Südsudan: Flüchtlinge aus dem Norden verdursten

Internationale Hilfe unzureichend

Von Jared Ferrie | 21.06.2012

Juba. Im Südsudan verdursten sudanesische Flüchtlinge, seitdem in einem Auffanglager die Wasservorräte ausgegangen sind. Das Camp war dem Ansturm der vielen Menschen, die vor den bewaffneten Auseinandersetzungen im Sudan geflohen waren, nicht gewachsen.

Im sudanesischen Bundesstaat Blauer Nil liefern sich die Sicherheitskräfte heftige Kämpfe mit den Aufständischen der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung-Nord (SPLM-N). Die Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' (HRW) hatte bereits im April berichtet, dass flächendeckende Luftangriffe das Leben der Zivilbevölkerung gefährdeten.

Wie Voitek Asztabski von der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtet, sind etliche Flüchtlinge nach stundenlanger Wassersuche an Entkräftung und Durst gestorben. Dem Lager 'Kilometer 48' im südsudanesischen Bundesstaat Oberer Nil war am 11. Juni das Trinkwasser ausgegangen.

MSF beklagt seither den Tod von bis zu zehn Menschen pro Tag. In einer am 13. Juni verbreiteten Mitteilung hieß es, dass 15.000 Flüchtlinge, die sich noch in dem Lager aufgehalten hätten, gemeinsam 25 Kilometer weit bis zur nächsten Ortschaft gelaufen seien, in der es Wasser gegeben habe. Heftige Regenfälle und überflutete Straßen hatten verhindert, dass Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die Flüchtlinge in Lastern befördern konnten.

Ärztliche Hilfe für viele zu spät

"Wir haben beobachtet, wie Menschen an Dehydrierung starben", berichtet Asztabski per Satellitentelefon aus dem neu eingerichteten Lager 'Kilometer 18', wo eine begrenzte Menge Wasser zur Verfügung steht. Einige Flüchtlinge waren demnach so geschwächt, dass die Behandlung nicht mehr anschlug.

"Am Morgen des 12. Juni konnten wir die Menschen am Rande der Straße medizinisch versorgen und ihnen Rehydrationslösungen verabreichen", sagt die Medizinerin Erna Rijnierse. "Es war schockierend mit anzusehen, wie einige der Schwächsten beim Laufen zusammenbrachen und starben. Sie waren so dehydriert, dass sie noch nicht einmal eine Notbehandlung retten konnte."

Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR halten sich derzeit etwa 105.000 Sudanesen aus dem Bundesstaat Blauer Nil im südsudanesischen Oberen Nil auf. Weitere 15.000 Menschen sind auf dem Weg dorthin.

Wie Asztabski erklärt, sind die ankommenden Flüchtlinge unterernährt, dehydriert und krank. Viele von ihnen leiden an Durchfall, Lungenentzündung und anderen Infektionen der Atemwege, da sie ungeschützt unter freiem Himmel schlafen mussten.

Der MSF-Koordinator fordert 'proaktive' Maßnahmen. Hilfsorganisationen seien bisher nur in der Lage, auf die Katastrophe zu reagieren. So ist völlig ungewiss, was geschehen wird, wenn das Wasser auch im Lager 'Kilometer 18' zur Neige geht. Damit ist in etwa zweieinhalb Wochen zu rechnen.

Bereits vor Monaten hatten Hilfsorganisationen gefordert, die Flüchtlinge an andere Orte zu bringen, bevor die Regenzeit beginne und die Wasservorräte aufgebraucht seien. Im März bezeichnete Andrew Omale von 'Oxfam International' die Situation der Flüchtlinge im Bundesstaat Oberer Nil als 'vergessene Notlage' und forderte mehr Unterstützung.

Nach Ansicht von Asztabski verfügen die Organisationen weiterhin weder über die erforderlichen Kapazitäten noch über die Ressourcen. Er vergleicht das Ausmaß der Krise im Südsudan mit der Lage in Ostafrika vor einem Jahr, als die Hungersnot in Somalia zahlreiche Flüchtlinge über die Grenze nach Äthiopien und Kenia trieb.

Im Südsudan seien die Mittel allerdings noch knapper, warnt er. "Die Krise braucht mehr Aufmerksamkeit und mehr Geld."

 Flüchtlingszustrom seit dem vergangenen September

Die ersten Flüchtlinge waren im September aus dem Blauen Nil in den Südsudan und nach Äthiopien geströmt, nachdem der Gouverneur des Bundesstaates, Malik Agar, gestürzt und durch einen Militär ersetzt worden war. Seitdem kämpfen Agars Truppen gegen die sudanesische Regierung. Laut HRW leiden unter den Militäreinsätzen vor allem Zivilisten.

In dem im April veröffentlichten Report dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Fälle von willkürlichen Festnahmen, extralegalen Hinrichtungen, Schlägen und Folter. Nach Angaben von HRW verfolgen die Regierungstruppen gezielt Personen, die sie mit Agrars SPLM-N in Verbindung bringen. Die Gruppe operiert im Bundesstaat Blauer Nil und im benachbarten Süd-Kordofan. Von dort aus sind nach UN-Angaben etwa 47.000 Menschen in den Südsudan geflohen.

Die Rebellen gehörten früher der SPLM an, die in einem 20-jährigen Bürgerkrieg gegen die Regierung in Khartum gekämpft hatte. Als der Süden im vergangenen Juli seine Unabhängigkeit erklärte, fügte die SPLM ihrem Namen das 'Nord' hinzu und klärte sich zu einer politischen Partei Sudans. Die Gruppe griff aber schon bald wieder zu den Waffen, nachdem sie sich von der Regierung attackiert sah.

Die Regierung des Sudan streitet ab, im Kampf gegen die SPLM-N gegen Zivilisten vorzugehen. Die Regierungen Großbritanniens und der USA sowie Menschenrechtsorganisationen forderten Khartum jedoch auf, ihre Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung einzustellen. (afr/IPS)

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