Tansania: Junge Ingenieurinnen pfeifen auf traditionelle Rollenbilder

Qualifizierungsprogramm bringt mehr Frauen in technischen Berufen unter

Von Kizito Makoye | 13.04.2016

Dar es Salaam. Von der Wasserleitung zum Internet, vom Hochhaus zur Dating App für das Smartphone – in fast jedem Aspekt des modernen Alltagslebens steckt ein Stück Ingenieurskunst. Dennoch zieht der Ingenieursberuf im ostafrikanischen Tansania nur wenige Frauen an. Lange Zeit herrschte die Überzeugung, dass der Beruf Männern vorbehalten sein sollte.

Martha Daniel nimmt am Qualifizierungsprogramm für Ingenieurinnen teil. Gemeinsam mit ihrem Mentor inspiziert sie hier eine Baustelle in der tansanischen Küstenmetropole Dar es Salaam (Bild: Ken Oprann/Norad, CC BY-NC-ND 2.0).

Nun scheint aber langsam ein Umdenken einzusetzen. Immer mehr Frauen in Tansania interessieren sich für eine Ausbildung in naturwissenschaftlichen Fächern und wollen einen technischen Beruf ergreifen.

Allerdings verfügen in dem ostafrikanischen Land immer noch wenige Mädchen über einen Schulabschluss. Der Grund dafür liegt in der weitverbreiteten Armut und in traditionellen Rollenbildern: Viele Eltern sind schlicht der Meinung, dass Mädchen Aufgaben im Haushalt übernehmen sollen statt die Schulbank zu drücken.

Eine von der norwegischen Regierung unterstützte Qualifizierungsinitiative will die Anzahl von Ingenieurinnen in Tansania verdoppeln. Die Initiative wird vom Engineering Registration Board (ERB) getragen, das als Körperschaft öffentlichen Rechts für die Erteilung von Approbationen für Ingenieure zuständig ist.

95 Prozent der Ingenieure sind Männer

Das Qualifizierungsinitiative ist damit genau an der richtigen Adresse: Denn um vom ERB als Ingenieur oder Ingenieurin eingetragen zu werden, bedarf es einer einschlägigen vierjährigen Schulausbildung und einer Berufspraxis im Mindestausmaß von drei Jahren.

Obwohl die erste Ingenieurin in Tansania bereits im Jahr 1976 registriert wurde, können sich heute immer noch viele Frauen den langen Ausbildungsweg nicht leisten. Die offizielle Statistik zeigt, dass nur fünf Prozent der im Jahr 2015 eingetragenen Ingenieure Frauen waren.

Die Qualifizierungsmaßnahme will diesem Missverhältnis nun entgegenwirken. Im Rahmen des Programms werden die auszubildenden Mädchen bei technischen Einrichtungen untergebracht, wo sie praktische Erfahrungen sammeln können. Ihnen zur Seite steht ein Mentor, dem sie regelmäßig Bericht erstatten müssen.

Nach Absolvierung der drei erforderlichen Praxisjahre müssen die Kandidatinnen einen Abschlussbericht erstellt werden, der von externen Experten überprüft wird. Fällt die Beurteilung positiv aus, steht der Eintragung ins Ingenieursverzeichnis der ERB nichts mehr im Wege.

Die norwegische Regierung hat die Initiative seit dem Jahr 2010 mit insgesamt 13,9 Millionen Norwegischen Kronen (ca. 1,5 Millionen Euro) gefördert. Das Geld wird vor allem dafür eingesetzt, dass die Frauen ihre monatlichen Kosten decken und damit die Ausbildung abschließen können. Für Benedict Mukama vom ERB verläuft das Programm ausgesprochen erfolgreich: Insgesamt wurden bislang 291 Kandidatinnen aufgenommen, von denen bereits 143 als Ingenieurinnen registriert werden konnten.

Frauen schneiden besser ab

Auch habe generell die Zahl registrierter Ingenieurinnen in den letzten Jahren deutlich zugenommen, sagt Mukama. Im Jahr 2010 waren es nur 97 Frauen, die vom ERB als Ingenieurin eingetragen worden sind. Letztes Jahres belief sich diese Anzahl bereits auf 297.

"Es gibt jetzt auch mehr Frauen, die naturwissenschaftliche Fächer belegen", fährt Mukama fort. "Die meisten von ihnen schneiden dabei besser als die Männer ab."

Laut dem ERB haben die durch die Qualifizierungsinitiative unterstützten Ingenieurinnen auch bessere Berufsaussichten. Viele könnten sich bereits vor ihrem Abschluss gute Jobs sichern, manche von ihnen würden sich aber auch selbstständig machen.

Dennoch gibt es noch viele Hürden auf dem Weg nach oben. Martha Daniel ist eine Teilnehmerin des Programms. Sie bemängelt vor allem, dass Frauen oft der Zugang zu beruflichen Netzwerken fehle. "Das Betätigungsfeld ist ein unglaublich stark von Männern dominiert", sagt Daniel.

Die Nachwuchs-Ingenieurin ist aber optimistisch, dass die alten Geschlechterrollen eines Tages der Vergangenheit angehören werden. "Auch mir haben viele Leute gesagt, dass der Beruf nur für Männer ist und man als Frau kaum Chancen hat." Doch gerade die aktuelle Zunahme von Ingenieurinnen motiviere junge Mädchen dazu, ebenfalls diese Laufbahn einzuschlagen. Martha Daniel schwärmt jedenfalls für ihren Beruf: "Ich arbeite an etwas, das ich sehen kann. Sogar meine Kinder werden noch sehen können, was ihre Mutter fertiggebracht hat."

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