Südsudan: Hilfe für Opfer der LRA-Rebellen

Die Angst vor Kony bleibt

Von Raymond Baguma | 22.03.2013

Nzara. Der Krieg im Kongo hat Sungu Mizele nach Yambio verschlagen, einer Stadt im südsudanesischen Bundesstaat Western Equatoria. Auf dem Markt verkauft sie selbst gezogenes Obst und Gemüse. Im Durchschnitt kann sie mit den Erzeugnissen neun Dollar am Tag verdienen. Wenn es gut läuft, kommen auch schon mal über 30 Dollar zusammen.

Das Geld reicht, um sich und die sechs Kinder ihrer ermordeten Schwester satt zu kriegen. Außerdem ist die derzeitige Situation allemal besser als das Leben im Makpandu-Auffanglager, wo sie einst mit ihren Nichten und Neffen und weiteren 5.700 Flüchtlingen ausharren musste – allesamt Opfer der Rebellengruppe 'Lord's Resistance Army' (LRA) von Joseph Kony, die seit zwei Jahrzehnten für einen eigenen Gottesstaat in Uganda kämpft.

Der LRA werden schwere Menschenrechtsverletzungen angelastet. Überall dort, wo sie anzutreffen sind, werden Menschen ermordet und verstümmelt, Kinder zwangsrekrutiert und Frauen als Sexsklavinnen gehalten. Die Rebellengruppe, die ursprünglich aus Uganda stammt, operiert inzwischen in der Zentralafrikanischen Republik (CAR) und der Demokratischen Republik Kongo (DRC).

Im November 2010 fiel die LRA in Mizeles Heimatdorf Dungu im Nordosten der DRC ein. Zwar wurden sie und ihre sechs Nichten und Neffen am Tag darauf wieder freigelassen. Doch ihre ältere Schwester, die Mutter der Kinder, wurde bei dem Versuch erschossen, einem LRA-Kommandanten zu entkommen, der sie vergewaltigen wollte.

Vom Camp in die Hütte

Schon im Flüchtlingslager war Mizele fest entschlossen, ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie ging sparsam mit den Nahrungsmittelrationen der Hilfsorganisationen um, und es gelang ihr, den ein oder anderen Überschuss zu verkaufen. Sie durchforstete zudem die Wälder in der Nähe des Camps nach Feuerholz, das sie ebenfalls zu Geld machte. Auf diese Weise brachte sie die sechs Dollar Miete für eine grasbedeckte Hütte in Yambio, 44 Kilometer vom Flüchtlingslager entfernt, zusammen, wo sie nun mit ihrer Familie lebt.

"Als wir hier ankamen, startete ich ein kleines Unternehmen", schildert Mizele ihre Bemühungen um einen Neuanfang. Die Chancen, dass sie es schaffen könnte, sind gut, denn die LRA macht sich inzwischen rar im Südsudan. Viele Jahre waren sie von der DRC und CAR aus – meist zur Erntezeit – in den Bundesstaat Western Equatoria eingefallen.

Von Nzara aus, einem Außenposten in Western Equatoria, sind die Familien in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt, um dort Mais, Ananas, Sorghum und Erdnüsse anzupflanzen. In den lokalen Handelszentren laufen die Geschäfte gut. Lebensmitteläden und Kneipen sind dort bis spät in die Nacht geöffnet.

In Western Equatoria ist offenbar der Frieden eingekehrt. So geht aus dem 'LRA Crisis Tracker Report' der US-Nichtregierungsorganisationen 'Invisible Children' und 'Resolve' vom Februar hervor, dass von den 275 LRA-Angriffen im letzten Jahr kein einziger auf südsudanesischem Boden durchgeführt wurde. Die meisten ereigneten sich in der DRC und der Rest in der CAR.

Der Rückgang der LRA-Angriffe im Südsudan wird allgemein auf die Präsenz der ugandischen Armee (UPDF) in Nzara seit 2010 zurückgeführt. "Wir sind heilfroh, dass die ugandischen Soldaten hier sind. Ohne sie könnten wir weder anbauen noch ernten", sagt Reverend Samuel Enosa Peni von der Episkopalen Kirche des Sudans, im IPS-Gespräch.

Verstärkt wird die UPDF von der 'Regionalen Taskforce' (RTF), die von der Afrikanischen Union im letzten Jahr mit der Aufgabe betraut wurde, Jagd auf den LRA-Führer Kony zu machen. Die RTF setzt sich aus Soldaten der Länder Südsudan, DRC, CAR und Uganda zusammen. Allein Uganda hat 2.000 Soldaten bereitgestellt, die von 100 US-Militärberatern geschult werden.

Wie Peni berichtet, der auch Bischof der Diözese Nzara ist, haben die Menschen bis heute an den schweren Kriegstraumata zu tragen. Die Kirche sei bestrebt, ihnen zu helfen. "Die Menschen sind im Krieg geboren und aufgewachsen, und es ist wichtig, dass sie professionell betreut werden", meint der Geistliche. "Sie haben keine Hoffnung, und uns als Kirche kommt die Aufgabe zu, uns um sie zu kümmern. Viele sind gestorben, doch die Überlebenden müssen die Vergangenheit überwinden und nach vorne blicken."

Ehemalige LRA-Entführungsopfer erhalten häufig psychologischen Beistand, bevor sie in ihre Dörfer zurückgeschickt werden. Viele haben furchtbare Angst, von ihren Gemeinden abgewiesen zu werden.

Raphael Reba war vor sieben Jahren von LRA-Rebellen aus der Ortschaft Gangura Payam südöstlich von Yambio zwangsrekrutiert worden. Sie wurde einem LRA-Kommandanten, den sie nur unter dem Vornamen 'David' kannte, zur Frau gegeben und schwanger. 2010 setzte sich die Kleinfamilie von den LRA ab: David kehrte nach Uganda zurück, wo er sich ergab, Reba und der Sohn kehrten in den Südsudan zurück. Heute leben beide im Haus ihres Bruders und Reba verdient sich mit Gartenarbeit für andere Familien ein Zubrot.

Von Angehörigen geächtet

Reba wird bis heute von den traumatischen Erlebnissen und Verbrechen verfolgt, zu denen sie selbst gezwungen wurde. So musste sie nach einem Anschlag auf Aba in der Ostprovinz der DRC zwei Säuglinge töten und deren Blut trinken. Bis heute wird sie von der eigenen Familie geächtet. Und ihr Vater weigert sich, ihren inzwischen vierjährigen Sohn anzuerkennen.

"Wenn die Beleidigungen nicht aufhören, werde ich in das Lager der ugandischen Armee nach Nzara laufen, damit sie mich zum Vater meines Kindes bringen", sagt sie im Gespräch mit IPS. Sie wolle ihren Sohn vor den Anfeindungen schützen.

An der St.-Daniels-Comboni-Grundschule in Nzara betreuen Missionare zahlreiche LRA-Entführungsopfer. Wie Schwester Maria Teresa Carrasco gegenüber IPS erklärt, gibt es an ihrer Einrichtung 200 Kinder, deren Erinnerung an die schlimmen Verbrechen, zu denen sie in ihrer Gefangenschaft gezwungen worden seien, sie nicht zur Ruhe kommen lassen.

Die Comboni-Missionare leiten ferner das Regenbogen-Gemeindezentrum, das mehr als 3.000 ehemaligen Kindersoldaten hilft, ihr Leben in den Griff zu bekommen. In dem Zentrum erhalten auch ehemalige LRA-Zwangsprostituierte, die sich in Gefangenschaft mit HIV/Aids angesteckt hatten, psychologische Beratung und antiretrovirale Medikamente. "Doch geht uns leider immer wieder der Nachschub aus und wir müssen viel zu lange auf die Präparate warten", beklagt Carrasco

Nach Ansicht von Elia Richard Box, dem Bezirkskommissar von Nzara, werden die Menschen erst dann zur Ruhe kommen, wenn Rebellenchef Kony endlich gefasst sei. "Bis dahin wird sie die Angst vor einem erneuten Aufkeimen der Gewalt nicht verlassen.", sagt er. "Wir fürchten, dass sich die LRA in der DRC aufhalten und eines Tages zurückkehren könnte." (afr/IPS)

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