Südafrika: Korruption und Ungleichheit bekämpfen

Interview mit Buchautor Hlumelo Biko

Von Kristin Palitza | 06.03.2013

Kapstadt. Hlumelo Biko ist der Sohn des prominenten Apartheidgegners und Begründers der Black-Donsciousness-Bewegung, Steve Biko. In seinem neuen Buch 'The Great African Society – A Plan for Nation Gone Astray' erklärt Hlumelo Biko, dass Südafrika in Korruption, Verbrechen, sozialen Problemen, Hoffnungslosigkeit und Angst versinken wird, wenn sich im Land nichts ändert.

Fast zwei Jahrzehnte nach der Abschaffung der Apartheid kämpft Südafrika mit massiver Armut, hoher Arbeitslosigkeit und einem auseinanderfallenden Bildungs- und Gesundheitssystem. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet habe sich die südafrikanische Gesellschaft nicht verändert, sagt Biko im Exklusivinterview mit IPS. Und dort, wo eine Transformation stattgefunden habe, sei sie politisch vereinnahmt worden.

"Denjenigen mit engen Verbindungen zur regierenden Partei hat man erlaubt, voranzukommen. Die anderen konnten sich nicht verbessern", kritisiert Biko, Leiter der privaten Investmentfirma 'Spinnaker Growth Partners'. "Wir müssen endlich eine Gesellschaft schaffen, die harte Arbeit belohnt."

Politik ist für Biko ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Seine Mutter, die Ärztin und Geschäftsfrau Mamphela Ramphele, war ebenfalls eine bekannte Anti-Apartheid-Aktivistin. Außerdem ist sie eine ehemalige Direktorin der Weltbank. Es folgt das Interview in Auszügen.

IPS: In Ihrem Buch analysieren Sie, wie Südafrika zu dem wurde, was es heute ist: eine Nation, die durch wirtschaftliche Ungleichheit zerstört wurde. Würde sich Ihr Vater im Grab umdrehen?

Hlumelo Biko: Ich denke nicht, dass er darüber glücklich wäre. Und Menschen wie meine Mutter sitzen nicht untätig herum und sehen zu. Wir haben ein paar Politikern das Feld überlassen und ihnen erlaubt zu handeln. Dann schauen wir zurück und denken: "Oh je, was ist bloß geschehen?" Die Südafrikaner müssen wieder genau aussprechen, wie ihre Zukunft aussehen soll, damit wir alle die Zukunft dieses Landes gestalten können.

IPS: Ihre Mutter hat kürzlich die neue politische Partei 'Agang' gegründet, als Gegengewicht zum regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC). Sind Sie Mitglied dieser neuen Partei?

Biko: Nein, bin ich nicht. Ich werde ihr auch nicht beitreten. Aber als Sohn unterstütze ich meine Mutter. Wir haben ähnliche politische Ansichten. Ich habe dieses Buch geschrieben, um Strategien anzubieten, die sowohl die amtierende Regierung als auch andere politische Parteien verwenden und für ihre Politik nutzen können. Ich hoffe, dass auch meine Mutter einige der von mir vorgeschlagenen Mechanismen für ihre Plattform gebrauchen kann.

IPS: Eine der Hauptthesen in Ihrem Buch lautet, dass Südafrika besser regiert werden muss.

Biko: Für eine effiziente Regulierung braucht man kompetente Leute. Es sollte dabei keine Rolle spielen, was wer vor dem Ende der Apartheid 1994 getan hat. Denn das führt nur dazu, dass manche Menschen andere klein halten. Wir müssen darüber hinauswachsen und uns auf fachliches Können konzentrieren. Volkswirtschaften wie in China verdanken ihren Erfolg nicht zuletzt dem Umstand, dass ihre Regierungen extrem qualifiziert sind – ob dies einem nun gefällt oder nicht. Sie sind in der Lage, effiziente Strategien voranzutreiben.

IPS: Sie haben eine 'stille' Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Korruption vorgeschlagen. Warum soll sie still sein?

Biko: Wenn man Menschen beschämt und ihre Name nennt, hält man sie davon ab, sich zu outen. Schlechte Staatsdiener, die den Staat bestohlen haben, lassen sich leicht mit Amnestien loswerden. Ich schlage vor, ihnen in Aussicht zu stellen, dass sie das gestohlene Geld behalten können, wenn sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums gehen. Es dauert ohnehin viel zu lange, das Geld auf dem Rechtsweg wiederzuerlangen. Es empfiehlt sich also, diesen Personen einen Anreiz zu geben, damit sie ihre Posten aufgeben. Danach sollten wir jede Korruption gnadenlos verfolgen.

IPS: Sie sind der Ansicht, dass die Privatwirtschaft dabei helfen sollte, die größten Herausforderungen für das Land zu meistern. Werden Unternehmen dazu bereit sein, so viel soziale Verantwortung zu übernehmen?

Biko: In anderen Ländern vielleicht nicht, in Südafrika schon. Denn wir verfügen über die Gesetze des 'Black Economic Empowerment' (BEE), die die Firmen bereits seit 20 Jahren beachten müssen. Sie sind somit daran gewöhnt. Sie wollen mitbestimmen, für was ihr Geld ausgegeben wird. Ich schätze, dass in den nächsten Jahren noch etwa 500 Billionen Rand (56 Milliarden US-Dollar) für die Umsetzung der BBE (der Stärkung der wirtschaftlichen Rechte der schwarzen Bevölkerungsmehrheit) erforderlich sein werden. Anstelle von Investitionen in die BEE-Unternehmen schlage ich jedoch vor, den Firmen zu erlauben, ihr Geld direkt der Bevölkerung zukommen zu lassen, etwa durch Initiativen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Fortbildung. Das würde auch im langfristigen Interesse ihrer Anteilseigner liegen. Denn wenn sich die Bildung verbessert, wird auch die Wirtschaft davon profitieren.

IPS: Sie werfen Südafrika angesichts der eigenen Zukunft einen "selbstgefälligen Optimismus" vor. Was meinen Sie damit?

Biko: Für vielleicht fünf Millionen der insgesamt 50 Millionen Südafrikaner ist es großartig, in diesem Land zu leben. Es gibt wundervolle Einrichtungen und eine wundervolle Infrastruktur. Werden jedoch die übrigen 45 Millionen weiter ignoriert und setzen wir uns nicht mit der Realität auseinander, wird ein opportunistischer Politiker irgendwann ein fruchtbares Terrain vorfinden. Wir können von Glück reden, dass die Armen im Land so viel Geduld haben. Doch ist zu befürchten, dass sich auch diese Geduld bald erschöpfen wird. Deshalb ist es wichtig, jetzt für Veränderungen zu sorgen. (afr/IPS)

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