Südafrika: Kleinbäuerin gegen Agrobusiness

Selinah Mncwango kämpft für ihr Saatgut

Von Kristin Palitza | 10.05.2012

Kapstadt. Selinah Mncwango aus der südafrikanischen Ostküstenprovinz KwaZulu-Natal fühlt sich von der Regierung in Pretoria im Stich gelassen. Seit Generationen bewirtschaftet ihre Kleinbauernfamilie im Dorf Ingwawuma ihr Land mit dem traditionellen Saatgut ihrer Heimat. Inzwischen bringen staatlich geförderte Monokulturen zur Produktion von Exportgetreide diese bäuerliche Tradition in arge Bedrängnis.

Mncwangos ganzer Stolz ist ihr großer Beutel mit sorgfältig in einzelnen Tüten verpackten Saatgutsorten wie Hirse, Bohnen, Kürbis und Mais. Sie stammen aus eigener Zucht oder aus dem Tausch mit Nachbarn. "Meine eigenen Samen sind sehr wichtig für mich, hoffentlich muss ich niemals andere im Laden kaufen", erklärte die 65-jährige Kleinbäuerin. Ihre fünf Kinder und acht Enkelkinder sind auf ihre Ernten angewiesen.

Die Bäuerin weiß, wie wichtig es ist, traditionelles Saatgut aufzubewahren und zu tauschen. Es geht schließlich darum, die Artenvielfalt zu erhalten und Kleinbauern bei Missernten ein Sicherheitsnetz zu bieten.

Dennoch befürchten Wissenschaftler, dass die traditionelle Landwirtschaft verschwindet, obwohl sie weniger auf Bewässerung angewiesen ist, sich dem Klimawandel besser anpasst und die Böden weniger auslaugt. Schuld daran ist die staatliche Agrarpolitik, die auf die Förderung kommerziell nutzbarer Monokulturen setzt in der Hoffnung, dass sich dadurch höhere Erträge erzielen lassen, die wiederum gewinnbringend exportiert werden können.

Tummelplatz für große Konzerne

"Im Agrarsektor wimmelt es von Konzernen, die Saatgut verkaufen und industrielle Agrarproduktion vermarkten", stellte Rachel Wynberg fest. Sie arbeitet als Analystin in der Abteilung für Umwelt-Evaluierung der Universität von Kapstadt. "Kleinbäuerliche Betriebe stören in diesem Umfeld nur und werden von denen, denen Profit wichtiger ist als eine gesicherte Nahrungsmittelversorgung, systematisch vom Markt gedrängt. Weil die traditionellen Rechte der Kleinbauern weithin unbekannt sind, werden sie seit Jahrzehnten ausgehöhlt." Das Rahmenwerk der südafrikanischen Regierung für die Rechte von Kleinbauern kritisiert die Wissenschaftlerin als "unklares Stückwerk".

Der seit 2006 existierende internationale Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (IT-PGRFA), der das traditionelle Wissen der Bauern schützt, wurde bislang weder von Südafrika noch von zahlreichen anderen afrikanischen UN-Mitgliedern unterzeichnet. Darin wird der Beitrag der Bauern zum Erhalt der Vielfalt der Ernten anerkannt, ihre Beteiligung an Entscheidungen über genetische Ressourcen gefordert und ihre Rechte auf Nutzung, Tausch und Verkauf von Saatgut garantiert.

Mncwango, die sich zum Schutz traditioneller Anbaumethoden in ihrer Gemeinde um die Kooperation vieler Farmer bemüht, wirft der südafrikanischen Regierung vor, die Kleinbauern zu übergehen.

"Vertreter des Landwirtschaftsministeriums veranstalten bei uns regelmäßig Workshops. Sie drücken uns genetisch manipuliertes Saatgut und Hybridsaaten in die Hand und fordern uns auf, unsere traditionellen Saaten wegzuwerfen. Doch viele Farmer haben bereits bittere Erfahrung mit der schlechten Qualität von Hybridsamen gemacht. Das Saatgut lässt sich nicht gut lagern, verdirbt schnell und hat einen geringeren Nährwert als unsere Pflanzen" erklärte die erfahrene Kleinbäuerin.

"Anstatt uns weiterhin dieses Saatgut aufzuzwingen, sollte die Regierung uns wirklich unterstützen, indem sie uns Zäune und Ackergerät liefert und unseren Zugang zu den Märkten verbessert", forderte sie und klagte: "Doch sie hört einfach nicht auf uns."

Behörden als Agenten der Agrochemiekonzerne

Lawrence Mkhaliphi, Experte für Agroökologie der Nichtregierungsorganisation 'Biowatch', arbeitet seit vielen Jahren mit Farmern in KwaZulu-Natal zusammen. Die Agrarbehörden seien zu Agenten der Agrochemiekonzerne geworden, kritisierte er. "Das ist ein Riesengeschäft. Die Bauern sollen dazu gebracht werden, immer wieder neues Saatgut zu kaufen anstatt es zu bewahren", meinte er.

Julian Jaftha, der im Landwirtschaftsministerium die Abteilung für genetische Ressourcen leitet, wies die Vorwürfe zurück. Es gebe ein nationales Programm zur Wiedereinführung traditioneller Saaten in ländlichen Gebieten, erklärte er. Zudem gebe es in Pretoria ein Zentrum für genetische Ressourcen von Pflanzen, das traditionelles Saatgut aufbewahrt.

"Für die Farmer darf genetisch verändertes Saatgut nie die einzige Wahlmöglichkeit sein. Wir müssen ihnen andere Optionen bieten, und wir erwarten, dass es demokratische Verfahren gibt, bei denen besorgte Bauern mitreden können und man ihnen die Wahl lässt", betonte der Beamte.

Leider habe sich die Regierungspolitik noch nicht überall im Land durchgesetzt, räumte Jaftha ein. "Auf Provinzebene kann es vorkommen, dass man den Bauern keine Wahl lässt. Wir wissen, dass uns noch viel Arbeit bevorsteht." (afr/IPS)

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