Sudan/Südsudan: Abyei zwischen den Stühlen

Inoffizielles Referendum soll als Druckmittel dienen

Von Andrew Green | 08.11.2013

Abyei. Chris Bak ist vor einigen Wochen nach Abyei zurückgekehrt. Die Enttäuschung war groß, denn seine Heimatstadt in der gleichnamigen Region, auf die sowohl der Sudan als auch der Südsudan Anspruch erheben, ist nicht wiederzuerkennen. "Wo man geht und steht, überall Schmutz", sagt er, der in einer verlassenen Schule sein Lager aufgeschlagen hat.

Das Friedensabkommen von 2005 hat zwar das Ende des jahrzehntelangen sudanesischen Bürgerkriegs besiegelt und den Weg für einen unabhängigen Staat Südsudan freigemacht. Doch die Zugehörigkeit der erdölreichen und landwirtschaftlich produktiven Region Abyei ist nach wie vor nicht geklärt.

Das Klassenzimmer, in dem Bak untergebracht ist, hat kein Dach. "Regnet es, haben wir ein Problem", meint der Heimkehrer, der sich den Raum mit einem Freund teilt, der Symptome einer Malaria-Erkrankung aufweist. Die Suche nach einem Arzt hat sich bisher als erfolglos herausgestellt. "Wir sehen uns mit so vielen Problemen konfrontiert", sagt er. "Wir müssen Abyei endlich voranbringen."

Fünf Jahre lang hatte der 25-Jährige seine Heimatstadt nicht gesehen. Er kam zurück, um an einem geplanten Referendum über die Zukunft von Abyei teilzunehmen. Die Afrikanische Union (AU) hatte den Volksentscheid für Ende Oktober vorgesehen, doch der Sudan hat mit seiner Weigerung die Pläne zunichte gemacht.

Die Regierung in Khartoum boykottierte den Termin mit der Begründung, dass Mitglieder der pro-sudanesischen Gemeinschaft der Misseriya von einer Teilnahme ausgeschlossen seien. Die Hirten blieben dem Referendum fern. Bisher hat die AU aufgrund des beharrlichen sudanesischen Widerstands noch keinen alternativen Termin für das Votum vorgeschlagen.

Bevölkerung macht Druck

Doch haben die Widrigkeiten dem Enthusiasmus der Mehrheitsbevölkerung der Dinka Ngok, am 29. Oktober ein inoffizielles Referendum durchzuführen, keinen Abbruch getan. Ein Zusammenschluss traditioneller Führer, das sogenannte Hohe Komitee für ein Referendum in Abyei, hatte nach eigenen Angaben im letzten Monat die Anreise von 100.000 ehemaligen Einwohnern der Region organisiert, damit diese ihre Stimme abgeben konnten. Berichten zufolge stimmten Berichten zufolge 99,9 Prozent der Wähler für den Anschluss an den Südsudan.

Doch die AU hat die Eigeninitiative als Gefahr für den Frieden in der Region verurteilt, und der Südsudan hatte bereits vor dem Referendum mitgeteilt, dass er das Ergebnis nicht anerkennen werde. Nach Ansicht von Alfred Lokuji, Professor für Frieden und ländliche Entwicklung an der Universität von Juba, wird der Volksentscheid deshalb wirkungslos bleiben. Allerdings sei er von hohem Symbolwert, zeige er die Entschlossenheit der Dinka Ngok, eine Lösung des regionalen Problems herbeizuführen.

Der sudanesische Präsident Omar al-Bashir war Ende Oktober in die südsudanesische Hauptstadt Juba gereist, um dort mit seinem Amtskollegen Salva Kiir zu sprechen. Nach dem Gipfeltreffen kündigten die beiden Staatsoberhäupter an, mit ihren Plänen fortzufahren, Abyei unter eine gemeinsame Verwaltung mit einer gemeinsamen Polizeieinheit zu stellen. Einen genauen Zeitplan legten sie jedoch nicht vor.

Die Dinka Ngok haben diesen Plänen ihrerseits eine Absage erteilt. Denn sie können sich den Luxus nicht leisten, ewig darauf zu warten, dass Juba, Khartoum und die internationale Gemeinschaft endlich eine dauerhafte Lösung für Abyei finden.

2008 war die Region Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Milizen, die von der sudanesischen Regierung unterstützt werden, und südsudanesischen Kräften. 'Human Rights Watch' schätzt die Zahl der Zivilisten, die vor den bewaffneten Auseinandersetzungen die Flucht ergriffen, auf 60.000. Das war der Augenblick, als auch Bak mit seiner Familie ins vier Stunden Autofahrt entfernte südsudanesische Aweil floh.

2011 kam es – kurz vor der Abspaltung des Südens vom Sudan – erneut zu heftigen Zusammenstößen. Überall in der Region sind noch die Reste von Häusern zu sehen, die der Konfrontation damals zum Opfer fielen. Ein umgestürzter rotweißer Mobiltelefonmast liegt quer über Bäumen und Ruinen.

Mit der Rückkehr der tausenden Menschen wächst der Druck auf die Dinka Ngok-Führung, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. "Wenn man sich hier umsieht, springt die viele Arbeit ins Auge, die auf uns zukommt", meint der Ingenieur Michael Acuil Deng, der lange Zeit in Juba lebte. "Wir müssen endlich loslegen."

Entwicklung im Niemandsland schwierig

Doch Entwicklung in einem Niemandsland ist eine schwierige Angelegenheit. Deng Agos Lowal gehört zu denjenigen, die trotz der Kämpfe in Abyei geblieben sind. Es ist Mitglied der lokalen Kommission für soziale Wohlfahrt, die die Bevölkerung mit dem Grundlegendsten zu versorgen sucht. Doch ohne Unterstützung aus Juba oder Khartoum seien die Möglichkeiten, den Menschen vor Ort zu helfen, gering, sagt er. "Die Kinder und die alten Menschen sterben uns weg. Es gibt keine medizinische Grundversorgung."

Zwar ist in der Region eine UN-Friedenstruppe stationiert, doch die ungewisse Zukunft vor Ort hat dafür gesorgt, dass die Hilfsorganisationen fernblieben. Das einzige, was man tun könne, sei abzuwarten, bis sich das Schicksal von Abyei entscheide, meint Lowal.

Der oberste Führer der Dinka Ngok, Bulabek Deng Kuol, hofft, mit dem Alleingang seiner Gemeinschaft zumindest die regionale und internationale Gemeinschaft aufgerüttelt zu haben. "Wir sind bereit, unsere gesamte Kraft in den Wiederaufbau zu investieren", betont er. "Und wir hoffen auf die Ankunft von Hilfsorganisationen, damit es für die Bevölkerung hier leichter wird." (Ende)

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