Südsudan: Junge Mädchen als Sühneopfer

Töchter werden als 'Blutgeld' weggegeben

Von Miriam Gathigah | 22.07.2015

Torit. Im Südsudan hat die Geschlechterungleichheit viele Gesichter. So ist das Risiko für Mädchen, an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt zu sterben, nach Angaben des Kinderhilfswerks 'Plan International' drei Mal höher als die Chance, die achte Schulklasse zu erreichen. Viele machen bereits in jungen Jahren Bekanntschaft mit mindestens einer Form geschlechtsbedingter Gewalt.

Dina Disan OlwenyDina Disan Olweny von der Nichtregierungsorganisation 'Coalition of State Women’s and Youth Organisations' kämpft gegen die verbreitete Praxis, Mädchen als Sühneopfer wegzugeben (Bild: Miriam Gathigah/IPS).

Im Bundesstaat Eastern Equatoria werden Mädchen häufig Opfer einer Praxis, wie sie fünf der zwölf lokalen Ethnien praktizieren: von ihren Familien als Sühneopfer weggegeben zu werden. "Wird jemand getötet, erwartet die Opferfamilie ein 'Blutgeld' als Entschädigung", berichtet Dina Disan Olweny von der Nichtregierungsorganisation 'Coalition of State Women's and Youth Organisations', die gegen solche Praktiken vorgeht.

"Die meisten Volksgruppen verlangen als Entschädigung für den Verlust eines Menschenlebens im Zuge häufiger Konflikte um Vieh und Weideflächen, von Racheakten und anderen Streitigkeiten 20 bis 30 Ziegen", sagt Olweny. "Doch da die wenigsten in der Lage oder gewillt sind, einen so hohen Preis zu bezahlen, ziehen sie es vor, ihre Töchter wegzugeben."

Laut der Kinderschutzexpertin Shanti Risal Kaphle werden junge Mädchen wie Ware oder Blutgeld behandelt, um den Frieden zwischen den Familien oder Gemeinschaften wiederherzustellen. "Die Mädchen werden ohne ihre Zustimmung weggegeben und sind Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung ausgesetzt."

Die Regierung weiß um diese Praxis. Sie hat als Entschädigung für ein Menschenleben einen Preis in Höhe von 500 US-Dollar festgesetzt. Doch vielen Opferfamilien ist dieser Preis nicht hoch genug, weshalb sie an der Praxis des Mädchentausches festhalten. Auch kommt es vor, dass die Mädchen mit einem Mann der Opferfamilie verheiratet werden, ohne dass diese ein Brautgeld bezahlen müssen. Oder aber das Mädchen wird für eine Herde Ziegen weiterverkauft.

Viele der Opfer sind erst fünf Jahre alt. Von ihnen wird erwartet, dass sie ihre Herkunftsfamilien vergessen und keinen Kontakt mehr mit ihnen haben, wenn der Tausch erst vollzogen ist. Für viele ändert sich das Leben zum Schlechteren. Die Gefahr ist groß, dass sie als Arbeitssklaven gehalten werden sowie sexueller, körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt sind. Olweny zufolge kommt es oft genug vor, dass sich die Mädchen dieser Hölle durch Selbstmord entziehen.

Reklamationsrechte

Im Bundesstaat Western Bahr El Ghazal gibt es die Tradition, Witwer für den Tod ihrer Frau zu entschädigen. Linda Ferdinand Hussein von der 'Women’s Organisation for Training and Promotion' schildert wie dies funktioniert: "Wenn die Frau eines Mannes aus welchen Gründen auch immer stirbt, kann der zurückbleibende Mann das von ihm bezahlte Brautgeld zurückverlangen. Da die wenigsten Familien zur Rückzahlung des Brautpreises bereit sind, bieten sie dem Mann eine der jüngeren Schwestern seiner Frau als Entschädigung an."

Vier Jahre nach der Unabhängigkeit des Südsudans schlagen Kinderschützer wie Hussein Alarm. "Geschlechtsbedingte Gewalt gegen junge Mädchen findet in allen Ausprägungen in Kriegs- und Friedenszeiten statt", sagte sie.

Ein am 30. Juni von der UN-Unterstützungsmission in der Republik Südsudan (UNMISS) veröffentlichte Studie stellt heraus, dass die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) und ihr nahestehende bewaffnete Gruppen eine Gewaltkampagne gegen die Bevölkerung des Südsudans losgetreten haben, die sich durch eine Brutalität und Intensität auszeichnet, die ihresgleichen sucht. So werden Mädchen vergewaltigt und sogar bei lebendigem Leib verbrannt.

Der Bericht 'The Girl Has No Rights: Gender-Based Violence in South Sudan' ('Das Mädchen hat keine Rechte: Geschlechtsbedingte Gewalt im Südsudan') zeigt die vielen Ungerechtigkeiten auf, mit denen sich junge Mädchen im Lande konfrontiert sehen.

Plan International zufolge werden 7,3 Prozent der Mädchen vor ihrem 15. Lebensjahr, weitere 42,2 Prozent im Alter von 15 bis 18 Jahren verheiratet. Obwohl 37 Prozent der Mädchen die Grundschule besuchen, wird sie von nur sieben Prozent beendet, und nur zwei Prozent besuchen eine weiterführende Schule. (Ende)

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