Südsudan: Versöhnungskommission will Wunden schließen

Nach südafrikanischem Vorbild sollen Aussagen von Tätern und Opfern gehört werden

Von Charlton Doki | 12.06.2013

Juba. Susana Apai Wani hat ihren Mann zuletzt vor 20 Jahren gesehen. James Wani wurde damals von einem Polizisten abgeholt, der ihn der Kollaboration mit der damaligen Rebellenorganisation Sudanesische Volksbefreiungsbewegung (SPLM) beschimpfte. Die Regierung will nun eine nationale Versöhnungskommission ins Leben rufen.

Die Festnahme erfolgte an einem Abend im Mai 1992, als der Südsudan noch immer Teil des Sudans war und die Rebellen der SPLM, die heute Regierungspartei ist, für die Unabhängigkeit kämpften. In den 22 Jahren Bürgerkrieg, der 2005 zu Ende ging, sind zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen. Seit dem 9. Juli 2011 ist der Süden des Sudans ein unabhängiger Staat.

James Wani ist tot. Das weiß seine Witwe nicht von offizieller Seite, sondern von ehemaligen Mithäftlingen, die irgendwann freigelassen wurden. Sie hat dem Polizisten, den sie für den Tod ihres Mannes verantwortlich macht, nach eigenen Angaben längst vergeben. Allerdings würde sie gern mit ihm reden und wissen, "warum er als Südsudanese einem Südsudanesen so viel Leid angetan hat."

Elia Kwaje (Name von der Redaktion geändert) ist ein ehemaliger Kindersoldat der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA), dem bewaffneten Arm der SPLM. Er weiß, dass er im Krieg Schreckliches getan hat. "Einmal habe ich ein Mädchen vergewaltigt, ein anderes Mal eine schwangere Frau erschossen", sagt er. Wie er berichtet, schämt er sich für das, was er anderen angetan hat und würde liebend gern die Angehörigen seiner Opfer um Vergebung bitten.

Hoffen auf Vergebung

Die Möglichkeit könnte bald Realität werden, denn die südsudanesische Regierung will einen nationalen Heilungs- und Versöhnungsprozess nach dem Vorbild der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) auf den Weg bringen. Die TRC war von der südafrikanischen Regierung 1995 mit dem Ziel eingerichtet worden, um sowohl den überlebenden Opfern und den Tätern der Apartheid gleichermaßen die Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen.

Die südsudanesische Kampagne soll Ende des Jahres anlaufen. Sie fällt mit dem Beginn der Anhörungen durch den Präsidentschaftsausschuss für Frieden, Versöhnung und Toleranz zusammen. Der gesamte Versöhnungsprozess soll fünf bis zehn Jahre dauern. Erzbischof Daniel Deng Bul Yak wird den Ausschuss leiten, der sich vorwiegend aus Religionsführern zusammensetzt und die Aussagen von Opfern und Tätern anhören wird.

Auch wenn nicht vorgesehen ist, dass der Ausschuss Menschenrechtsverletzer und Kriegsverbrecher strafrechtlich verfolgt, so könnte es durchaus zu zivilrechtlichen Verfahren kommen. Doch in einem Land, in dem nach UN-Angaben 90 Prozent der zehn Millionen Menschen mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen müssen, ist dies jedoch eher unwahrscheinlich.

Wie der südsudanesische Vizepräsident Riek Machar erklärte, "müssen wir über Versöhnung reden und die Vergangenheit hinter uns lassen. Der Krieg hat uns alle traumatisiert." Im letzten Jahr hatte er sich bei den ethnischen Dinka Bor im Bundesstaat Jonglei für seine Rolle im Massaker von Bor entschuldigt. Machar war Chef der SPLA-Fraktion, die 1991 in Bor in Jonglei hunderte wenn nicht gar tausende Menschen getötet hatte. Machar und Lam Akol, ein weiterer Rebellenführer, hatten sich in jenem Jahr von der SPLA losgesagt. Machar gab seiner Fraktion später den Namen Südsudanesische Unabhängigkeitsbewegung.

Neben Bürgerkriegsverbrechen wird sich der junge Staat auch mit Viehdiebstählen befassen müssen, die sich leicht zu Massakern auswachsen können. Mehr als 1.000 Menschen fielen 2011 den Auseinandersetzungen zwischen den Murle und Lou Nuer in Jonglei zum Opfer. Mindestens weitere 900 Menschen starben bei den gewaltsamen Zusammenstößen von Dezember 2011 bis Februar 2012. Nach UN-Angaben wurden mindestens 120.000 Menschen durch interethnische Gewalt in Jonglei getötet.

Doch nach Ansicht von Alfred Lokuji, Professor an der Fakultät für Frieden und ländliche Entwicklung an der südsudanesischen Universität von Juba, sollten die Kriegsverbrecher in die Verantwortung für die von ihnen begangenen Gräuel gehen. Es reiche nicht aus, ihre Verbrechen mit dem Krieg zu entschuldigen.

Straffreiheit verbittert

Zivilgesellschaftliche Aktivisten begrüßen zwar die Idee einer Versöhnungskommission, sind aber der Meinung, dass der Gerechtigkeit unbedingt Genüge getan werden müsse. "Die fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen in Jonglei, wo es Streitereien um Vieh gibt und Menschen sterben, sollten nicht im Namen der Versöhnung vergeben werden", meinte Biel Boutros Biel von der Südsudanesischen Menschenrechtsgesellschaft für Verteidigung.

Dazu meinte Sarah Ajith James, Vorsitzende der Südsudanesischen Generalvereinigung, einem Dachverband der lokalen Frauenorganisationen, dass die landesweit unerhört hohe Gewalt die Frauen des Landes demoralisiere. Einige stellten sich angesichts der hohen Straflosigkeit bereits die Frage, warum sie überhaupt für die Unabhängigkeit gestimmt hätten. (afr/IPS)

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