Südsudan: "Bäume können wir nicht essen"

Nahrungsmittelproduktion verschlingt die Wälder

Von Charlton Doki | 06.06.2012

Juba. Der Südsudan verliert seine Wälder. Die Chancen, den Besorgnis erregenden Trend aufzuhalten, sind angesichts der immensen Herausforderungen, mit denen sich der jüngste Staat der Welt konfrontiert sieht, verschwindend gering. Auch konnte sich die Regierung bislang auf keine politische Linie einigen, um zu retten, was zu retten ist.

Laut einer Untersuchung des Agrar- und Waldministeriums von 2009 ist der Südsudan zu 29 Prozent – 191.667 Quadratkilometer – bewaldet. Die UN-Agrarorganisation FAO gibt den jährlichen Waldschwund infolge landwirtschaftlicher Aktivitäten mit bis zu 2.776 Quadratkilometer an.

Das Vorrücken der Landwirtschaft in die Waldgebiete begann 2005 nach der Unterzeichnung des Umfassenden Friedensabkommens, das den 1983 ausgebrochenen Bürgerkrieg zwischen dem damaligen Süd- und dem Nordsudan offiziell beendete. Im Juli 1911 erlangte der Südsudan seine Unabhängigkeit.

Doch seitdem hat sich das Problem des Waldverlustes durch die gigantische Rückkehrerwelle verschärft. Nach UN-Angaben sind in den vergangenen 18 Monaten allein aus dem Sudan 350.000 Menschen zurückgekehrt. 

Die Regierung in Juba stellt den Heimkehrern Agrarland zur Verfügung. In vielen Fällen haben die Menschen damit begonnen, Wälder in Felder umzuwandeln. Betroffen sind vor allem die landwirtschaftlich produktiven Bundesstaaten Eastern, Western und Central Equatoria und die Bundesstaaten Western und Northern Bahr al Ghazal im Norden des Landes.

Zwischen den Stühlen

Wie Victor Wurda Lotome, ein hoher Beamter im südsudanesischen Umweltministerium, gegenüber IPS erklärte, helfen die Investitionen in die Landwirtschaft der Wirtschaft des Landes zwar auf die Beine. Gleichzeitig jedoch könnten die Umweltschäden den finanziellen Nutzen zunichte machen.

"Es ist sicher wichtig, dass wir die Nahrungsmittelproduktion steigern und Nahrungssicherheit gewährleisten. Doch ebenso wichtig ist die ökologische Nachhaltigkeit. Es muss Sicherheitsnetze geben, um die Menschen vor Dürren infolge der Umweltzerstörung zu schützen", so George Okech, der FAO-Landesdirektor für den Südsudan.

Doch nach Ansicht der südsudanesischen Agrar- und Waldministerin Betty Achan Ogwaro ist es für die Bauern in der waldreichen Äquatorialregion unmöglich, Land zu kultivieren, ohne den Baumbestand zu verringern. "Ich denke, wir sollten nur zehn Prozent der Bäume stehen lassen, um unseren Bauern mehr Platz für den landwirtschaftlichen Anbau zu geben."

Ogwaro zufolge benötigen die Farmer Traktoren, um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. Die Maschinen ließen sich aber nur in baumlosen Gebieten einsetzen. "Die Menschen wollen Traktoren. Wir sagen ihnen, dass sie erst roden müssen, bevor sie sie einsetzen können."

Dem Umweltexperten Isaac Woja zufolge bewirtschaften die Kleinbauern des Landes im Durchschnitt 0,2 bis 0,4 Hektar große Parzellen, auf denen sie für den Eigenbedarf produzieren. Doch angesichts des Bevölkerungsanstiegs werde sich die Anbaufläche vergrößern müssen. "Werden die Böden nicht nachhaltig bewirtschaftet, droht Landverödung", warnte er.

Den Einschlag der Wälder rechtfertigen Heimkehrer damit, dass das Land ihrer Vorfahren bereits übernutzt ist. "Mir wurde schnell klar, dass sich gute Ernten nur auf ungenutzten Böden erzielen lassen", sagte Michael Lodiong, der 2006 nach 20 Jahren im ugandischen Exil in den Bezirk Kajo Keji in Central Equatoria zurückgekehrt ist.

Das war der Grund, warum er sein Feld im A'baya-Wald angelegt hat. Auf dem Land seiner Vorväter konnte er gerade einmal 100 Kilo Mais ernten, auf dem knapp 0,8 Hektar großen Feld im A'baya-Wald bringt er es auf 1.500 Kilo.

"Bäume können wir schließlich nicht essen"

Ähnliche Erfahrungen hat Gordon Sebit gemacht, der 2007 nach Lainya in Central Equatoria zurückgekehrt ist. Er hat es gar nicht erst in seinem Heimatdorf versucht, sondern ist gleich in den Dongoro-Wald gezogen. "Natürlich sagt man mir häufig, dass ich keine Bäume roden soll. Doch schließlich können wir Bäume nicht essen."

Auch die kommerzielle Landwirtschaft ist in Western, Eastern und Central Equatoria und in Western und Northern Bahr al Ghazal auf dem Vormarsch. Dort stecken ausländische Unternehmen und die Regierung hinter dem Holzeinschlag.

Einem Berater des Landwirtschafts- und Forstministeriums zufolge, der sich Anonymität ausbat, haben seit 2007 ausländische Unternehmen, Regierung und Einzelpersonen mindestens 26.400 Quadratkilometer Land für Agrar- und Biotreibstoffprojekte erworben.

Im Bundesstaat Central Equatoria wurden große Gebiete mit Bulldozern für die Maisproduktion gerodet. Aus einer Quelle im Landwirtschafts- und Forstministerium war zu erfahren, dass es sich dabei um das Projekt einer kanadischen Firma handelt. Auch in den Verwaltungsbezirken Juba und Terekeka in Central Equatoria und in Yambio in Western Equatoria werden Gebiete gerodet.

Doch nicht nur die Landwirtschaft, auch der fehlende Zugang der städtischen und ländlichen Bevölkerung zu alternativen Energieträgern fördert den Kahlschlag. Nach offiziellen Angaben sind für fast 99 Prozent der acht Millionen Südsudanesen Feuerholz und Holzkohle die wichtigsten Energiequellen.

Nach Aussagen des Forstbeauftragten von Central Equatoria, Gideon Samuel, sind Verwendung und Produktion von Holzkohle zum Teil gesetzlich geregelt. So darf Holzkohle nur aus Bäumen gewonnen werden, die für landwirtschaftliche Zwecke gerodet wurden. Da aber die finanziellen Mittel fehlen, um die Einhaltung der Gesetze zu überprüfen, und der Bedarf nicht aus anderen Energiequellen gedeckt werden kann, lässt sich eine nachhaltige Holzkohleproduktion nicht gewährleisten.

Lebensunterhalt durch die Holzkohleproduktion

Im Südsudan leben viele Menschen von der Herstellung von Holzkohle. Generino Akita, ein Bauer im Verwaltungsbezirk Juba, ist seit einigen Jahren im Geschäft. Seine Arbeiter fällen jede Woche mehr als 100 Bäume, um mindestens 50 Säcke Holzkohle bereitstellen zu können.

Vor vier Jahren hat sich der Bauer Marko Ladu auf die Holzkohleproduktion verlegt. Inzwischen ist sie seine einzige Erwerbsquelle. "Ich habe sechs Kinder, die ich satt kriegen muss", sagte er. "Es gibt keine Jobs. Was also bleibt mir anderes übrig?" (afr/IPS)

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