Südafrika: Ausufernde Gewalt gegen Frauen

Aktivisten fordern konsequente Ahndung von Verbrechen

Von Fatima Asmal-Motala | 28.02.2013

Durban. In Südafrika haben der Fall des unter Mordverdacht stehenden Spitzensportlers Oscar Pistorius und die brutale Vergewaltigung der 17-Jährigen Anene Boyseen eine erhitzte Debatte über den Umgang mit der ausufernden Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Jeden Tag werden am Kap durchschnittlich sieben Frauen ermordet.

Pistorius, der bei den Paralympischen Spielen als Sprinter mehrere Goldmedaillen gewann und im vergangenen Jahr in London als erster beidseitig beinamputierter Athlet an den Olympischen Sommerspielen teilnahm, wird beschuldigt, am Valentinstag seine Freundin Reeva Steenkamp nach einem Streit erschossen zu haben. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe und spricht von einem Unfall.

Prozessbeobachter fragen sich nun, ob der Fall die Politik zum Handeln bringen wird. Die brutale Massenvergewaltigung und Folterung der 17-jährigen Anene Booysen, die an den schweren Verletzungen starb, sorgte bereits für einen landesweiten Aufschrei der Empörung. Die Täter hatten den Bauch des Mädchens aufgeschlitzt und die Eingeweide herausgerissen. Zwei Verdächtige stehen nun vor Gericht.

Menschen- und Frauenrechtsaktivisten fordern dringend Maßnahmen gegen die ausufernde Gewalt gegen Frauen. Den Statistiken der südafrikanischen Polizei von 2011 zufolge werden in dem Land täglich im Durchschnitt sieben Frauen getötet. Kriminologen gehen zudem davon aus, dass alle 17 Sekunden eine Frau vergewaltigt wird. Nach Einschätzung von Interpol ist Südafrika das Land, in dem weltweit die meisten Frauen sexuell missbraucht werden. Der Polizei wird jedoch nur weniger als ein Prozent der Vergewaltigungen gemeldet.

Die Politologin Amanda Gouws von der Universität Stellenbosch, die der Südafrikanischen Kommission für die Gleichstellung der Geschlechter angehört, zweifelt trotz der großen Empörung in der Bevölkerung und in den Medien daran, dass die Peiniger von Booysen angemessen bestraft werden.

Täter meist nicht angemessen bestraft

"Ich habe zu häufig Fälle beobachtet, die mit einem Paukenschlag begannen. Viele Verfahren kommen zu keinem guten Ende, weil nicht alle Zeugen befragt und Beweise gefälscht wurden. Oder die Prozesse scheitern an Verfahrensmängeln", sagt Gouws. Es gebe Tausende Übergriffe auf Frauen, die unbemerkt blieben.

Pistorius wurde am selben Tag festgenommen, als der südafrikanische Staatpräsident Jacob Zuma eine Rede zur Lage der Nation hielt. Das Land wird durch eine schwere Wirtschaftskrise und das Vorherrschen brutaler Gewalt geschwächt.

Gouws wirft Zuma vor, die Situation der Frauen nicht realistisch einzuschätzen. Er habe zwar die Notwendigkeit betont, Maßnahmen auf nationaler und auf Provinzebene gegen gewaltsame Proteste zu ergreifen, sei aber auf die verbreitete Gewalt gegen Frauen nicht explizit eingegangen. Angesichts eines Verhältnisses von 5.000 Demonstrationen zu etwa 64.000 Vergewaltigungen im vergangenen Jahr sei sie von Zumas Rede "sehr enttäuscht".

Laut einer in diesem Jahr veröffentlichten Untersuchung des Medizinischen Forschungsrats hat mehr als ein Viertel von 1.738 zu Testzwecken befragten Männer aus allen Bevölkerungsschichten zugegeben, zumindest einmal eine Frau missbraucht zu haben.

Gewalt gegen Frauen in Südafrika beschränkt sich allerdings nicht auf Vergewaltigung und Mord. Unter 'häuslicher Gewalt' sind auch körperliche Angriffe ohne sexuelle Absichten, seelische Misshandlungen und wirtschaftliche Ausbeutung sowie 'Stalking' zu verstehen.

Kürzlich berichteten südafrikanische Medien darüber, dass Judy Sexwale, die Frau des Ministers für menschliche Siedlungen Tokyo Sexwale, ihren Mann während des Scheidungsprozesses genau dieser Vergehen beschuldigt hat. Staatspräsident Zuma, damals Vize-Chef der Regierungspartei, war 2006 selbst der Vergewaltigung bezichtigt worden, wurde aber freigesprochen.

Präsident zu klarer Stellungnahme aufgefordert

Lubna Nadvi, die Vorsitzende der Frauenrechtsgruppe 'Advice Desk for the Abused' in Durban vermisst eine klare Stellungnahme der politischen Führung zum Thema Gewalt gegen Frauen. "Der Präsident muss verdeutlichen, dass Frauen und Mädchen Männern nicht als sexuelle Objekte zur freien Verfügung stehen. Weder die afrikanische noch irgendeine andere Kultur gibt Männern das Recht, Frauen zu missbrauchen."

Nadvi fordert, dass die Justiz und die Öffentlichkeit in Südafrika die extreme Brutalität berücksichtigen sollten, mit der die Verbrechen an Booysen, Steenkamp und Sexwale begangen wurden. "Wenn die Nation als Ganzes nicht rasch handelt, laufen wir Gefahr, als Land bekannt zu werden, in dem Frauen und Mädchen nirgendwo sicher sind, vor allem nicht in der Nähe ihrer Partner." (afr/IPS)

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