische Plattform für wirtschaftliche und soziale Rechte. Deren Präsident Abderrahmane Hedhili spielt zusammen mit dem Projektkoordinator Alaa Talbi eine Schlüsselrolle dabei, das Fundament für das Treffen zu legen.

"Das Weltsozialforum wird eine große Chance für die Zivilgesellschaft in Tunesien sein", sagte Hedhili. "Vor allem, weil wir Gruppen mit abweichenden Standpunkten zusammenführen, neue Lösungen für lokale Probleme finden und dabei helfen, den Demokratieprozess auf jeder Ebene zu verankern, sehen wir ein sehr starkes Potenzial."

Mehrere Arbeitsgruppen sind inzwischen gebildet worden, die sich um Themen wie Frauenrechte, Jugend und Kultur kümmern. Wie Hedhili betonte, stehen nicht nur Vorzeigethemen wie der Arabische Frühling auf der Agenda, sondern auch etwa die globale Finanzkrise sowie soziale, kulturelle und religiöse Fragen.

WSF in Dakar sagte Sturz Mubaraks voraus

Amélie Cannone, eine der Vorsitzenden der in Paris ansässigen Organisation AITEC und eine WSF-Veteranin, ist für mehrere Monate nach Tunis gezogen, um die Vorbereitungen für das Treffen aus der Nähe zu unterstützen. Während des letzten Weltsozialforums in der senegalesischen Hauptstadt Dakar im Februar 2011 sei der Sturz des ägyptischen Diktators Husni Mubarak vorhergesagt worden, erinnerte sie sich. "Das rief damals unglaubliche Freude und Hoffnung hervor."

Nach Ansicht von Talbi ist "die arabische Welt das neue Zentrum der sozialen Bewegungen". Das WSF könne daher dazu beitragen, die sozialen Netzwerke in der Region zu stärken und die Grundlagen für eine Zusammenarbeit mit internationalen Bewegungen schaffen. "Von den 'Indignados' in Spanien bis zu den protestierenden Studenten in Québec und Chile sowie zu den 'Occupy'-Bewegungen in den USA und in Großbritannien haben sich alle am Arabischen Frühling orientiert", erklärte er.

Die größten Impulse für das bevorstehende Treffen kamen bisher aus der Hauptstadt Tunis. Marwen Tlili, ein tunesischer Sozialaktivist, findet jedoch, dass sich auch andere Regionen des Landes anschließen sollten. Tlili organisierte im Oktober mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter eine Fahrrad-Karawane, um die Medien auf das WSF aufmerksam zu machen und Aktivisten in abgelegenen Städten wie Kasserine und Gafsa zur Mitwirkung zu bewegen. Tlilis Gruppe hat schließlich mehr als tausend Kilometer zurückgelegt und in Dutzenden Orten Informationen über das Treffen verbreitet.

"Ich denke, dass unsere Karawane eine großen Eindruck auf die Menschen gemacht hat, denen wir begegnet sind", sagte er. "In Tunesien ist eine Gruppe Radfahrer kein gewohnter Anblick wie in Europa oder Kanada. Das war positive Werbung für das Forum."

Auch Ökologie steht auf der Agenda

Die Organisatoren überlegen, in den nächsten Monaten noch mehr Fahrradfahrer loszuschicken. Eine Karawane könnte beispielsweise in Marokko und eine andere in Italien starten. Cannone unterstrich die Bedeutung der länderübergreifenden Zusammenarbeit und der Mobilisierung von Jugendlichen und Frauen, so wie es das 'Maghreb Social Forum' auf regionaler Ebene seit mehreren Jahren tue.

Auch ökologische Fragen würden berücksichtigt, meinte die Französin. "Das derzeitige Wirtschaftsmodell, das auf der intensiven Förderung von Rohstoffen basiert, ist im Nahen Osten und in Nordafrika besonders präsent." Das WSF, das mit vielen Globalisierungskritikern zusammenarbeite, wolle einen Paradigmenwechsel in den lokalen Wirtschaftssystemen herbeiführen und für neue Produktionsmodelle, sozialen Schutz und angemessene Lebensbedingungen für alle eintreten.(afr/IPS)

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