Tansania: Zwangsehen lassen Mädchenträume platzen

Bildungsprojekt ermöglicht jungen Müttern eine Berufsausbildung

Von Kizito Makoye | 17.02.2016

Kahama. Maria war kaum 16, als ihr Vater sie von der Schule nahm. Sie sollte einen Mann heiraten, der gut 20 Jahre älter war als sie selbst. Als Mitgift bot der Bräutigam ihrer Familie elf Kühe. "Aber ich wollte nicht heiraten", erzählt Maria. "Ich wollte studieren und Ärztin werden. Aber nun sind alle meine Träume zerplatzt."

Mädchen aus Shinyanga bei einer Tanzaufführung, die im Rahmen ihrer Ausbildung stattfindet (Bild: Kizito Makoya/IPS).

Heute ist Maria 18 und verzweifelt. Immer noch fleht sie ihren Vater an, ihre Ausbildung abschließen zu dürfen. Doch dieser lässt sich nicht erweichen. Als Kleinbauer in dem von Dürren heimgesuchten Dorf Ngonwa im Norden der Region Shinyanga ist es schwer, das Auslangen zu finden. Daher hat er seine beiden Töchter immer als Geldanlage betrachtet, die der Familie durch eine Hochzeit etwas Einkommen bescheren sollten. Marias älterer Schwester hat eine Zwangsehe sogar das Leben gekostet. Sie ist bei der Geburt ihres ersten Kindes verblutet.

Maria wollte auf keinen Fall ein ähnliches Schicksal wie ihre Schwester erleiden. Also entschloss sie sich vor der bereits arrangierten Hochzeit zur Flucht. Sie suchte eine Tante in einem entfernten Dorf auf, um dort ein neues Leben beginnen. Dann bemerkte sie, dass sie ein Kind aus einer flüchtigen Beziehung mit einem jungen Mann erwartete. "Ich war beschämt, zutiefst beschämt", berichtet Maria. "Ich sah die Schwangerschaft als eine Beleidigung meiner Familie aber vor allem meinem Vater gegenüber." 2014 brachte Maria einen Buben zur Welt und blieb im Dorf ihrer Tante. Sie war sich sicher, dass ihr Vater die Schande einer unehelichen Geburt nicht verkraften würde.

Projekt soll helfen, Berufswünsche zu verwirklichen

Marias Geschichte beschreibt die Misere, in der sich viele Schulmädchen in Shinyanga und anderen Teilen Tansanias befinden. Das ostafrikanische Land hat eine der höchsten Geburtenraten bei jungen Frauen: Nach Angaben des United Nations Population Fund (UNFPA) sind 23 Prozent aller Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren schwanger oder haben bereits ein Kind geboren. Für viele bedeutet die Schwangerschaft das Ende ihrer Berufsträume.

Die UNESCO versucht jungen Müttern eine zweite Chance zu geben, in dem sie berufliche Ausbildungskurse anbietet. Auch Maria nimmt an einem dieser Kurse teil. "Ich bin glücklich, dabei sein zu dürfen", sagt sie, "vielleicht erreiche ich auf diesem Weg ja mein Ziel, Ärztin zu werden. Wer weiß?"

Das Bildungsprojekt trägt den Titel Provision of Alternative Learning Opportunities for Adolescent Girls Forced out of School due to Teenage Pregnancies und wurde 2011 gestartet. Finanziell unterstützt wird es von der japanischen Regierung. Bis heute haben mehr als 200 Mädchen aus der Region die Schulungsangebote in Anspruch genommen.

Die UNESCO-Vertreterin in Tansania, Zulmira Rodrigues, ist überzeugt, dass das Projekt den Mädchen helfen kann, ihre Träume zu erfüllen. "Bildung ist der einzige Schlüssel, der jungen Mädchen erlaubt, informierte Entscheidungen über ihr Leben zu fällen und ihr sozioökonomisches Wohlbefinden zu verbessern", meint Rodrigues. Gerade in ländlichen Gegenden würden heranwachsende Mädchen immer wieder Opfer von sexueller Gewalt werden. Außerdem fehle es an Aufklärungsarbeit, wie ungewollte Schwangerschaften verhindert werden können.

Schulabbruchsraten auf hohem Niveau

Consolata Mabula ist Sozialarbeiterin in Shinyanga. Sie betont, dass Tansania riesige Fortschritte bei der Einschulung von Kindern gemacht hätte. Allerdings würden viele Mädchen ihre Ausbildung aufgrund von Schwangerschaften nicht abschließen können. Laut UNESCO zählt Shinyanga zu den Regionen mit den höchsten Schulabbruchsraten. "Viele Eltern ziehen die Heirat und die damit verbundene Mitgift einem Schulabschluss vor", sagt Leah Omari, Lektor am 'Institute of Social Work' in Dar es Salaam. "Manche vermitteln ihren Töchtern bewusst fehlerhaften Lernstoff, damit sie in der Schule durchfliegen und endlich heiraten können."

Die Eltern wissen das Recht auf ihrer Seite: Obwohl Geschlechtsverkehr mit minderjährigen Mädchen in Tansania eigentlich verboten ist, weist das Eherecht aus dem Jahr 1971 eine Gesetzeslücke auf. Mädchen ab 15 Jahren dürfen nur dann verheiratet werden, wenn die Eltern zustimmen. Nach ihrer Hochzeit sind die Mädchen oft so heftiger sexueller Gewalt ausgesetzt, dass Entbindungen zum Risiko machen. "In vielen Fällen erleiden minderjährige Mädchen bei der Geburt der Kinder aber auch deshalb schwere Komplikationen, weil ihre Körper einfach noch nicht reif genug sind", sagt Upendo Kashindye, eine Menschenrechtsaktivistin in Shinyanga.

Zaituni Mkwama, wie Maria ebenfalls aus Kahama, wurde mit 17 schwanger. Nachdem die Lehrer die Veränderungen ihres Körpers bemerkt hatten, wurde sie von der Schule verwiesen. "Ich fühlte mich richtig schlecht und hatte Angst", sagt Zaituni, die eigentlich vorhatte, Anwältin zu werden.

"Armut ist der Schlüsselfaktor", erklärt Eda Sanga, Geschäftsführerin der 'Tanzania Media Women Association' (TAMWA) in Dar es Salaam. "Eltern verheiraten ihre Mädchen möglichst früh, damit sie nicht länger für sie und ihre Enkelkinder sorgen müssen." Die 19-jährige Zena Haruna kann das bestätigen: "Als mein Vater meine Schwangerschaft entdeckte, hat er mich zum Haus meines Freundes gebracht, und wir mussten auf der Stelle heiraten." (afr/IPS)

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