Tansania: Hip-Hop auf Swahili

Musikförderung in Arusha zieht junge Künstler an

Von Adam Bemma | 25.06.2014

Arusha. In einem düsteren, engen Aufnahmestudio im Elendsviertel Kijenge Juu in der Stadt Arusha hämmern Hip-Hop-Beats durch den fensterlosen Raum. Der 26-jährige 'Raf MC' tritt ans Mikrofon und schaut kurz auf den Zettel in seiner Hand. Er holt tief Atem und fängt an auf Swahili zu singen, der gemeinsamen Sprache der 47 Millionen Einwohner des ostafrikanischen Landes.

"Hip-Hop-game sio kama tu ma game mengine", rappt Raf MC (Das Hip-Hop-Spiel ist nicht wie jedes andere Spiel). Drei weitere Musiker aus Arusha stehen ebenfalls hinter Mikrofonen: der 21-jährige 'Pacha the Great', der 28-jährige 'Sight Mo' und der 20-jährige 'Motra the Future'. Als Gruppe nennen sie sich 'KINGS'. Die Abkürzung steht für Kijenge, Ngalimi und Sekei, drei der berüchtigsten Slums der Stadt. "Wir sind alle hier aufgewachsen und leben auch heute noch hier", sagt Raf MC. "Ich bin aus Sekei, Motra stammt aus Kijenge. Pacha und Sight Mo' kommen aus Ngalimi."

Die KINGS sind in der Underground-Hip-Hop-Szene des Nordens Tansanias zu Hause. Die erste Single, die sie zusammen herausbrachten, trägt den Titel 'Acheni Blah Blah'. In diesem Jahr soll das erste Album erscheinen.

Plattform zur Nachwuchsförderung

Daudi Bakari, Musikproduzent bei dem Label 'Watengwa Records' in Arusha, hat außerdem die unabhängige Plattform 'Saving Underground Artists' (S.U.A.) gegründet. Seit fast zwei Jahren veranstalten der 25-jährige Bakari und seine gleichaltrige Kollegin Biggie Shirima Hip-Hop-Aufführungen mit Nachwuchskünstlern.

"Arusha ist eine Touristenstadt und liegt in der Nähe der meisten Nationalparks und anderen großen Attraktionen des Landes", erklärt Bakari. "Die Leute wissen aber nicht, dass es hier auch eine Hip-Hop-Bewegung gibt, die in den späten 1990er-Jahren entstanden ist."

Vor wenigen Jahren fürchteten die Tansanier, dass die Hip-Hop-Szene in Arusha verschwinden würde. Denn viele Jugendliche konzentrierten sich eher auf die Arbeit im expandierenden Touristiksektor. Musik geriet zur Nebensache. "Es waren harte Zeiten", meint Bakari. "Die Leute kauften keine Platten mehr und kamen auch nicht mehr zu Rap-Konzerten."

"Lest mehr, lernt mehr, ändert euch"

Bakari und Shirima stellten sich aber der Herausforderung und etablierten eine neue Präsentationsfläche für junge Hip-Hop-Talente in Tansania. Bereits ein paar Mal sind in diesem Jahr junge Musiker zum Watengwa-Plattenstudio nach Kijenge Juu gekommen. Türen und Wände sind mit Graffiti übersät. Oberhalb des Bühnenbereichs ist zu lesen: "Lest mehr, lernt mehr, ändert euch", daneben sieht man das Bild eines Jugendlichen mit einem Buch in der Hand.

Seit kurzem nehme das Interesse an S.U.A.-Events deutlich zu, versichert Bakari. S.U.A. veranstaltet nicht nur Aufführungen, sondern bietet darüber hinaus jungen Künstlern wie den KINGS ein unterstützendes Netzwerk. Eine Woche vor einer Show halten Bakari und Shirima Workshops ab und suchen dann die Rapper aus, die auf die Bühne gehen dürfen.

"Wir nehmen immer diejenigen, die unbedingt etwas über die Geschichte des Hip-Hop und seine Entwicklung in Tansania lernen wollen", erklärt Shirima. "So sind wir auch auf die KINGS gekommen. Inzwischen wird ihre Musik im ganzen Land im Radio gespielt."

Der Swahili-Hip-Hop, auch unter dem Namen 'Bongo Flava' bekannt, hat sich seit seiner Entstehungszeit radikal verändert. Damals wurden Gruppen wie 'X-Plastaz' international bekannt. Doch inzwischen ist die Bewegung in den Untergrund abgetaucht.

Musik beugt Kriminalität vor

"Bei Hip-Hop in Arusha ging es niemals nur um Songs und Beats, sondern vor allem um die Substanz", sagt der 38-jährige Mohamed Yunus Rafiq, der früher Mitglied von X-Plastaz war. "Viele von uns haben dem Hip-Hop zu verdanken, dass sie keine Kriminellen geworden sind."

Rafiq war ein junger Mann, als sich das Land vom Sozialismus zur freien Marktwirtschaft hinentwickelte. Hip-Hop-Musik sei in Tansania nach wie vor stark durch 'Ujamaa', das sozialistische Gesellschaftsmodell des ersten Präsidenten Julius Nyerere geprägt.

"Die Erklärung von Arusha von 1967 hat aus Tansania offiziell einen sozialistischen Staat gemacht", sagt Rafiq. "In den 1980er-Jahren sah man hier überall kubanische Ärzte und russische Militärberater. Als Kind ging ich zu den Treffen des südafrikanischen Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) und bekam dort Süßigkeiten von Russen geschenkt."

Arusha für Clinton das "Genf Afrikas"

Diese Einflüsse haben Arusha zu einer internationalen Stadt werden lassen. Viele Organisationen, unter anderem auch der Vereinten Nationen, haben hier ihren Sitz. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton nannte Arusha einmal "das Genf Afrikas". Die Stadt bietet einen guten Nährboden für eine sozio-politische Musikszene. Seit den Anfängen der Swahili-Jazzrichtung 'Musiki wa Dansi', die in den 1960er Jahren beliebt war, bis zu dem heute populären 'Bongo Flava' ist die tansanische Swahili-Hip-Hop-Bewegung ihren Wurzeln immer treu geblieben.

"Der 'Bongo Flava', den man im Radio hört, ist eine Mischung aus Rap, Diskothekenmusik und R&B. Wir machen etwas ganz anderes", sagt Shirima. Sie hofft, dass tansanische Jugendliche durch das Musikmachen und den Gebrauch ihrer eigenen Sprache so viel Selbstvertrauen gewinnen, dass sie in ihren Gemeinschaften aktiv etwas verändern können. Hip-Hop-Fans aus anderen Ländern Ostafrikas wie Kenia und Uganda sind bereits auf diesen Trend aufmerksam geworden. (afr/IPS)

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