Südsudan: AIDS-Kranke haben kaum Chance auf Therapie

Schwieriger Kampf gegen HIV im kriegsverwüsteten Land

Von Charlton Doki | 21.11.2014

Juba. Sabur Samson hat die Fahrt im 'Bodaboda', einem Motorradtaxi, zum HIV-Zentrum des Zivilkrankenhauses in Maridi im südsudanesischen Bundesstaat Western Equatoria umgerechnet sechs US-Dollar gekostet. Das heißt für die 27-Jährige, dass sie in den nächsten Tagen mit weniger Nahrungsmitteln auskommen muss.

Two mothers and their children look to shore after arriving by boat to Mingkaman, Awerial County, Lakes State, South Sudan. In less than a month close to 84,000 fleeing the fighting in Bor have crossed the river Nile. Credit: Mackenzie Knowles-Coursin/IPSVertriebene Frauen mit ihren Kindern auf einem Boot nach Minkaman: In den Flüchtlingslagern im Südsudan verbreitet sich das HI-Virus besonders schnell (Bild: Mackenzie Knowles/Coursin/IPS).

Hilfe hat die blinde und alleinerziehende Mutter zweier Kinder nicht zu erwarten. "Viele meiner Nachbarn bleiben aus Angst, sich anzustecken, auf Distanz", sagt Samson.

Gleich neben ihr sitzt Khamis Mongo, die genau weiß, wovon Samson spricht. "Es gibt Menschen, die würden niemals von meinem Teller essen", sagt die 32-Jährige. Die beiden Frauen gehören zu fast den 1.000 HIV-Patienten des Zentrums, von denen ein Viertel in den Genuss einer antiretroviralen Therapie (ART) kommt. Landesweit haben nur zehn Prozent aller AIDS-Kranken Zugang zu den lebensverlängernden Medikamenten.

Viele Patienten nehmen bis zu 100 Kilometer lange Wege in Kauf, um zum Zentrum zu gelangen. "So viele müssen sterben, weil sie sich die Fahrtkosten nicht leisten können, die sie aufbringen müssen, um die Arzneien abzuholen", berichtet die Klinikmitarbeiterin Suzie Luka. Eine 80 Kilometer lange Fahrt im Bodaboda von Ibba nach Maridi verschlingt umgerechnet 47 Dollar.

Das Gesundheitszentrum in Maridi ist ein Mikrokosmos. Die Anlaufstellen für HIV/AIDS-Patienten in anderen Landesteilen haben ähnliche Schwierigkeiten, der Epidemie Herr zu werden. Das liegt nicht zuletzt an den schlechten Voraussetzungen, die Immunschwäche zu bekämpfen.

Das mit dreieinhalb Jahren jüngste Land der Welt hat einen 21-jährigen bewaffneten Konflikt gegen den Norden – dem Sudan – hinter sich, der dem Süden miserable Werte bei der menschlichen Entwicklung beigebracht hat. Und seit der Traum von einem dauerhaften Frieden in einem unabhängigen Südsudan nach dem Ausbruch der politischen und ethnischen Machtkämpfe ausgeträumt ist, hat sich die Lage an der HIV/AIDS-Front weiter verschlechtert.

150.000 Südsudanesen HIV-infiziert

Dem AIDS-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS) zufolge sind derzeit 150.000 Südsudanesen HIV-positiv. Die nationale HIV-Prävalenz liegt bei unter drei Prozent und steigt beständig an. Im letzten Jahr kam es im Zusammenhang mit HIV/AIDS zu 12.500 Todesfällen, weitere 15.400 Menschen steckten sich an. 72.000 Südsudanesen sind dringend auf ARTs angewiesen.

Evelyn Letio vom Südsudanesischen Netzwerk HIV-positiver Menschen führt die Schwierigkeiten, das HIV-Problem in den Griff zu bekommen, auf eine Vielzahl von Faktoren zurück. Dazu gehören zum einen der fehlende oder reduzierte Zugang zu qualitativ hochwertigen Dienstleistungen und zum anderen die Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen und insbesondere der Frauen.

"Gemeindeführer sind schnell mit Scheidungen einverstanden, wenn eine Frau HIV-positiv ist und ihr Mann will, dass sie das Haus verlässt", weiß Letio. "Ist ein Mann HIV-positiv, dann wird den Frauen untersagt, das Haus zu verlassen. Sie sollen den Kranken schließlich pflegen."

Auch wenn die Regierung Berichte über eine Diskriminierung von HIV-Positiven zurückweist, so ist es doch eine Realität, dass Menschen, die als HIV-positiv geoutet werden, ihren Job verlieren. "Die Betroffenen werden zudem als 'lebende Leichen' bezeichnet", so Letio.

Inadäquate finanzielle, infrastrukturelle und menschliche Ressourcen schränken die Bemühungen, die HIV-Versorgungsleistungen auf andere Betroffene auszuweiten, weiter ein. Der nationale HIV-Plan ist zu 80 Prozent unterfinanziert.

Mongo und Samson berichten, dass der Klinik in Maridi häufig die Medikamente ausgehen. Das bedeutet, dass zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen müssen. Oder aber das Krankenhauspersonal bleibt weg, nachdem es über Monate nicht bezahlt worden ist.

"Mit der Behandlung gibt es Probleme", räumt Habib Daffalla Awongo ein. Der Beamte ist in der Südsudanesischen AIDS-Kommission für die Programmkoordinierung zuständig. Schon vor dem Ausbruch der jüngsten Kämpfe seien nur 22 Gesundheitszentren in der Lage gewesen, ARTs anzubieten.

Im Dezember hatten die besonders von der Gewalt betroffenen ART-Zentren in Bor, Malakal und Bentiu, schließen müssen. Was aus den 1.140 Patienten geworden ist, bleibt unklar. Die meisten von ihnen dürften die ART unterbrochen haben, was sie wiederum in Lebensgefahr bringt. "Wir haben viele Patienten durch den Konflikt verloren. Einige sind in den Kämpfen gestorben, andere in friedlichere Regionen abgewandert", weiß Awongo.

Nach UN-Schätzungen hat der Ausbruch des jüngsten Konflikts im Dezember 2013 1,9 Millionen Menschen vertrieben. Ein Teil ist in die Nachbarländer geflohen, während 1,4 Millionen in 130 Flüchtlingslagern innerhalb des Südsudans ausharren. Für 70 Prozent sind die Hilfszentren aufgrund ihrer geographischen Entfernung unerreichbar, wie eine Studie der HIV/AIDS-Allianz (*.pdf) herausfand. Das Land sei aufgrund seiner geringen menschlichen Ressourcen und der begrenzten organisatorischen und technischen Möglichkeiten gar nicht in der Lage, angemessen auf die HIV/AIDS-Gefahr zu reagieren.

Hohe Ansteckungsgefahr in den Lagern

Mehrere Flüchtlingslager sind in der südsudanesischen Hauptstadt Juba entstanden. Dort reihen sich Zelte an Zelte und bieten insgesamt 31.000 Vertriebenen provisorischen Schutz. Einer von ihnen ist Taban Khamis (Name von der Redaktion geändert), der vor den Kämpfen aus der Ölstadt Bentiu, 1.000 Kilometer nördlich von Juba, geflohen ist. Auch er sah sich dazu gezwungen, die ART zu unterbrechen. Obwohl er weiß, dass sich sein Zustand sehr schnell verschlechtern wird, will er sich aus Angst vor einer Stigmatisierung nicht an die HIV-Klinik im Lager wenden. "Das Camp ist voll. Es gibt keine Privatsphäre", meint er. "Jeder wird wissen, dass ich HIV-positiv bin."

Ausgerechnet in den Lagern verbreitet sich das Virus besonders schnell. Das weiß auch Awongo. "Wir ermutigen die Menschen, sich außerhalb medizinische Hilfe zu holen. Doch passiert das nicht."

Hauptursachen für die Verbreitung der Krankheit sind frühe sexuelle Aktivitäten, ein geringes Wissen über HIV und den Einsatz von Kondomen, Vergewaltigungen, geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen, eine hohe Rate sexuell übertragbarer Krankheiten und die Stigmatisierung der Betroffenen. (afr/IPS)

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