Tunesien: Phosphatindustrie verursacht Wasserengpässe

Internationale Experten befürchten einen Wasserkrieg in Nordafrika

Von Ihsan Bouabid | 01.10.2012

Gafsa. Gafsa im Süden Tunesiens war einst eine blühende Oase. Doch die lokale Phosphatindustrie hat die Region in eine tiefe Wasserkrise gestürzt. "In diesem Sommer kam es täglich zu Wasserengpässen", berichtet Lakhdar Souid, Koordinator der Blauen Plans für ein grünes Tunesien. Besonders Gafsa und die umliegenden Städte seien betroffen gewesen.

Der Blaue Plan, auch Mediterraner Aktionsplan (MAP) genannt, geht auf eine gemeinsame Initiative des UN-Entwicklungsprogramms (UNEP) und der Europäischen Union für die Entwicklung des Mittelmeerraumes zurück. Er zielt darauf ab, lokale Entscheidungsträger und Bevölkerung für ökologische Gefahren zu sensibilisieren.

"Internationale Experten sehen bereits bis spätestens 2025 einen Wasserkrieg in Nordafrika aufziehen. Sollte die tunesische Übergangsregierung die drohende Gefahr nicht ernster nehmen, könnte sich ein solches Szenario bereits vorher ereignen", warnt Souid.

Der Minister für Landwirtschaft, Wasserressourcen und Fischerei, Mokhtar Jalleli, begründete die Unterbrechung der Wasserversorgung damit, dass es in vielen Zentren des Nationalen Strom- und Gaswerks aufgrund einer Überlastung zu Spitzenzeiten zu Stromengpässen gekommen sei. Jallelis Ministerium ist für die nationale Wasserverteilungsbehörde (SONEDE) zuständig.

Entwicklung des Landesinnern versäumt

Souid zufolge haben die sukzessiven tunesischen Regierungen seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1956 der Entwicklung des Nordens, dem Umfeld der Hauptstadt und der Mittelmeerküste den Vorrang gegeben. Weite Teile im Landesinnern seien hingegen marginalisiert worden.

Das gilt auch für die Bergbauregion im Süden in der Nähe von Gafsa, wo knapp 370.000 Menschen leben. Im Fastenmonat Ramadan im September kam es bei Protesten gegen die ewigen Wasserversorgungsengpässe während einer Hitzewelle zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Rund 100 Kilometer von Gafsa-Stadt entfernt liegt Sidi Bouzid, die Heimatstadt des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, der sich nach ständigen Querelen mit der Polizei im Dezember 2010 in Flammen setzte und damit die tunesische Revolution auslöste. Sein Tod führte nicht nur zum Sturz des tunesischen Regimes, sondern auch zu Volksaufständen in anderen Ländern der Region.

Der lokalen Bevölkerung zufolge ist die Wasserversorgung seit der Gründung des Gafsa-Phosphatunternehmens (CPG) 1897 ein Problem. "Leitungswasser ist mit Chemikalien aus den Phosphatanlagen verseucht", berichtet Hayat Benrejeb, deren Mann vor drei Jahren an Lungenkrebs gestorben ist Das Problem sei "eine Zeitbombe, die kurz vor der Explosion steht". Schulkinder litten an Asthma und Lungenentzündungen, verursacht durch die von der Fabrik freigesetzten Schwefeldämpfe.

Die Bergbauaktivitäten der Firma konzentrieren sich auf das Gafsa-Becken im Norden von Chott el Jerid. CPG stellt dort jährlich acht Millionen Tonnen Phosphat her. Die Produktion ist auch für die Herstellung von Phosphorsäure und Dünger durch die 'Groupe Chimique Tunisien' mit Sitz in der Mittelmeerhafenstadt Sfax wichtig, 190 Kilometer von Gafsa-Stadt entfernt.

Wasser verseucht oder verbraucht

"Die chemischen Industrien haben in den letzten Jahren Unmengen an Wasser verbraucht und verschmutzt", berichtet Benrejeb. "Außer Gesundheits- und Umweltschäden haben wir nichts geerbt. Vielmehr müssen die meisten Menschen ihr Wasser jetzt in Flaschen kaufen."

"Die anarchistische Ausbeutung der regionalen natürlichen Ressource und die Verwendung von Quellwasser für die Industrieproduktion haben zu einer ungleichen Entwicklung geführt", so auch Farid Zaigh, Vorsitzender der Vereinigung für die Instandsetzung der römischen Wasserbecken von Gafsa. Einige Gebiete seien seit viel zu vielen Jahren völlig ins Abseits geraten.

"Junge Menschen pflegten in den Becken Schwimmvorführungen abzuhalten und sich damit ein kleines Zubrot zu verdienen", erinnert sich Zaigh. "Und im Umfeld der Becken boomte der Tourismus. Nun sind die Becken ausgetrocknet und unsere Kinder lernen nicht mehr schwimmen. Ohne Wasser gibt es kein Leben."

Auch das Grundwasser wurde abgezapft. "Die ehemaligen Behörden hatten den privaten Unternehmen nur erlaubt, bis zu 52 Metern tief zu bohren. Doch jüngste Inspektionen haben gezeigt, dass man sich nicht an die Vorgabe gehalten hat." Ingenieuren und Geologen zufolge, die mit Zaighs Nichtregierungsorganisation zusammenarbeiten, wurde ein Großteil des Wassers von den Chemieanlagen abgezogen.

Das CPG hat sich nun bereit erklärt, eine technische Studie über die Möglichkeiten einer Instandsetzung der römischen Becken zu finanzieren. (afr/IPS)

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