Südafrika: Kein Schutz vor Gewalt

Homosexuelle sehen sich von Staat im Stich gelassen

Von Jedi Ramapala | 27.07.2012

Johannesburg. Wendy Hlophe* trauert um ihre langjährige Freundin. Die 28-jährige Sanna Supa wurde vor wenigen Wochen vor ihrem Haus im südafrikanischen Township Braamficherville erschossen. Hlophe gibt sich selbst die Schuld an Supas Tod. Seit die Freundin sich vor drei Jahren als Lesbe outete, habe sie sie immer darin bestärkt, erzählt Hlophe.

Da Hlophe selbst lesbisch sei und dies nicht verberge, habe sie Supa, die in Dobsonville in Soweto eine Schule leitete, vermutlich besonders in Gefahr gebracht. "Wir sind in derselben Straße aufgewachsen und wurden oft zusammen gesehen", sagt sie.

Als Supa starb, ging das unabhängige 'Forum for the Empowerment of Women' (FEW) davon aus, dass ihre sexuelle Orientierung das Verbrechen provoziert habe. Weder ihr Auto noch andere Habseligkeiten wurden gestohlen. FEW kritisierte zugleich, dass solche Gewalttaten in dem Land weitgehend ignoriert würden.

Übergriffe an der Tagesordnung

Der Mord an Supa ist kein Einzelfall. Allein im Juni wurden neun weitere Lesben aufgrund ihrer Orientierung getötet, wie die Menschen- und Frauenrechtlerin Jabu Pereira erklärte. Auch Homosexuelle würden täglich Zielscheiben von Angriffen.

Im Februar wurden vier südafrikanische Männer zu 18 Jahren Haft verurteilt, weil sie 2006 einen lesbischen Teenager, die 19-jährige Zoliswa Nkonyana, gesteinigt und erstochen hatten. Häufig werden lesbische Frauen auch vergewaltigt, weil Täter der Meinung sind, sie könnten ihre Opfer von ihrer sexuellen Neigung 'kurieren'.

Als am 18. Juli der 94. Geburtstag des ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes und Anti-Apartheid-Kämpfers Nelson Mandela begangen wurde, erklärten homosexuelle Aktivisten, dass sie keinen Anlass zum Feiern sähen. An dem Tag waren alle Südafrikaner aufgefordert, im Gedenken an die 67 Jahre des Kampfes von Mandela für die Menschenrechte 67 Minuten ihrer Zeit für gemeinnützige Arbeiten aufzubringen.

 "Tag der Schande" für die Regierung und den ANC

Menschenrechtsorganisationen sprachen dagegen von einem "Tag der Schande" für die südafrikanische Regierung und den regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC), weil diese die Verbrechen gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle (LGBT) nicht unterbänden.

Die '67-Minuten-Aktion' sei ein Fehlschlag, meinten Aktivisten, die friedlich in den Library Gardens in Johannesburg demonstrierten. Die amtierende Regierung habe alles missachtet, was der ehemalige Präsident Mandela verkörpere, der nach wie vor Mitglied des ANC sei, hieß es.

Mehr als hundert Lesben und Schwule sowie Vertreter mehrerer Menschenrechtsvereinigungen wie das 'Gay and Lesbian Equality Project' protestierten gemeinsam gegen die zunehmende Gewalt, Vergewaltigungen und Intoleranz. Das Schweigen der Regierung angesichts der Hassverbrechen habe die Lage weiter verschärft, prangerten sie an.

Abfällige Außerungen von ANC-Abgeordnetem

"Wir schämen uns für unsere Führer", erklärte Pereira. Die Organisatoren der Demonstration verurteilten zudem die abwertenden Äußerungen über Schwule, die der ANC-Abgeordnete Nkosi Patekile Holomisa getan hat. Anlass war ein in das Parlament eingebrachter Vorschlag zur Aufhebung des in der Staatsverfassung garantierten Schutzes vor Diskriminierung aufgrund sexueller oder geschlechtlicher Orientierung.

Holomisa ist als Jurist am Obersten Gerichtshof tätig und führt den Vorsitz in dem Parlamentsausschuss, der die Verfassung überprüft. In einem im Mai 2012 veröffentlichten Interview sagte er: "Der ANC weiß, dass der Großteil der Südafrikaner die Rechte von Schwulen und Lesben nicht schützen will."

Seine Partei hat sich inzwischen allerdings von diesen Äußerungen distanziert. "Der ANC ist überzeugt, dass ein Gesetz, das Menschen das Recht nimmt, ihre sexuelle Orientierung frei zu zeigen, sie in der Gesellschaft abwertet. Es wäre daher ein Affront gegen ihre Würde und ein Verstoß gegen Paragraph 9 unserer Verfassung."

Auch nicht homosexuelle Südafrikaner zeigten sich auf der Demonstration solidarisch mit den LGBT. Die Regierung mache einen Fehler, wenn sie zu den Attacken schweige, sagt der 35-jährige Wanderarbeiter Wandile Ntubeni. Der Staat müsse an vorderster Front eine Diskussion vorantreiben, die der Bevölkerung helfen könne, mit der Situation umzugehen. (afr/IPS)

*Name zum Schutz der Identität geändert

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