Tansania: Dörfer kämpfen um ihre Landrechte

Investoren eignen sich immer mehr Agrarflächen an

Von Kizito Makoye | 21.08.2018

Dar es Salaam (IDN/afr). Helena Magafu lächelt, als sie das Stück Papier in ihrer Hand zeigt. Das Dokument bestätigt, dass sie alleinige Besitzerin eines Ackerlandes in ihrem Dorf Sanje in der Region Morogoro ist. Damit wurde ein langwieriger und heftiger Streit mit ihren Nachbarn beendet.

In Tansania verstärkt sich der Widerstand gegen den Verkauf von kommunalen Agrarflächen an internationale Investoren. (Bildrechte: Shutterstock.com)

Im Rahmen einer neuen Regierungsinitiative, die auf eine höhere Transparenz im Grundbesitz abzielt, wurde die 53-jährige Witwe als rechtmäßige Eigentümerin des Landes anerkannt. Der Entscheidung ging ein acht Jahre langer Streit voraus: Nach dem Tod von Magafus Ehemanns hatten Nachbarn versucht, sich die 30 Hektar große Fläche anzueignen.

"Ich bin sehr glücklich", sagt Magafu,  "ich glaube nicht, dass jemals irgendwer wieder behauptet, dies mein Land seines sei." Für die Landwirtin, die Mais, Reis, Sonnenblumen und Gemüse anbaut, ist die Entscheidung ein wichtiger Meilenstein in ihrem Leben. Sie hat nun die Sicherheit, dass sich Investitionen auf dem Grundstück auszahlen. Ihre Farm wirft rund 4,5 Millionen tansanische Schillinge ab - das entspricht etwa 2.000 US-Dollar.

Finanzstarke Investoren im Vormarsch

Das ostafrikanische Tansania hat aufgrund seiner riesigen Landfläche und der vergleichsweise billigen Arbeitskräfte finanzstarke Investoren auf den Plan gerufen. Die einheimischen Bauern verfügen nur in seltenen Fällen über einen Nachweis für ihren Besitz. Das erschwert u. a. die Geschäftsbeziehungen zu Banken, da sie für Kredite keine Sicherheiten vorbringen können.

Traditionelle Gesetze, die einst das Land der Bauern in den Dörfern schützten, haben an Wirksamkeit eingebüßt. Korrupte Dorfvorsteher verscherbeln kommunales Land immer öfter an ausländische Investoren. Und obwohl die Landvergabe dem staatlichen Tanzania Investment Centre unterstellt ist, verhandeln Investoren häufig direkt mit den Entscheidungsträgern in den Dörfern.

In Tansania haben sich in den letzten Jahren immer mehr Initiativen der Problematik angenommen. Sie helfen in den Dörfern, durch Kartierungen und gezielte Protestaktionen verlorenes Land zurückzugewinnen und ihr Land nachhaltig zu schützen.

Dabei erfahren die Aktivisten internationale Unterstützung. Die US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID) führt seit dem Jahr 2014 ein Projekt durch, dass den lokalen Bauern im südlichen Hochland zu Rechtssicherheit verhelfen soll. In dem mit 5,9 Millionen US-Dollar dotierten Projekt werden Raumplaner in der Bewertung und der Kartierung von Ländereien geschult. Außerdem werden Trainings zur Konfliktbeilegung angeboten.

Nur ein Viertel der Landfläche wird beackert

Landwirtschaft ist das Rückgrat der tansanischen Wirtschaft. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung bestreiten zumindest teilweise ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft. Das Potenzial ist enorm: Tansania verfügt über 44 Millionen Hektar Land für die landwirtschaftliche Produktion, davon werden aber nur ein Viertel - 10,8 Millionen Hektar - auch tatsächlich kultiviert.

Die neue Studie "The Scramble for Land Rights"  des World Resources Institute (WRI) mit Sitz in Washington, DC zeigt, dass lokale Gemeinschaften weltweit mehr als die Hälfte der Ländereien halten. Allerdings haben sie nur für zehn Prozent der Fläche einen legalen Status.

Vor allem das kommunale Land gerät immer mehr in den Fokus kommerzieller Interessen. Kapitalkräftige Unternehmen mit ihren starken politischen Netzwerken gelingt es immer häufiger, sich rasch durch den bürokratischen Dschungel zu bewegen und Land zu erwerben.

"In Tansania sollten Unternehmen sich bei der Erlangung von Dorfflächen mit den Gemeinden beraten", erklärt Studienautorin Laura Notess vom WRI, "aber Unternehmen können das Recht auf Land erwerben, das als ‘allgemeines Land’ eingestuft wird - es sind keine Konsultationen erforderlich."

Rechtsstreit als enorme Belastung

Da die traditionellen Besitzrechte an Bedeutung verlieren, ziehen Gemeinden und Einzelpersonen immer häufiger vor Gericht. Die Verfahren ziehen sich häufig über Jahr. “Es ist eine erhebliche Belastung für arme Dörfer und Personen, die verschiedenen Dokumente und Genehmigungen zu erhalten”, sagt der tansanische Forscher Emmanuel Sullen vom Institute for Poverty, Land and Agrarian Studies in Kapstadt, Südafrika.

Unternehmen behalten daher in vielen Fällen die Oberhand. Doch der Landraub stößt immer häufiger auf Widerstand. In Tansania unterstützt die NGO Ujamaa Community Ressource Team den Kampf lokaler Gemeinschaften um ihr Land und damit ihren Lebensunterhalt. Mit Hilfe der NGO wehren sich nun die Maasai und die Hadzabe gegen Vertreibungen, die seit Jahrzehnten stattfinden.

Mit Erfolg: Seit 2003 hat das Ujamaa Community Ressource Team mehr als 200.000 Hektar Land für die lokalen Gemeinschaften gesichert. Ziel der Organisation ist es, über 970.000 Hektar Land im Norden Tansanias vor Übernahme durch Investoren zu schützen. "Wir sind zuversichtlich, unser Ziel wie geplant zu erreichen", sagt Edward Loure, Pionier der Initiative. Für sein Engagement wurde Loure im Jahr 2016 mit dem prestigeträchtigen Goldman Environmental Prize ausgezeichnet. (Ende)

Anmerkung: IDN ist die Flaggschiff-Agentur des International Press Syndicate.

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