Südsudan: Krieg frisst Wildtiere

Dramatischer Rückgang der Elefantenpopulation

Von Charlton Doki | 27.06.2014

Juba. Im Südsudan haben sich Staatspräsident Salva Kiir und sein ehemaliger Vize Riek Machar zwar auf ein Ende des Bürgerkriegs und die Bildung einer Übergangsregierung innerhalb der nächsten zwei Monate geeinigt. Doch für viele wildlebende Tiere kommt der Schulterschluss zu spät. Im jüngsten Land der Welt hat der Konflikt die Fauna stark dezimiert.

Wilderei ist seit jeher ein Problem im Südsudan. Doch Umweltschützern zufolge sind die Übergriffe auf wildlebende Arten seit dem Ausbruch der Kämpfe im vergangenen Dezember zwischen Kiir-getreuen und Machar-loyalen Soldaten dramatisch gestiegen. So haben Regierungstruppen, Rebellen und bewaffnete Zivilisten unzählige Wildtiere getötet oder mit ihnen illegal gehandelt.

Zwischen Januar und April des laufenden Jahres stellten südsudanesische Wildhüter große Mengen Elfenbein sicher. In einem Fall wurde ein ägyptischer Händler auf dem Internationalen Flughafen der südsudanesischen Hauptstadt Juba bei dem Versuch festgenommen, etliche Kilo Elfenbein außer Landes zu schaffen.

"Allein in diesen drei Monaten wurden 30 Elefantenzähne konfisziert. Weitere zwölf wurden bei einem Händler in Lantoto im Landkreis Yei im Bundesstaat Central Equatoria sichergestellt. Das bedeutet, dass mindestens 21 Elefanten abgeschlachtet wurden", meint Michael Lopidia von der 'Wildlife Conservation Society' (WCS) mit Sitz in New York, die den Schutz der wildlebenden Arten im Südsudan unterstützt. Im gleichen Zeitraum konnten bei einem gemeinsamen Einsatz von Wildhütern und Armeesoldaten mehr als 40 Kilo Wildfleisch und acht Leopardenfelle konfisziert werden.

"Seit Ausbruch des Konflikts hat sich die Wilderei in einem furchtbaren Ausmaß ausgebreitet. Rebellen und Regierungstruppen sind gleichermaßen beteiligt. Denn in den ländlichen Gebieten, in denen sie kämpfen, stehen ihnen außer Wild keine anderen Nahrungsmittel zur Verfügung", meint Generalleutnant Alfred Akuch Omoli, Berater des südsudanesischen Ministeriums für den Schutz wildlebender Arten und Tourismus.

Regierungsbeamten zufolge werden die Elefanten wegen ihrer Stoßzähne und ihres Fleisches erlegt, während Arten wie die Weißohr- und die Korrigumantilope oder der Riedbock ausschließlich als Fleischlieferanten gefragt sind. "Wer die Strecke zwischen Mangala und der Juba nahen Stadt Bor zurücklegt, kann beobachten, das sehr viel Buschfleisch am Straßenrand verkauft wird", berichtete der Generaldirektor für wildlebende Arten im Südsudan, Philip Majak, gegenüber einem lokalen Rundfunksender.

Wildhütern die Hände gebunden

Der derzeitige Konflikt erschwert Wildhütern die Arbeit. Die üblichen Routinepatrouillen in Wildparks und Wildtierreservaten können nicht mehr wie vorher durchgeführt werden. "Wildhüter haben ihre Einsatzgebiete verlassen, sodass kriminelle Banden in diesen Gebieten ungehindert ihr Unwesen treiben und Wildtiere erlegen können", erläutert Omoli. "Das wird sich bis zur Wiederherstellung des Friedens, der Rückkehr der Soldaten in die Kasernen und der Entwaffnung der Zivilisten kaum ändern."

Aus dem Ministerium für den Schutz wildlebender Arten und Tourismus ist zu erfahren, dass es vor dem 20-jährigen Krieg zwischen dem Nord- und Südsudan im damaligen sudanesischen Staatsgebiet um die 100.000 Elefanten gab. Doch nach Kriegsende 2005 waren es nur noch 5.000.

Im vergangenen Jahr hatte die WCS 34 Elefanten mit GPS-Ortungsbändern ausgestattet. Doch seit Januar konnten die Mitarbeiter keine Signale mehr empfangen. "Alles spricht dafür, dass die Elefanten nicht mehr leben. Als der Konflikt eskalierte, konnten wir ein Signal hinter der Rebellenfront im Bundesstaat Jonglei empfangen. Doch inzwischen dürfte auch dieser Elefant tot sein", befürchtet Michael Lopidia, der WCS-Vizedirektor für den Südsudan.

Die Verfügbarkeit von Waffen ist im Südsudan ein großes Problem. Bevor der Südsudan 2011 seine Unabhängigkeit erlangte, wurde die Zahl der dort im Umlauf befindlichen Waffen auf 1,9 Millionen bis 3,2 Millionen geschätzt. Zwei Drittel dieser meist kleinen oder leichten Waffen sollen sich in der Hand von Zivilisten befinden, wie aus einem im Februar 2012 veröffentlichten Bericht der Organisation 'Safer World' hervorgeht.

Doch angenommen wird, dass sich diese Zahl in den letzten drei Jahren vor allem wegen der starken Präsenz von Rebellen und Milizionären in den Bundesstaaten Jonglei und Upper Nile verdoppelt wenn nicht gar verdreifacht hat. Für den Nachschub vor allem an kleinen Waffen sorgen Händler aus den Nachbarländern.

Auch die ethnischen Auseinandersetzungen im Land behindern Maßnahmen zum Schutz der Wildtiere. Während der von dem Murle David Yau Yau angeführten Kämpfe im Landkreis Pibor in Jonglei wurden ganze Gemeinschaften und Wildhüter aus dem Boma-Nationalpark vertrieben. Dies brachte sämtliche Wildschutzaktiväten zum Erliegen.

Wilderer den Wildhütern überlegen

Ein weiterer beunruhigender Faktor ist die Tatsache, dass die Wildhüter waffentechnisch den hochgerüsteten Wilderern unterlegen sind. So stimmen der Südsudanesische Wildlife-Dienst und der WCS darin überein, dass die im Südsudan aktiven Wilderer schwer bewaffnet sind. "Als wir einmal unterwegs waren, um einen Wegweiser zu reparieren, sprachen wir mit sieben Rangern, die uns von mehr als zehn Wilderern berichteten, die mit G3-Automatikgewehren ausgestattet waren. Sie selbst verfügen über AK47-Sturmgewehre", meint Lopidia.

Im Südsudan fehlen Gesetze gegen die Wilderei und den Handel mit wildlebenden Arten. Obwohl die Wildhüter bereits mehrfach Wilderer festnehmen konnten, mussten diese später wieder freigelassen werden. "Es ist also wichtig, für Gesetze zu sorgen, die dann auch konsequent umgesetzt werden müssen", fordert Omoli.

Wildtierschutz als Entwicklungschance

Regierungsbeamte sind der Meinung, dass die Wildtiere des Südsudans wie Elefanten, Giraffen, Büffel, Weißohrantilopen, Gazellen, Riedböcke und Löwen dem Land Deviseneinkünfte beschaffen könnten. Der Wildlife-Tourismus habe das Potenzial, in zehn Jahren zehn Prozent zum südsudanesischen Bruttoinlandsprodukt beizutragen.

"Wir müssen planen und Strategien entwickeln. Wir sollten unsere Wildartenbestände identifizieren und Maßnahmen ergreifen, die ihren Schutz gewährleisten, sodass die jetzige und alle nachfolgenden Generationen profitieren. Wir brauchen einen Nationalplan", meint Leben Nelson Moro, Professor für Entwicklungsstudien an der Universität in Juba.

Das Ministerium für den Schutz wildlebender Arten und Tourismus arbeitet mit dem WCS an der Entwicklung eines Rechtsrahmens, der festlegt, wie mit Umweltsündern und Wilderern verfahren und der Tourismus vorangebracht werden kann.

Allerdings wird die Regierung auch nicht um die Finanzierung einer Sensibilisierungskampagne für die Bevölkerung herumkommen. Denn bisher hält sich das Verständnis der Südsudanesen für Maßnahmen zur Bekämpfung der Wilderei in Grenzen. So meint der 55-jährige Zachariai Lomude, der nach eigenen Angaben sein ganzes Leben Buschfleisch gegessen hat, dass er nicht daran denke, diese Gewohnheit aufzugeben. "Und es ist mir egal, ob das Töten wildlebender Tiere verboten wird oder nicht." (afr/IPS)

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