Südsudan: Kriegsveteranen pflanzen für den Frieden

Landwirtschaftliche Genossenschaft erntet erste Früchte

Von Adam Bemma | 29.08.2014

Juba. Am Ufer des Weißen Nils, einem der beiden wichtigsten Zuflüsse des Nils, sechs Kilometer von der südsudanesischen Hauptstadt Juba entfernt, baut eine Genossenschaft aus Kriegsveteranen Gemüse an. Die gemeinsame Arbeit verstehen die Mitglieder als Beitrag zu Frieden, Versöhnung und Ernährungssicherheit in einem latent vom Hunger bedrohten Land.

Der 65-jährige Stadtrandbauer Wilson Abisai Lodingareng ist der Vordenker und Gründer des 'Werithior-Veteranen-Verbands' (WVA), der zurzeit aus 15 Farmern besteht. Jüngstes Mitglied ist ein 25-jähriger Veteranensohn. Die Gruppe bewirtschaftet eine fast 1,5 Hektar große Fläche.

"Unser Team besteht aus sieben aktiven Mitgliedern. Sie alle haben im südsudanesischen Befreiungskrieg für die Rebellenorganisation SPLA gekämpft", berichtet Lodingareng. Er selbst kommt einmal am Tag vorbei, um nach den Pflanzen zu sehen. SPLA steht für Sudanesische Volksbefreiungsarmee, die nach der Unabhängigkeit des Südsudans vom Sudan in die reguläre Armee umgewandelt wurde.

Einige WVA-Mitglieder wurden durch den jüngsten Konflikt vertrieben und leben im Schutzlager UN-Mission UNMISS in Juba. Seit Ausbruch der Kämpfe im vergangenen Dezember zwischen Soldaten, die dem Staatschef Salva Kiir anhängen, und Soldaten, die den ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar unterstützen, wurden 1,5 Millionen Südsudanesen zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht.

Langer Kampf um Anbaufläche

Wie Lodingareng berichtet, war es nicht leicht gewesen, an das von seiner Kooperative bewirtschaftete Grundstück heranzukommen. Flussgebiete seien sehr fruchtbar und bei internationalen Investoren gefragt. Fast drei Jahre lang habe es gedauert, bis ihm die Gemeinde das Land zugeteilt habe.

Inzwischen ist aus der Brache ein Gemüse- und Kräutergarten geworden. Der WVA produziert Okraschoten, Grünkohl, Corchorus (Juteblätter) und Koriander. "Das sind schnellwachsende Gemüsesorten, die nach zwei Monaten erntereif sind", erläutert Lodingareng. "Die Okras können wir sogar alle drei bis vier Tage pflücken."

Der WVA-Chef betrachtet Land als eine Ressource, die sinnvoll genutzt werden sollte. Deshalb liebäugelt er damit, auch das umliegende Land zu pachten. "Ich würde unser Angebot gern noch um Mais, Kartoffeln, Karotten und Auberginen erweitern", sagt er.

Simon Agustino ist Programmleiter des südsudanesischen Zentralkomitees der Mennoniten (MCC). "Wilson (Lodingareng, Anm.) kam in unser Büro und bat uns um Hilfe. Den Veteranen und ihren Familien ging es damals sehr schlecht. Als er damit begann, den Boden zu beackern, hielten die Leute das zunächst für Zeitverschwendung. Doch er gab nicht auf."

MCC stattete Lodingareng mit einem kleinen Startkapital aus, das für die Pacht, einen Schulungskurs, Saatgut, Dünger und Werkzeuge reichte. "Er bekam das Land und verkauft die Feldfrüchte inzwischen auf dem Markt. Dass sich ihm immer mehr Veteranen anschließen, zeigt, dass das Unternehmen prosperiert", meint Agustino, für den fest steht, dass Lodingareng nicht wie viele andere Veteranen Gefahr läuft, in die Kriminalität abzurutschen. "Er hat eine Vision."

"Ich für meinen Teil habe meinen Beitrag dazu geleistet, dass mein Land den Weg der Selbstbestimmung beschreiten konnte", sagt Lodingareng stolz. "Jetzt habe ich vor, hart zu arbeiten. Ich werde alles tun, um der Armut zu entkommen und die Situation meiner Familie zu verbessern."

Lodingareng hatte von 1985 bis 2008 auf Seiten der SPLA gekämpft. Als er vor sechs Jahren nicht in die Armee des jungen Staates aufgenommen wurde, besann er sich auf die Zeit, als er an der Makerere-Universität im ugandischen Kampala Wirtschaftswissenschaften studiert hatte. "Ich belegte einen Kurs und verfasste ein landwirtschaftliches Unternehmenskonzept. Land bedeutet schließlich Nahrung und die gemeinsame Nahrungsmittelproduktion bringt die Menschen zusammen."

Landwirtschaft soll das Land einen

Lodingareng gehört dem Hirtenvolk der Toposa an, die im Südosten des Landes leben. Seine Frau ist eine Nuer. Die Nuer und die Dinka sind die größten Ethnien im Südsudan.

"Wir wurden damals verfolgt", sagt der WVA-Chef. "Daraufhin versteckte ich meine Frau in der Stadt und brachte sie dann mit Hilfe des MCC nach Uganda." Als er nach Hause zurückgekehrt sei, habe er feststellen müssen, dass sein Hab und Gut geplündert worden sei.

Die WVA-Veteranen gehören unterschiedlichen Volksgruppen an. Mit ihrem gemeinsamen Projekt stellen sie unter Beweis, dass die Landwirtschaft ein Weg sein kann, die Südsudanesen zu einen.

Auch wenn Millionen Menschen derzeit auf der Flucht und vom Hunger bedroht sind – Lodingareng ist fest davon überzeugt, dass es nie zu spät ist, um Bauer zu werden. "Das schwierige politische Klima hat viele davon abgehalten, landwirtschaftlich aktiv zu werden. Würde jeder einen Garten anlegen, würde sich die politische Lage entspannen."

Der MCC denkt inzwischen darüber nach, mit der Hilfe des WVA ein Friedens- und Versöhnungsprogramm aufzulegen – mit Lodingareng als Zugpferd. "Er hat viele gute Ideen, wie sich der Konflikt beenden lässt", so Agustino. (afr/IPS)

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