Südafrika: Bedeutungsverlust als Tor zu Afrika

Investoren wandern ab

Von Servaas van den Bosch | 06.04.2012

Johannesburg. Die Mitgliedschaft im Verband der führenden Schwellenländer und seine besondere Stellung innerhalb des schwarzen Kontinents hat dazu geführt, dass Südafrika als Tor zum afrikanischen Kontinent betrachtet wird. Doch Handelsexperten zufolge könnte es mit dieser Sonderposition bald vorbei sein, da Investoren inzwischen auch auf anderen afrikanischen Märkten anzutreffen sind.

Seit 2003 gehört Südafrika mit Indien und Brasilien der Gruppe der IBSA-Staaten an. Vor zwei Jahren fand sich das Land zusammen mit Brasilien, Russland, Indien und China in der sogenannten BRICS-Gemeinschaft wieder. Wirtschaftswissenschaftlern zufolge wird das dynamische Wachstum der BRICS-Länder den Entwicklungsländern zu mehr wirtschaftlichem Einfluss verhelfen. Und Südafrika werde im Sinne einer solchen Entwicklung als das am meisten entwickelte Land die Infrastruktur und Dienstleistungen bereitstellen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat den Sub-Sahara-Staaten für dieses Jahr ein durchschnittliches Wachstum von sechs Prozent vorhergesagt, wobei es Länder wie Angola auf ein doppelt so hohes Bruttoinlandsprodukt (BIP) bringen könnten. Der schwarze Kontinent gilt als das Investitionsziel dieses Jahrzehnts.

Unerschlossene Märkte

Die etwas mehr als eine Milliarde Afrikaner sind den 3,8 Milliarden Asiaten zwar zahlenmäßig weit unterlegen. Doch attraktiv macht den afrikanischen Markt, dass er noch weitgehend unerschlossen ist. Für die Länder der Region bieten sich somit extrem gute Wachstumsmöglichkeiten. Sie könnten Südafrika ausstechen.

"Die geographische Lage Südafrikas ist nicht die Beste", meinte dazu Peter Draper, Wissenschaftler des Südafrikanischen Instituts für internationale Angelegenheiten (SAIIA). So betrachteten Multis die Wirtschaftsprovinz Gauteng oder auch Kaptstadt nicht länger als unverzichtbare Außenposten, um den Kontinent zu kapern.

Das Unternehmen 'General Electric' hat kürzlich die kenianische Hauptstadt Nairobi als afrikanischen Standort gewählt und folgte damit dem Beispiel von Coca Cola, Nestlé and Heineken. Handelsexperten führen diesen Trend auch auf die unklaren politischen Entwicklungen in Südafrika zurück.

"Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß ausländische Unternehmen Südafrika auch weiterhin als Tor zum Kontinent nutzen werden", meinte Draper Mitte März auf einer von SAIIA organisierten Konferenz. Er geht davon aus, dass in Zukunft vor allem die bevölkerungsreichen Zentren in Westafrika das afrikanische Wachstum beflügeln werden.

Nach Ansicht von Dianna Games, Geschäftsführerin der Beraterfirma Africa @ Work, hat sich Südafrika des Brückenkonzepts bedient, um sich global zu positionieren. "Doch die Vorstellung von einem einzigen Tor zum Kontinent wird nicht zwingend von den übrigen afrikanischen Ländern geteilt. In dem Maße, in dem sich ausländische Investoren in afrikanischen Regionen und Ländern verteilen, verliert Südafrika in unterschiedlichen Bereichen an Bedeutung. Das heißt nicht, dass andere Staaten in einer besseren Position als der Kapstaat wären. Doch die Wahrheit ist, dass diese Märkte zulegen, während Südafrika abrutscht."

Games empfiehlt Südafrika deshalb progressive Strategien, um für ausländische Investoren interessant zu bleiben. "Investoren wenden sich neuen afrikanischen Märkten zu, weil sie das können", meinte sie. Die südafrikanische Regierung ist ihrer Meinung nach weniger besorgt über den Wettbewerbsverlust als sie sein sollte.

Games wies darauf hin, dass der südafrikanische Hafen Durban einst der teuerste der ganzen Welt gewesen sei. Doch die Attraktivität der östlichen und westlichen Küsten habe bereits einen Wandel bewirkt. Irgendwann einmal werde Durban nur noch einer von vielen Handelsumschlagplätzen sein.

Politische Bedenken

"Investoren machen sich auch Sorgen, was wirtschaftliche und politische Freiheiten angeht", warnte die Expertin. Südafrika sei dabei, seinen Sonderstatus in Afrika zu verlieren, da viele afrikanische Länder auch politisch aufholten. Außerdem habe Südafrika andere afrikanische Länder, die nicht so gut organisiert seien, mit seiner Bürokratie vergrätzt.

Hinzu kommt, dass China und Indien seit langem bilaterale Beziehungen zu den meisten afrikanischen Ländern unterhalten. Das portugiesischsprachige Afrika und insbesondere Angola werden zudem für Brasilien als Afrika-Tor immer interessanter.

"Mit 240 australischen Bergbauunternehmen und mehr als 800 Öl- und Gasfirmen, die in Afrika operieren, verliert das Brückenkopf-Konzept an Bedeutung. Viele dieser Firmen operieren von ihrem Herkunftsland aus und bewegen sich direkt zu den Ressourcen anstatt afrikanische Firmensitze zu gründen. Noch sind wir stark BRICS-bezogen. Doch BRICS könnte ein Auslaufmodell werden", meinte die Chefin von Africa @ Work.

"Uns wurde der Ruf, das Tor Afrikas zu sein, angehängt. Wir haben es hier nicht mit einer politischen Entscheidung zu tun", meinte dazu ein südafrikanischer Handelsbeauftragter. "Und ganz sicher sind wir kein Brückenkopf". Dem Beamten zufolge ist es für den Kapstaat irrelevant, dass er diesen Status verliert. "Wir begrüßen es, dass Investitionen direkt in die afrikanischen Länder gehen. Auf diese Weise nähern wir uns unserem kollektiven Wachstumsziel, und unser Kontinent wird wettbewerbsfähiger. Wir brauchen allein schon im eigenen Interesse ein wachstumsstarkes Afrika." (afr/IPS)

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