Tunesien: 50.000 Teilnehmer zu Weltsozialforum erwartet

Sorge um Sicherheit

Von Justin Hyatt | 27.03.2013

Tunis. Zum diesjährigen Weltsozialforum (WSF) in Tunesien erwarten lokale zivilgesellschaftliche Organisationen rund 50.000 Besucher in der Hauptstadt des nordafrikanischen Landes. Auf dem Universitätsgelände, wo das Treffen vom 26. bis 30. März stattfindet, wird nach den jüngsten politischen Turbulenzen auf Hochtouren an den Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet.

Die unsichere Lage bereitet den Organisatoren und den internationalen Gästen das größte Kopfzerbrechen. Am 6. Februar wurde der linksgerichtete Politiker Chokri Belaid nahe seinem Haus in Tunis ermordet. Sein Tod veranlasste Regierungschef Hamadi Jebali am 19. Februar zum Rücktritt. Niemand weiß nun, wie es politisch in dem Land weitergehen wird.

Auswärtige Besucher bleiben Tunesien zurzeit lieber fern, weil unklar ist, ob es in der Öffentlichkeit zu Tumulten kommen wird. "Jeden Tag erhalten wir Emails von Leuten, die sich darüber Sorgen machen", sagt Haifa Nakib, die für die Logistik und die Verwaltung des WSF in Tunis zuständig ist. "Ich sage ihnen: lasst euch durch das Fernsehen nicht verrückt machen. Tunesien befindet sich nicht im Krieg, die Lage hier ist friedlich. Es gibt keinen Terrorismus, und die Regierung sichert den Konferenzort ab."

In der Tat arbeitet die Regierung umfassend mit den Veranstaltern des großen Forums zusammen. Sogar an Orten, die in der Nähe des Campus liegen, werden Sicherheitsleute platziert. Die Organisatoren hoffen, dass ihre Präsenz nicht allzu stark bemerkt wird.

Laut Cheima Ben Hamida, einer freiwilligen Koordinatorin, werden auch innerhalb des Geländes Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Die Regierung habe zudem alle Ministerien angewiesen, das WSF "im größtmöglichen Maß" zu unterstützen.

Frankreich mit mehr als 300 Organisationen vertreten

Die Begeisterung über das Treffen ist überall zu spüren. Vertreter von mehr als 4.500 Organisationen aus 85 Staaten haben sich als Teilnehmer registrieren lassen. Ganz oben auf der Liste stehen der Gastgeber und Frankreich. Aus beiden Ländern planen Repräsentanten von jeweils 300 Organisationen anwesend zu sein. Auch Brasilien, Belgien, Italien und Marokko werden mit je mindestens 50 Gruppen stark präsent sein.

Die USA entsenden ihre bisher größte Delegation zum Weltsozialforum. Bisher haben sich 66 Organisationen registriert. Ein ähnlich großes Kontingent wird aus Kanada erwartet. Zu den Fragen, die auf dem Forum diskutiert werden sollen, gehören Frauenrechte, Jugend und Kultur. Obwohl der Arabische Frühling und seine Folgen im Zentrum stehen, werden auch andere Themen wie die globale Wirtschafts- und Umweltkrise größere Beachtung finden.

Um dem Forum zum Erfolg zu verhelfen, lassen die tunesischen Einwanderungsbehörden auch Besucher aus Staaten einreisen, die keine diplomatischen Abkommen mit Tunesien geschlossen haben oder Botschaften im Land unterhalten. Ein Einladungsschreiben genügt, um ein Visum zu erhalten. Auf diese Weise können auch Bürger aus Ländern wie Peru und Israel teilnehmen.

Bereits vom 24. März an wird die dritte Ausgabe des 'World Free Media Forum' (WFMF) abgehalten. Mehrere Hundert Medienvertreter werden zu Workshops und Diskussionen zusammenkommen und weltweit über das Ereignis berichten. Zu diesem Zweck wurde ein 'freies Medien-Dorf' eingerichtet. Besondere Unterstützung erhalten gemeinnützige Bürgerradiosender.

Ein internationales Jugendcamp wird als weiteres 'Forum im Forum' stattfinden. 18- bis 30-Jährige haben Gelegenheit, zu Sport, Tanz, Kochwettbewerben und Debatten zusammenzukommen. Khalil Teber, Mitglied der Jugendkommission und Mitorganisator des Forums, erklärte: "Wir geben den Jugendlichen ihren eigenen Raum. Tag und Nacht sind Veranstaltungen geplant – es werden vier schlaflose Tage werden."

Laut Teber besteht die Vision der Organisatoren darin, "der Welt die tunesische Jugend und ihre Sicht auf die Revolution im Land vorzustellen. Wir möchte alle Jugendlichen dort sehen, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen."

Reflexionen über Zukunft des WSF

Das diesjährige Weltsozialforum will nicht nur den Geburtsort des Arabischen Frühlings würdigen, sondern auch konkrete Debatten über die Zukunft des Treffens anstoßen. Alle diejenigen, die am WSF teilnehmen, wissen, dass auch die 'Occupy'-Bewegung und andere Graswurzelinitiativen weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Auch wenn diese das Forum nicht ersetzen können, lassen sie es doch als notwendig erscheinen, dass das WSF über seine Entwicklung nachdenkt und sich mit neuen Bewegungen auseinandersetzt. "Wir brauchen eine neue Denkweise, eine neue Sicht auf die Welt", erklärte Romdhane Ben Amor, der Kommunikationschef des WSF. "Wenn das Forum den Tunesiern und den Sozialbewegungen in aller Welt dabei helfen kann, auf ihren eigenen Stärken aufzubauen und neue Wege der Kooperation zu finden, wird es ein Erfolg werden." (afr/IPS)

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