Tansania: Maasai werden aus ihren Dörfern vertrieben

185 Gehöfte niedergebrannt, 6.800 Menschen obdachlos

Von Baher Kamal und Martin Sturmer | 31.08.2017

Rom/Salzburg (IPS/afr) - Laut Informationen der Menschenrechtsorganisation 'International Work Group for Indigenous Affairs' (IWGIA) mit Sitz in Kopenhagen wurden im August Angehörige der Maasai samt ihren Viehbeständen aus dem Schutzgebiet 'Loliondo Game Controlled Area' vertrieben.

Brennende Maasai-Häuser in Liliondo, aufgenommen am 16. August 2017 (Bild: IWGIA)

Die 'Loliondo Game Controlled Area' liegt im Norden des Landes im Bezirk Ngorongoro nahe der Serengeti. "Aktuell sind die Maasai-Hirten in Loliondo mit schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsräumungen, Abbrennen von Häusern, Verlust von Eigentum und Viehbestand sowie ernsthaften Schikanen konfrontiert", bestätigt die IWGIA-Beraterin Marianne Wiben Jensen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur IPS. 

Nach IWGIA-Angaben begann die Räumungsaktion am 13. August 2017 im Dorf Ololosokwan und wurde am 14. August auf weitere Dörfer ausgedehnt. An den beiden Tagen wurden 185 Maasai-Gehöfte - sogenannte Bomas - von Rangern der 'Serengeti National Parks Authority' (SENAPA) und der 'Ngorongoro Conservation Area Authority' (NCAA) niedergebrannt. Die beiden Behörden wurden dabei von der Polizei von Loliondo unterstützt.

Laut Schätzungen der IWGIA sind durch die Räumungen 6.800 Menschen obdachlos geworden. Dazu kommt eine noch unbestimmte Zahl von Vieh, die durch die Aktion verloren gegangen ist. Alleine im Dorf Ololosokwan sollen es mehr als 2.000 Tiere gewesen sein.

An Dramatik gewinnen die Räumungen dadurch, dass die Maasai-Hirten gegenwärtig mit einer schweren Dürre zu kämpfen haben. Weideflächen sind knapp geworden. Es gibt Berichte, dass Maasai von der SENAPA mit massiven Geldstrafen belegt wurden, wenn sie ihr Vieh in der Serengeti und außerhalb der Parkgrenze weiden ließen. Außerdem soll ein junger Maasai aus Ololosokwan von einem Ranger angeschossen und schwer verletzt worden sein.

Touristische Nutzung als Motiv

Marianne Wiben weist daraufhin, dass es sich bei der Räumungsaktion um einen Wiederholungsfall handelt. Bereits im Jahr 2009 waren in der 'Loliondo Game Controlled Area' 350 Bomas abgebrannt worden. Hintergrund dabei war, dass das Luxus-Safari-Unternehmen 'Ortello Business Corporation' (OBC) aus den Vereinigten Arabischen Emiraten im Jahr 1992 die Jagdrechte in dem Gebiet erworben hatte. Diese Lizenz wurde bislang alle fünf Jahre erneuert.

Am 21. März 2013 hat die tansanische Regierung die 'Loliondo Game Controlled Area' von 4.000 Quadratkilometer auf 1.500 Quadratkilometer reduziert. Mit dem Beschluss wurden Landwirtschaft und Viehhaltung in der Zone verboten. Die 'Ortello Business Corporation' erhielt wiederum die exklusiven Nutzungsrechte für das Gebiet.

In dem Schutzgebiet befinden sich aber acht Maasai-Dörfer, die nach den gültigen Gesetzen (Land Act No. 5 von 1999, Local Government Act No. 7 von 1982) anerkannt sind. Nachdem die Regierung nach der Errichtung des weltbekannten Serengeti-Nationalparks im Jahr 1951 die Umsiedlung von Maasai von Nationalpark nach Loliondo erzwungen hat, sollten die Hirten also erneut ihre Heimat verlieren.

2014 kündigte die Regierung an, 30.000 Maasai aus der 'Loliondo Game Controlled Area' abzusiedeln. Das Vorhaben scheiterte allerdings am enormen internationalen Widerstand. Nach einer Petition auf der Online-Plattform Avaaz, die von mehr als zwei Millionen Menschen unterzeichnet wurde, verkündete der damalige Präsident Jakaya Kikwete am 23. November 2014 auf Twitter: "There has never been, nor will there ever be any plan by the Government of #Tanzania to evict the #Maasai people from their ancestral land."

Ungeachtet dieser Mitteilung kam es im Februar 2015 in Lilondolo zu weiteren Vertreibungen. Eine Chronologie der Ereignisse gibt es im IWGIA-Bericht Tanzanian Pastoralists Threatened: Evictions, Human Rights Violations and Loss of Livelihood.

Über die aktuelle Räumungsaktion informierte das 'Ministry of Natural Ressources and Tourism' die Öffentlichkeit erst am 17. August 2017 im Rahmen einer Presseinformation. In der Aussendung wurde bekannt gegeben, dass auf zwei Wochen anberaumte Operation das Ziel verfolgt, Siedlungen und Viehbestände aus der 'Loliondo Game Controlled Area' zu entfernen. Die betroffenen Maasai traf die Aktion also völlig unvorbereitet. (Ende)

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