Tansania: Ruaha-Fluss trocknet aus

Bauern zapfen zu viel Wasser für Felder ab

Von Orton Kiishweko | 18.01.2013

Dar es Salaam. Die Kleinbäuerin Avelina Elias Mkenda spürt die Veränderungen der Natur. Die 52-Jährige, die im Becken des Großen Ruaha-Flusses im Südwesten von Tansania lebt, musste sich früher keine Gedanken darüber machen, woher das Wasser für ihre Nutztiere und ihr Feld kam. Seit einigen Jahren gibt der Fluss jedoch immer weniger von der kostbaren Ressource her.

Einst war das Gras in der Gegend üppig, inzwischen wächst es nur noch spärlich. Das Vieh bleibt hungrig, und die Ernteerträge des wichtigsten Anbauprodukts Kaffee sind rapide gesunken. Der 84.000 Kilometer lange Große Ruaha-Fluss, auch das 'ökologische Rückgrat' Tansanias genannt, entspringt in den Kipengere-Bergen. Er fließt durch die Feuchtgebiete des Usangu-Tals und den Ruaha-Nationalpark, bevor er in den Rufiji-Fluss mündet. Das Einzugsgebiet des Ruaha bewässert einen großen Teil der ländlichen Gebiete Tansanias. Auf den fruchtbaren Böden an seinen Ufern produzieren mehr als eine Million Kleinbauern einen erheblichen Teil der Nahrungsmittel des Landes. Auch generiert er 70 Prozent der gesamten Wasserkraft Tansanias.

Mitarbeiter des 'Rufiji Water Basin Office' (RWBO), das für das Flussbecken zuständig ist, sowie Wissenschaftler an der Landwirtschaftlichen Hochschule Sokoine (SUA) warnen aber vor dem "alarmierenden Druck", dem der Fluss ausgesetzt sei. "Er trocknet inzwischen über lange Zeiträume von bis zu drei Monaten aus", berichtet Damian Gabagambi, ein Agrarökonom an der SUA. Er führt die Situation auf die zunehmende Zahl von Bauern zurück, die den Ruaha zu Bewässerungszwecken umleiten.

Wasserknappheit begann mit Bevölkerungszuwachs

"Vor 1993 kam es nie vor, dass der Fluss austrocknete", erklärt der Universitätsprofessor Andrew Temu. Die Missstände hätten 1999 begonnen. Seitdem hat sich die Einwohnerzahl in der Region des Ruaha-Beckens von drei auf sechs Millionen verdoppelt. "Mit Anwachsen der Bevölkerung ist auch die Nachfrage nach Wasser gestiegen", sagt er. Auch intensives Weiden und die Entwaldung hätten zu der Krise beigetragen. Gabagambi macht auch das Fehlen einer angemessenen Bewässerungsinfrastruktur für den Verlust der kostbaren Ressource verantwortlich.

David Muginya von RWBO kritisiert zudem, dass sowohl Groß- als auch Kleinbauern sich bisher nicht an ein 2009 in Kraft getretenes Wassernutzungsgesetz hielten. Alle Konsumenten von Wasser sind demnach dazu verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, um jede Verschwendung der Ressource zu vermeiden.

Aus einem im vergangenen Juli von der Universität Dar es Salaam veröffentlichten Bericht mit dem Titel 'Vulnerabilty of People's Livelihoods to Water Resources Availability in Semi Arid Areas of Tanzania' geht hervor, dass die Wasserverschwendung dazu geführt hat, dass eine Million Menschen am Unterlauf des Ruaha, die vom Flusswasser abhängig seien, in einer Wasserkrise steckten.

Die Verfügbarkeit von Wasser ist in diesem Abschnitt extrem unsicher. Dem Bericht zufolge sprechen alle Anzeichen dafür, dass der Umgang mit dem Ruaha-Wasser alles andere als nachhaltig ist und zu irreparablen Umweltschäden führen wird.

"Die Existenz von Millionen Menschen im südzentralen Tansania ist gefährdet. Sie könnten verarmen", warnt Gabagambi. Experten wie er fürchten, dass die negativen Auswirkungen auf Landwirtschaft und Nahrungsproduktion weit über die Gebiete hinausgehen, die an den Strom angrenzen. Ein Großteil der rund 46 Millionen Einwohner Tansanias werde betroffen sein.

Kleinbauern sollen für Wassernutzung zahlen

RWBO-Beamte sind indes besorgt über den künftigen Nachschub an Strom aus Wasserkraft. Der Geschäftsführer des Zuckerunternehmens Kilombero, Don Carter Brown, wirft den Kleinbauern vor, Wasser des Ruaha illegal abzuzapfen und somit keine Wassernutzungsgebühren zu bezahlen.

Mkenda aus dem Bezirk Mbarali verteidigt sich gegen derartige Vorwürfe mit dem Argument, keine andere Wahl zu haben. Angesichts des sich verändernden Klimas, intensiverer Sonneneinstrahlung und des seit neuestem verknappten Flusswassers ernte sie weniger Kaffee und verdiene damit nicht mehr so viel wie früher. "Uns fehlt das Geld, um Bewässerungsinfrastrukturen zu finanzieren", sagt sie.

Genau diese Bauern werden am schwersten unter dem Wassermangel zu leiden haben, während sie darum kämpfen, sich an dem versiegenden Fluss noch eine Existenzgrundlage zu erhalten. Experten wie Bariki Kaale vom UN-Entwicklungsprogramm UNDP führen das Problem darauf zurück, dass "die Menschen die Wasserquellen zerstören". Im Ruaha-Becken habe es immer ausreichend Wasser gegeben, bis alle Bäume gefällt worden seien. (afr/IPS)

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